Markus Steuerwald im Interview

"...dann können wir alle schlagen"

Von Interview: Liane Killmann
Freitag, 20.09.2013 | 14:46 Uhr
Libero Markus Steuerwald (M.) und das DVV-Team starteten mit einem Überraschungssieg in die EM
© imago
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Die deutsche Nationalmannschaft ist mit einem Sensationserfolg in die Volleyball-EM gestartet. Das Team von Vital Heynen fegte Olympiasieger Russland mit 3:0 vom Parkett. SPOX sprach mit Libero Markus Steuerwald über die Ziele fürs Turnier, den Umbruch in der Mannschaft und seine "Flucht" von Friedrichshafen nach Paris.

SPOX: Markus Steuerwald, herzlichen Glückwunsch, zum glatten Auftakterfolg bei der EM gegen Olympiasieger Russland. Da ist Ihnen eine Riesenüberraschung gelungen.

Markus Steuerwald: Ja, vielen Dank.

SPOX: Und das ohne Ihren Kapitän Jochen Schöps. Dabei hatten Sie fünf EM-Debütanten im Kader. Mussten Sie denen Mut machen oder ging nach den sehr guten Vorbereitungsergebnissen alles von allein?

Steuerwald: Wir sind auf jeden Fall topmotiviert in das Spiel gegangen. Der gute Start war immens wichtig. Dennoch denke ich, dass der Sieg gegen Russland noch nicht unbedingt entscheidend ist für den Rest des Turniers.

SPOX: Ist es vielleicht sogar einfacher, im allerersten Gruppenspiel gegen den Olympiasieger anzutreten, als wenn man dann später in der K.o.-Runde auf ihn trifft?

Steuerwald: Klar, wir hatten im ersten Spiel nichts zu verlieren, konnten relativ frei aufspielen. In der Weltliga hatten wir ein Spiel gegen die Russen verloren und eines gewonnen. Wir wussten, wenn wir Druck aufbauen und gut spielen, können wir diese Aufgabe lösen.

SPOX: Jetzt geht es in der Gruppe gegen Bulgarien und Tschechien. Das kann noch haarig werden.

Steuerwald: Stimmt, die Bulgaren haben in den letzten ein, zwei Jahren gute Ergebnisse erzielt und sind sehr schwer zu schlagen. Die Tschechen haben im Grunde eine gute Mannschaft, aber die müssen wir schlagen. Wir sind ja auch keine schlechte Mannschaft.

SPOX: Vor allem ist das deutsche Team stark verjüngt. Nur noch acht Olympiafahrer, wo Sie Fünfter wurden, sind an Bord. Wie lautet das Ziel für diese EM?

Steuerwald: Unser Ziel ist das Überstehen der Gruppenphase. Gegen Russland haben wir bewiesen: Auch wenn wir ein paar unerfahrene Spieler dabei haben, an einem guten Tag können wir alle Gegner schlagen.

SPOX: Nach dem glatten 3:0 klingt das Überstehen der Gruppe aber nach Tiefstapelei.

Steuerwald: Jein, das Turnier ist lang, und wenn wir weiterkommen, können wir wieder auf Russland oder Bulgarien treffen.

SPOX: Wer ist Ihr Turnierfavorit?

Steuerwald: Noch immer Russland, die Polen als Co-Gastgeber und Italien. Auch die Bulgaren, die mit der gleichen Mannschaft spielen wie letztes Jahr, schätze ich sehr stark ein. Viele ihrer Spieler sind jung aber erfahren.

SPOX: In der Vorbereitung hat Deutschland zwei Mal überraschend klar gegen Italien gewonnen. Sie sahen nach den 3:2- und 3:0-Siegen gegen den WM-Dritten sogar noch Luft nach oben. Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf beim DVV-Team?

Steuerwald: Wir haben gegen die Italiener beim 3:2 im zweiten Satz sechs direkte Fehler aus der Abwehr nicht genutzt. In solchen Situationen müssen wir den Angriff danach einfach cleverer lösen.

