Donnerstag, 18.03.2010

Wladimir Klitschkos Gegner im Porträt

Eddie Chambers und sein Sucht-Problem

Am 20. März ist es soweit. Eddie Chambers bekommt die Chance seines Lebens: Den WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko (Sa., 22.30 Uhr im LIVE-TICKER). Doch der Weg dorthin war lang. Aber "The Fast" will nun die Geschichte von Muhammad Ali und Joe Frazier fortschreiben.

Eddie Chambers wechselte 2000 im Alter von 18 Jahren ins Profigeschäft
© Getty
Eddie Chambers wechselte 2000 im Alter von 18 Jahren ins Profigeschäft

Eddie Chambers ist genau da, wo er immer hinwollte: Vor seiner ersten WM-Chance. Am Samstag hat er die Möglichkeit, sich gegen Wladimir Klitschko seinen Kindheitstraum vom Weltmeister-Titel im Schwergewicht zu erfüllen.

Doch der Weg dorthin war lang. Es ist die Geschichte vieler Boxer: Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, das Boxtalent als Ticket in eine bessere Welt. So erging es auch dem US-Amerikaner aus Pittsburgh.

Als ältestes Kind geboren, musste er schon früh die Verantwortung für seine jüngeren Geschwister übernehmen. Nach dem Schulunterricht blieb keine Zeit für Football oder Basketball. Stattdessen musste er Geld verdienen und auf seine Geschwister aufpassen.

Zeit zum Träumen blieb dennoch. Und so träumte er von einer Karriere im Boxen. Sein Vater, selbst ehemaliger Boxer, zeigte ihm die ersten Techniken und Kombinationen. Jeden Morgen beim Zähneputzen übte er - und vergaß darüber manches Mal die Zeit. Nicht nur einmal kam er zu spät in die Schule.

85 Kämpfe in vier Jahren

"Boxen liegt mir im Blut. Ich habe geträumt, in diesem Sport großartig zu sein, egal, was ich sonst tue oder was sonst in meinem Leben passiert", blickt Chambers zurück.

Gemeinsam mit seinem Vater schaut er sich im Fernsehen die Kämpfe der großen Boxer an: Sugar Ray Johnson, Joe Louis, Rocky Marciano und natürlich Muhammad Ali. "Als ich begriff, wie großartig diese legendären Boxer waren, habe ich mich mehr und mehr in diesen Sport verliebt."

Er bettelt um die Erlaubnis, selbst an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Doch sein Vater zögert - zwei Jahre lang. Mit der Obsession seines Sohnes hatte er nicht gerechnet. "Er sagte immer zu mir: 'Ich will, dass du lernst, dich selbst zu verteidigen, mein Sohn, aber ich habe nicht vorgehabt, dass du süchtig nach Boxen wirst'."

Mit 14 darf er endlich im lokalen Pittsburgh Golden Gloves Tournament starten. Der Beginn seiner Amateurkarriere. Innerhalb von vier Jahren steht er 85 Mal im Ring und wechselt 2000 ins Profigeschäft.

Erste Niederlage als Profi

Unbeirrt absolviert er einen Kampf nach dem anderen, boxt sich langsam nach oben und an die großen Namen heran. Trotzdem: Anfangs will ihn keiner. Boxer wollen ihn nicht als Gegner, Promoter und Manager nicht als Schützling. Eher durch Zufall lernt Chambers das Team um Robert Murray Jr. und Sr. kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb.

"Wir haben sie getroffen und wussten sofort, dass wir uns verstehen würden. Sie arbeiten hart, sind mit Leidenschaft dabei und kümmern sich sehr um ihre Boxer."

YouTube-Channel: Eddie Chambers gewährt exklusive Einblicke

Endlich hat Chambers die Unterstützung, die er braucht. Er gibt Vollgas und steht bis zu achtmal im Jahr im Ring. 2007 endlich bietet sich ihm eine Riesenchance: Das IBF-Ausscheidungsturnier. Der Sieger darf gegen Wladimir Klitschko um den WM-Titel kämpfen.

Chambers gewinnt den ersten Kampf gegen seinen Landsmann Calvin Brooks, steht im Finale gegen Alexander Powetkin - und verliert. Seine erste und bisher einzige Niederlage als Profi. Doch er gibt nicht auf. Mit Siegen über Samuel Peter und Alexander Dimitrenko erkämpft er sich die offizielle Herausfordererposition und steht nun vor dem Kampf seines Lebens.

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Blitzartige Konter, schnelle Reflexe

Seine Motivation? Riesengroß. Seine Chancen? Eher gering.

Chambers ist zweifellos einer der schnellsten Schwergewichtsboxer - und einer der talentiertesten obendrein. Doch so ganz hat er die Boxwelt noch nicht von sich überzeugt.

Er sei kein wirklicher Puncher, sagen die einen. Er sei für einen Schwergewichtsboxer zu klein, sagen die anderen. Klein ist er in der Tat. Nur 1,85 Meter misst Chambers. Verglichen wird er deshalb oft mit Chris Byrd: schnelle Hände, Nehmerqualitäten, aber ohne große Schlagkraft.

Dennoch: In seinen beiden letzten Kämpfen hat er die Boxwelt beeindruckt. Seine Markenzeichen: die blitzartigen Konter und schnellen Reflexe.

"Meine Stärken sind meine Schnelligkeit, meine Präzision und meine Kraft. Viele Leute sagen, meine Schwäche sei die fehlende Körpergröße. Aber das kann eine Stärke sein, wenn man weiß, wie man sie einsetzt. Und ich habe eine bessere Koordination als viele Boxer", sagt Chambers.

Sparring als Schockerlebnis

Bereits vor vier Jahren trafen Chambers und Klitschko im Sparring aufeinander.

Ein Schockerlebnis für "The Fast": "Das Sparring war hart. Ich wusste nicht wirklich, was ich gegen Klitschko machen sollte. Aber ich habe viel gelernt. Vor allem, dass er nicht der Waschlappen ist, für den ihn viele in den USA halten. Er ist viel tougher als sein Ruf."

Der Ton vor dem Kampf ist gelassen, fast freundschaftlich. Chambers provoziert nicht wie David Haye, er will seine Leistung sprechen lassen. Und lobt Klitschko: "Er hat außergewöhnliche Kraft. Große Punching-Fähigkeit - ganz im europäischen Stil. Er hat es perfektioniert, sodass es schwer für viele Gegner ist, ihm überhaupt nahezukommen. Viele kritisieren, dass Klitschko zu sehr auf Sicherheit boxt. Aber genau das hat ihn für einige unschlagbar gemacht."

"Will die Geschichte fortschreiben"

Die Taktik für seinen großen Kampf hat er sich bereits zurechtgelegt: "Viele Gegner haben vergessen, gegen Klitschko zu boxen und Druck zu machen. Ich will mein Tempo und meine Beweglichkeit einsetzen. Ich möchte die Geschichte von Ali und Joe Frazier fortschreiben, die auch eher klein waren."

Und fügt an: "Ich habe mir diesen WM-Kampf hart erarbeitet. Genauso wie ich Dimitrenko überrascht habe, werde ich Klitschko überraschen und mir seine WM-Gürtel holen. Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen."

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Bärbel Mees

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