Franke: "Hörmann hat keine Ahnung"

SID
Donnerstag, 05.12.2013 | 12:04 Uhr
Alfons Hörmann könnte am 7. Dezember zum DOSB-Präsident gewählt werden
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"Blanker Unsinn", "naiv", "entlarvend": Alfons Hörmann hat es sich mit mehreren renommierten deutschen Doping-Bekämpfern schon vor seiner praktisch sicheren Wahl zum Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag gründlich verscherzt.

Anlass zu der harschen Kritik gaben Aussagen Hörmanns in einem Interview mit dem "Sport-Informations-Dienst" ("SID"), die den Verdacht nahe legen, dass der kommende Spitzenfunktionär die Dopingproblematik in Deutschland als wenig alarmierend wertet. Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel spricht von einer "fatalen Fehleinschätzung".

Hörmann hatte in dem "SID"-Interview zwar gesagt, dass der Anti-Doping-Kampf auf seiner Agenda ganz oben stehen werde, doch für die Doping-Bekämpfer steckte der Teufel im Detail.

Hörmann sagte, man könne die geringe Aufklärungsquote der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) auch positiv dahingehend interpretieren, dass sich "deutsche Sportler das Risiko eines Dopingvergehens einfach nicht mehr leisten können".

Weiter meinte Hörmann: "Ich bin nicht blauäugig und weiß, dass es schwarze Schafe gibt." Er sei aber auch überzeugt, "dass sich unsere Athleten, Trainer und Ärzte dem Thema Anti-Doping klar und deutlich verschrieben haben. Sonst würde ich dieses Thema anders beurteilen."

Franke: "Hörmann schützt dopende Sportler"

Den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke brachte Hörmanns positive Wertung der NADA-Quote regelrecht auf die Palme. "Hörmann hat keine Ahnung. Was er sagt, ist blanker Unsinn, das beweisen schon die Erkenntnisse aus den Skandalen an der Uni Freiburg", sagte Franke, der vermutet: "Auch Hörmann geht es nur um eins: Schutz der dopenden Sportler, Schutz der Medaillen - Schutz des Geschäftsmodells Sport."

Sörgel hält Hörmanns Aussagen für "naiv und entlarvend" und glaubt: "Einen wahren Fortschritt können wir von ihm offensichtlich nicht erwarten. Dass man da keinen anderen Mann für die DOSB-Spitze gefunden hat, zeigt mir nur, dass der Sport offenbar mit dem fragwürdigen Status Quo hervorragend leben kann."

Dagmar Freitag, in der vergangenen Legislaturperiode die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, wertete weniger emotional, aber ebenfalls kritisch.

"Allein die Tatsache, dass es nur wenige positive Tests gibt, darf nicht zur Feststellung verleiten, dass kaum gedopt wird", sagte die SPD-Politikerin: "Dieses Feigenblatt ist zu klein, denn die Diskrepanz dieser Daten zu den Aussagen unter anderem aus der Studie der Sporthilfe, den Erhebungen von Professor Emrich oder den Erkenntnissen auf der Internet-Plattform der früheren Athletin Claudia Lepping ist einfach zu groß."

Umfrage: 35 Prozent der Spitzensportler gedopt

Eine Studie des Saarbrücker Sportsoziologen Eike Emrich führte zu dem Ergebnis, dass je nach Messverfahren zwischen 10,2 und 35 Prozent der Spitzensportler gedopt sind. In einer Umfrage der Sporthilfe unter deutschen Top-Athleten gaben 5,9 Prozent an, regelmäßig zu dopen.

Die Dunkelziffer ist erheblich höher, da häufig eine Antwort auf die entsprechende Frage verweigert wurde. Claudia Lepping erhält auf ihrer Website "dopingalarm.de" regelmäßig neue Erkenntnisse aus der Doping-Halbwelt - auch von Betrügern, die bei ihr die Beichte ablegen.

Lepping ist von Hörmanns Ansichten erschüttert. "Wenn Herr Hörmann behauptet, die Dopingbekämpfung der NADA liefe bereits vorbildlich, frage ich mich, was ihn für das Amt des DOSB-Präsidenten in Sachen Doping befähigt: ein hohes Maß an Unwissenheit oder ein noch höheres Maß an Chuzpe?", sagt Lepping, die sich als Athletin in den 1980er Jahren den Doping-Offerten ihres damaligen Trainers beim SCE Hamm widersetzte - und mit ihrer Anklage bei deutschen Funktionären auf taube Ohren stieß.

NADA verteidigt Hörmann

"Bei Funktionären scheint die häufigste Nebenwirkung des Dopings - freilich im übertragenen Sinne - Schizophrenie zu sein: Da passen Realität und Denken einfach nicht zusammen", sagt Lepping: "Die Athleten werden Herrn Hörmann dem Realitäts- und Glaubwürdigkeitstest unterziehen."

Die NADA verteidigt dagegen Hörmanns Sichtweise - zumindest indirekt und vorsichtig. "Gute Anti-Doping-Arbeit kann nicht nur an der Zahl der positiven Fälle gemessen werden, sondern muss auch andere Faktoren berücksichtigen", teilte die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann auf Anfrage mit.

Sie nannte Beispiele wie "die stetige Fortentwicklung des Doping-Kontroll-Systems mit unangekündigten, intelligent geplanten Kontrollen zu jeder Zeit, genauso wie das Einfrieren von Proben und deren Re-Analyse zu einem späteren Zeitpunkt mit neuen, verbesserten Analyseverfahren." Dies alles, so Gotzmann, diene auch der Abschreckung.

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