SPOX: Sie werden als einer der erfahrenen Spieler im Turnier gefragt sein, dass Team in den entscheidenden Situationen zu beruhigen, zu pushen und ein Stück weit zu lenken. Ist das eine Rolle die Ihnen liegt?

Steuerwald: Ja, ich denke das kann man schon so sehen. Ich bin da hineingewachsen. Wir haben viele eher ruhigere Spieler in der Mannschaft. Wenn ich rein komme, ist es mein Job, das Team zu pushen und mit einer starken Aktion gute Stimmung zu erzeugen.

SPOX: Stimmung ist ein gutes Stichwort. Wie hat die Herren-Mannschaft denn das erfolgreiche Turnier der Damen verfolgt?

Steuerwald: Beim Halbfinale haben wir alle zusammen vor dem Fernseher gesessen. Und beim Finale waren wir in Berlin und haben uns mitgefreut. Für die Mädels ist es super, dass sie Zweiter geworden sind.

SPOX: Die mediale Aufmerksamkeit für die Damen war groß, Sie können jetzt nachlegen. Womöglich haben die Zuschauer Blut geleckt. Erhoffen Sie sich dadurch einen Push für die Bundesliga?

Steuerwald: Das würde ich mir wünschen. Es hängt ja alles miteinander zusammen: Volle Hallen, dann das Fernsehen und dann kommt automatisch das Geld. Ein weiterer Erfolg würde den Volleyball-Sport allgemein voranbringen.

SPOX: Sie haben in Sachen Zuschauerzuspruch und Marketing den direkten Vergleich zu Frankreich, da Sie seit drei Jahren für Paris Volley spielen. Was läuft in Paris anders als zuvor in Friedrichshafen?

Steuerwald: Friedrichshafen ist in Sachen Sponsoren und Organisation gut aufgestellt. Da ist der VfB sicherlich einer der besten Klubs Europas, vielleicht sogar in der Welt. Da wird sehr, sehr viel gemacht. Ein großer Unterschied ist aber die Ausgeglichenheit der Liga in Frankreich. Deutschland hat halt momentan mit Haching, Berlin und Friedrichshafen leider nur drei richtige Top-Teams. In Frankreich haben wir eine reine Profi-Liga.

SPOX: Sie waren mit Friedrichshafen unheimlich schnell erfolgreich nach Ihrem Aufstieg aus der zweiten Liga, gewannen schon mit 18 Jahren das Triple und wurden bester Libero der Liga. Danach folgte überraschende die Ausbootung für Olympia in Peking durch Ihren Heimcoach Stelian Moculescu. Wie sind Sie mit damals 19 Jahren aus diesem Loch rausgekommen? Hat man da überhaupt noch Bock weiter Volleyball zu spielen?

Steuerwald: Ich will nicht sagen, dass ich geflüchtet bin, aber ich eine neue Herausforderung. Mein Ziel war es sowieso, irgendwann mal im Ausland zu spielen und dann kam das Angebot aus Paris. Neue Sprache, neues Land, neue Liga, neue Menschen. Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt. Und dann hatte ich auch wieder Spaß am Volleyball.

SPOX: Inwiefern hat Ihnen der Schritt nach Paris geholfen sich weiterzuentwickeln?

Steuerwald: Ich war damals noch ein sehr junger Spieler. Und wir hatten junge Franzosen im Team. Im Vergleich zu denen hatte ich aber schon relativ viel Erfahrung sammeln können, gute wie schlechte in ganz kurzer Zeit. Ganz anders als in Friedrichshafen war ich sofort eine Art Vorbild für die jungen Spieler, habe versucht zu helfen und viel zu reden.

SPOX: Die neue Verantwortung hat Sie motiviert?

Steuerwald: Ja, ich denke, dass man als Ausländer einfach ein anderes Standing hat, als ein junger einheimischer Spieler. Deshalb ist es für die Nationalmannschaft gar nicht schlecht, viele Legionäre an Bord zu haben. Sie alle haben viel dazugelernt.

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