Behandeltes Blut sorgt für Verwirrung

UV-Affäre: NADA gerät in die Kritik

SID
Montag, 30.01.2012 | 21:39 Uhr
Die Berichte um Doping in Erfurt sorgen für Aufsehen
© Getty
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Die vermeintliche Doping-Affäre um mit UV-Strahlen behandeltes Blut zieht immer größere Kreise. Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) erhält bei der Staatsanwaltschaft Erfurt erneute Akteneinsicht und prüft, ob Verfahren gegen 28 weitere Sportler eingeleitet werden.

Während derzeit untersucht wird, ob bei einer Eissschnellläuferin sowie dem Nachwuchs-Radsportler Jakob Steigmiller überhaupt ein Verstoß vorliegt, gerät die NADA selbst ins Visier der Kritiker.

"Die NADA hat was, macht aber nichts. Das ist an Dilettantismus nicht zu überbieten", sagte Doping-Experte Werner Franke der Nachrichtenagentur "dapd". Der Heidelberger Molekularbiologe griff dabei die NADA-Vorsitzende Andrea Gotzmann scharf an. In einem Bericht der "ARD" habe sie "inkompetent rumgestottert".

Dass bislang nur zwei Fälle verfolgt wurden, hatte Gotzmann mit der "Größenordnung der Angelegenheit" erklärt. "Das kommt nicht jeden Tag auf eine Nationale Anti-Doping-Agentur zu. Ich kenne auch keine Agentur der Welt, die das von heute auf morgen so umsetzen und bewältigen kann. Wir planen das intensiv, was unsere personellen und finanziellen Ressourcen angeht", sagte Gotzmann in dem am Sonntagabend ausgestrahlten "ARD"-Bericht.

"Da werden Namen verbrannt"

Einer der zwei Athleten ist der Radsportler Jakob Steigmiller, wie dessen Teamchef Jörg Werner der "dapd" bestätigte. Der frühere Arzt des Erfurter Olympiastützpunktes, Andreas Franke, hatte Steigmillers Blut im Zuge einer Infektionserkrankung mit UV-Licht behandelt. "Jakob hat der NADA offen und ehrlich mitgeteilt, was wann und wie gelaufen ist. Er hat sich als Sportler nichts zuschulden kommen lassen. Er hat den Arzt gefragt, ob die Behandlung zulässig ist", sagte Werner.

Nach Informationen des Mitteldeutschen Rundfunks war die NADA offenbar zudem schon seit 2007 über die UV-Behandlungen des Arztes informiert. Bernd Neudert habe sich bereits vor fünf Jahren bei der Agentur erkundigt, ob die Bestrahlungen zulässig seien, sagte der Leiter des Erfurter Olympiastützpunktes dem "MDR-Thüringen".

Die Erklärung der NADA, dass eine Behandlung kritisch zu bewerten sei, reichte Neudert nicht. Er habe daraufhin konkret wissen wollen, ob die Bestrahlung erlaubt oder verboten sei, seine Mail wurde jedoch nie beantwortet.

Der Chef der Nachwuchsmannschaft Thüringer Energie Werner mahnte an, die Sportler nicht vorschnell zu verurteilen. "Erstmal muss doch geklärt werden, ob das überhaupt Doping ist. Da werden Namen verbrannt, ohne dass klar ist, was überhaupt gewesen ist", sagte Werner. Wenn ein Sportler nicht mal einem Arzt eines Olympiastützpunktes vertrauen könne, wem dann? Zudem zweifelte Werner an einem leistungssteigernden Effekt der Behandlung.

Franke wehrt sich

Der Beschuldigte selbst wehrte sich indes erneut gegen die Vorwürfe und schlug in dieselbe Kerbe wie Werner. Die von ihm vorgenommene Bestrahlung sei nicht als Doping einzustufen, teilte Andreas Franke am Abend in einer Pressemitteilung mit.

"Aus medizinischer und juristischer Sicht ist die Darstellung falsch, dass es sich bei der UVB Blutbestrahlung um Doping handeln könnte", hieß es in der Erklärung wörtlich. Bei besagter Blutbestrahlung liege kein Verstoß gegen den WADA-Code einschließlich des Jahres 2011 vor, hieß es weiter.

"Die Behandlungsmethode hat keinerlei leistungssteigernde Wirkung, auch nicht bezüglich der Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes", erklärte Franke. Weltweit gebe es kein Gutachten, das eine leistungssteigernde Wirkung belege, so Franke weiter. Die von ihm angewandte Infektbehandlungsmethode sei "bis zum 24.08.2011 dopingrechtlich unbedenklich" gewesen.

Schänzer und Thieme zweifeln

Rückendeckung erhält er in diesem Punkt von den Doping-Experten Wilhelm Schänzer und Detlef Thieme. "Das ist mehr im Bereich des medizinischen Okkultismus angesiedelt", sagte Thieme, Leiter des Doping-Labors in Kreischa, bei MDR Info über die UV-Behandlung von Blut. Thieme verwies aber darauf, dass nach den aktuellen Regularien auch diese Methode verboten sei, auch wenn es einen Riesenunterschied zum Blutdoping gebe.

Blutdoping schließt Schänzer aufgrund der abgenommenen Menge von nur 50 Millilitern aus. "Für Blutdoping sind größere Mengen nötig, sonst hat es keinen Sinn. Da braucht man mindestens 250 Milliliter", sagte der Leiter des Kölner Doping-Labors der Nachrichtenagentur "dapd".

Werner Franke steht dabei auf einem komplett anderem Standpunkt. Dass die UV-Behandlung zur Infektbekämpfung eingesetzt wird, sei "biologischer Unfug". Franke erklärte: "50 Milliliter sind auch eine typische Menge wie zu DDR-Zeiten. Das Blut wird konzentriert wieder zugeführt. Unter dem Strich hat der Patient dann mehr rote Blutkörperchen als vorher."

Sportler auf Ärzte angewiesen

Die Frage, welche Schuld den Sportler in diesem Zusammenhang betrifft, ist dadurch nicht geklärt. Die Verantwortung sieht Schänzer letztlich beim Arzt.

"Der Sportler ist auf die Beratung des Arztes angewiesen. Der Arzt muss sich absichern, was im Rahmen des Reglements ist. Tut er es nicht, ist das den Sportlern gegenüber unverantwortlich", sagte Schänzer.

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) werde in der Sache Steigmiller erstmal keine Konsequenzen ziehen.

"Wir haben das gesamte Ergebnismanagement an die NADA abgetreten. Wir müssen uns über den Sachstand in Kenntnis setzen, bevor wir mögliche Entscheidungen treffen können", sagte Sportdirektor Patrick Moster. Wann es erste Ergebnisse gibt, ist völlig unklar.

Die NADA teilte mit, sie "treibt die Aufklärung möglicher Dopingverstöße in diesem Zusammenhang so intensiv und schnell voran, wie es ihr juristisch möglich ist".

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