Montag, 22.03.2010

Sven Ottke im Interview

"Arthur streckt gern alle Viere von sich"

Sven Ottke trat 2004 als ungeschlagener Doppel-Weltmeister zurück. Für Arthur Abrahams Vorbereitung auf den zweiten Super-Six-Kampf streifte er sich noch einmal die Boxhandschuhe über und diente als Sparringspartner. Bei SPOX spricht er über das Training, die Rafinesse des Gegners und erzählt, warum Abraham an die kurze Leine genommen werden muss.

Sven Ottke gewann jeden seiner 34 Kämpfe, davon sechs durch K.o.
© Getty
Sven Ottke gewann jeden seiner 34 Kämpfe, davon sechs durch K.o.

SPOX: Hr. Ottke, Sie sind ja schwer zu erreichen.

Sven Ottke: Ich muss zugeben, ich habe unseren Termin verschwitzt. Ich habe heute Nachmittag drei Stück Kuchen gegessen und musste jetzt unbedingt noch eine Runde laufen gehen.

SPOX: Fit genug für das Sparring mit Arthur Abraham vor seinem Super-Six-Kampf gegen Andre Dirrell sind Sie aber offenbar. Wie erging es Ihnen?

Ottke: Es war für mich eine völlig neue Situation, da ich das letzte Mal vor sechs Jahren die Handschuhe anhatte. Ich bin eigentlich völlig untrainiert. Insgesamt bin ich natürlich schon fit, denn ich mache ab und zu ein bisschen Krafttraining und gehe laufen, aber alles im Freizeitbereich. Wir hatten das Sparring auf sechs Runden angesetzt. Nach drei Runden war ich gänzlich alle. Und nach der vierten Runde war ich dem Ende näher als dem Anfang.

SPOX: Hat Abraham sich bei Ihnen mehr angestrengt als bei den anderen Sparringspartnern?

Ottke: Ich habe Arthur mit seinen anderen Sparringspartnern beobachtet und da hat er sich einen faulen Lenz gemacht. Bei mir war er schon etwas konzentrierter bei der Sache und hat mehr Druck gemacht. Es war eine spannende Angelegenheit, denn Arthur hat mir schnell meine Grenzen aufgezeigt. Teilweise bin ich mithilfe meiner Reflexe gerade noch so weggekommen. Aber wenn Arthur losbrettert, ist ordentlich Druck hinter seinen Schlägen. Wenn man sich da eine einfängt, kann es schnell vorbei sein.

SPOX: Welchen Eindruck macht er so kurz vor dem Kampf auf Sie?

Ottke: In unserem Training war er noch völlig entspannt. Er ist für seinen Trainingsfleiß ja nicht wirklich bekannt. Da hat sein Trainer Ulli Wegner schon eine harte Nuss zu knacken. Arthur kann sich aber wahnsinnig motivieren. Wenn es kurz vor knapp ist, legt er noch einmal eine Kohle drauf. Aber wenn er nicht muss, lässt er auch mal die Zügel schleifen.

SPOX: Sie haben einmal über ihn gesagt: "Der Arthur braucht einen Tritt in den Hintern". Ist das immer noch so?

Ottke: Ja, das wird sich auch nicht mehr ändern. Bisher ist aber immer alles gut gegangen. Die meisten seiner Gegner waren ihm allerdings auch nicht würdig. Es waren keine schlechten Leute, aber eben auch keine Weltklasse-Boxer. Bei dem Super-Six-Turnier hätte ein Jermain Taylor beispielsweise gar nicht boxen dürfen. Er hat durch Arthur den dritten schweren K.o. bekommen. Eigentlich sollte man ihn lebenslang sperren, er muss vor sich selber geschützt werden. Er war noch kein Maßstab für Arthur. Die anderen Gegner sind in einer ganz anderen Liga.

SPOX: Sein Promoter Lou diBella hat nach dem Kampf gegen Abraham die Zusammenarbeit mit Taylor beendet. Inzwischen ist Taylor aus dem Turnier ausgetreten - die richtige Entscheidung?

Ottke: Definitiv. Für das Publikum war es natürlich sehr spektakulär. Aber es ist kein Gegner, den man sich als Prüfstein vorstellt. Da kommen noch ganz andere. Arthur muss sich in den nächsten Kämpfen mehr zusammenreißen.

SPOX: Der nächste Gegner ist Andre Dirrell. Was macht ihn so gefährlich?

Ottke: Ich kenne ihn nur vom Hörensagen. Aber er soll brandgefährlich sein, weil er ähnlich boxt, wie ich damals. Er bietet dem Gegner kein festes Ziel, ist schnell auf den Beinen und beweglich im Oberkörper. Wenn er zwölf Runden durchhält, wird es für Arthur schwer werden. Er nimmt sich immer gerne mal eine Pause. Das wird vermutlich eine enge Kiste. Vor allem, da der Kampf nach Detroit verlegt worden ist. Da hat Dirrell natürlich Heimvorteil.

SPOX: Der Kampf wurde ja nicht nur verlegt, sondern wegen Problemen mit dem Austragungsort und Dirrells Rückenverletzung auch zweimal verschoben. Ist das ein Nachteil für Abraham?

