Halbfinale der Rugby-WM in Neuseeland

Franzosen gegen Wales - und Domenech

SID
Donnerstag, 13.10.2011 | 11:37 Uhr
Frankreichs Nationaltrainer Marc Lievremont steht in der Kritik
© Getty
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Im vergangenen Jahr sorgten Frankreichs Fußballer bei der WM in Südafrika für einen Skandal. Ähnlich machten es Les Bleus bei der Rugby-WM in Neuseeland, doch mit nur einem Sieg geriet (fast) alles in Vergessenheit. Nun kämpft der zweimalige Vize-Weltmeister am Samstag gegen Wales um den Finaleinzug.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Grande Nation mal wieder ganz klein. Vor zwei Wochen demütigte das Pazifik-Königreich Tonga Frankreichs stolze Rugby-Nationalmannschaft bei der WM in Neuseeland. Spieler meuterten nach dem 14:19 gegen den Trainer, der wiederum attackierte sein Team in den Medien.

Die französische Presse heulte auf, und irgendwie erinnerte alles an den Skandal-Auftritt der Fußballer bei der WM in Südafrika. Doch durch den Einzug ins Halbfinale, wo am Samstag in Auckland Wales wartet, brachte der zweimalige Vizeweltmeister seine Kritiker zum Schweigen. Vorerst.

Lievremont: "Habe enormen Respekt vor Domenech"

"Letztes Jahr haben wir die Fußballer noch ausgelacht. In gewisser Weise sind wir aber auch nicht aus dem Bus gekommen", sagte Nationaltrainer Marc Lievremont in Anspielung auf die Spielerrevolte der Fußballer bei der WM 2010, als die Mannschaft im Teambus einen Trainingsstreik inszenierte. "Einige vergleichen mich mit Raymond Domenech (ehemaliger Fußball-Nationaltrainer, d. Red.). Sie müssen wissen, dass ich enormen Respekt vor ihm habe", sagte Lievremont.

Mit dieser Meinung dürfte der 42-Jährige ziemlich alleine dastehen. Das aber wird den eigensinnigen Lievremont, der nach der WM aufhört, kaum interessieren. Gradlinig nennen ihn seine (wenigen) Anhänger, unfähig die (zahlreichen) Kritiker. In jedem Fall spart Lievremont nicht mit Kritik, schon gar nicht an seinen Spielern.

Harte Kritik an Spielern

Im März 2011, als man im Rahmen der Six Nations (der inoffiziellen Europameisterschaft) gegen Italien verlor, warf der Sohn eines Berufssoldaten seinem Team indirekt Feigheit vor. Und als die stolzen Gallier bei der diesjährigen WM in Neuseeland erstmals in ihrer Geschichte zwei Vorrundenspiele verloren, setzte es wieder verbale Ohrfeigen.

"Schuljungen-Verhalten" attestierte Lievremont seinen Spielern nach dem 17:37 gegen Topfavorit Neuseeland. Und bei der Blamage gegen Tonga habe er "jeden Fehlpass, jedes verfehlte Tackling als tiefes persönliches Versagen" empfunden. Der Mannschaft fehle es an "Gruppendynamik", außerdem seien die Spieler "vielleicht nicht so talentiert, wie ich gedacht hatte."

Volksheld Chabal aussortiert

Starker Tobak, vor allem deshalb, weil Lievremont das Team während seiner vierjährigen Amtszeit selbst aufgebaut und dabei beispielsweise Volksheld Sebastien Chabal (Spitzname: "Höhlenmensch") aussortiert hatte. Und ganz erfolglos ist Lievremont nicht. 2010 führte er Frankreich zum Grand Slam bei den Six Nations, d.h. zum Gesamterfolg mit Siegen gegen alle anderen fünf Mannschaften.

Bei der WM in Neuseeland reagierten seine Spieler auf die neuerlichen Anschuldigungen auf ihre Art und verweigerten nach dem Tonga-Debakel die Teilnahme an einem Teamabend. "Nach der Pressekonferenz habe ich ein paar Biere besorgt, aber wir haben uns in alle Himmelsrichtungen zerstreut", sagte Lievremont: "Ich habe Spieler gesehen, die am Vorabend des Spiels und danach lieber mit ihren Agenten zusammen waren."

Wales ein "hochoktaniger Hochgeschwindigkeits-Thriller"

Der Gegenentwurf zu den krisengeplagten Franzosen ist Halbfinal-Gegner Wales, der den größten Erfolg schon jetzt erreicht hat.

Denn der WM-Dritte von 1987 wurde von der britischen Presse zum leuchtenden Vorbild für das mit Pauken und Trompeten im Viertelfinale an Frankreich gescheiterte englische Team erhoben.

Als "stumpfsinniges, deprimierendes Spektakel" bezeichnete das Massenblatt "The Sun" Englands Turnier-Aus. Der Viertelfinal-Erfolg der defensivstarken Waliser über Irland (22:10) sei hingegen ein "hochoktaniger Hochgeschwindigkeits-Thriller" gewesen. Nicht auszudenken, was England - und Frankreich - droht, wenn es Wales ins Finale schafft.

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