Ottke: Es ist nicht optimal. Ich denke, da ist viel Taktik und Raffinesse dabei, um Arthur aus der Räson zu bringen.

SPOX: Hat es funktioniert?

Ottke: Das Problem ist, dass auch Marco Huck vor kurzem geboxt hat. Also musste Ulli Wegner zwischen den USA und Deutschland pendeln, um beide vorzubereiten. Arthur ist nur mit dem Co-Trainer in den USA. Aber er braucht die absolute Härte und Kompromisslosigkeit. Man muss ihm die Pistole auf die Brust setzen, damit er hart trainiert. Es ist vom Dirrell-Management clever und spielt dem Gegner in die Karten.

SPOX: Fehlt es Abraham möglicherweise ein bisschen an mentaler Reife?

Ottke: Arthur streckt gerne mal alle Viere von sich und nimmt das Gas raus. Er muss eben an die kurze Leine genommen werden.

SPOX: Abraham sagte einmal: "Sven Ottke beeindruckt mich als Sportler und als Mensch". Vielleicht, weil Sie im Gegensatz zu Ihm so trainingseifrig sind?

Ottke: Arthur ist ein cleverer Bursche. Er weiß, wo der Hase lang läuft. Der Unterschied zwischen uns beiden ist: Mich musste man bremsen und ihn muss man antreiben. Deswegen sieht er vielleicht ein bisschen zu mir auf. Mir hat das Training immer Spaß gemacht. Ich wusste vor einem WM-Kampf: Wenn ich hundertprozentig fit bin, dann kann mich keiner schlagen. Ich habe meine psychische Stärke aus dem Fitnesszustand herausgezogen, den ich mir erarbeitet habe. Einmal war ich erkältet und habe den Kampf trotzdem gemacht - das habe ich bereut. Ulli Wegner hat immer gesagt, ich wäre sein Musterschüler gewesen.

SPOX: Sie galten immer als sehr schlauer Boxer. Kann Ihnen Abraham in dieser Hinsicht das Wasser reichen?

Ottke: Ich denke schon. Er weiß genau, wann er sich eine Auszeit nehmen kann. Aber er macht oft den Fehler, dass er sich in das Seil stellt und den Gegner ausklopfen lässt. Zwar hat er eine starke Deckung und kassiert wenig Treffer, doch wirkt er dadurch zu passiv. Oft geht eine solche Runde dann verloren. Bisher ging seine Taktik immer auf, aber irgendwann ist eben ein Gegner da, der die Kondition hat, über zwölf Runden zu gehen - wenn er den nicht mehr stellen kann, wird es eng. Dann muss er das Glück haben, ihn vorzeitig wegzuballern.

SPOX: Über Abrahams Schwächen haben wir gesprochen. Wo sehen Sie seine Stärken?

Ottke: Sein Vorteil ist, dass er sehr hart schlagen kann. Ich bin zum Beispiel beim Schlagen schon wieder im Rückwärtsgang. Er ist in dieser Hinsicht viel konsequenter und hat einen wahnsinnig harten Schlag. Aber nach einer harten Serie braucht er eben auch mal eine Pause.

SPOX: Früher war Abraham Ihr Sparringspartner, jetzt ist es umgekehrt. Kam beim Sparring Sentimentalität auf, oder sind Sie froh, dass Sie nicht mehr in den Ring müssen?

Ottke: Arthur hat ja bei mir angefangen. Er hat sich wahnsinnig entwickelt. Aber er war schon immer ein guter Boxer und auch ein Fuchs. Ich hätte auch gerne eine Möglichkeit gehabt wie Arthur jetzt mit dem Super-Six-Turnier. Wenn er alle Kämpfe gewinnt, geht er mit einer Menge Geld aus dem Wettkampf raus. Wenn Arthur es wirklich schaffen sollte, alle vier Kämpfe zu gewinnen, ist er fast unsterblich. Ich freue mich extrem für ihn, dass er die Möglichkeiten hat. Aber er muss sie eben auch nutzen.

SPOX: Es wird gemunkelt, im Falle eines Turnier-Sieges würde Abraham seine Karriere beenden. Was halten Sie davon?

Ottke: Das finde ich verfrüht. So lange ist er auch noch nicht Weltmeister. Aber wenn er keine Ziele mehr hat, ist es schwer, sich neu zu motivieren. Es wäre schade für den Boxsport und auch für ihn, denn er kann damit auch eine Menge Geld verdienen.

SPOX: Ihr Turnierfavorit ist Abraham?

Ottke: Ich glaube schon. Er kommt ja wie Taylor aus dem Mittelgewicht. Interessant wird es, wenn er jetzt auf die Supermittelgewichtler trifft. Da weht schon ein anderer Wind. Abraham ist natürlich Mitfavorit, weil er auch den gewissen Bumms hat. Aber ihn als absoluten Favoriten hinzustellen, das mache ich nicht.

SPOX: Sind Sie bei einem seiner Kämpfe live vor Ort?

Ottke: Ich wollte eigentlich nach Palm Beach fliegen. Da hätte ich mit Wilfried Sauerland golfen können. Aber jetzt ist der Kampf in Detroit. Die Stadt finde ich jetzt nicht wirklich reizvoll. Es ist eine tote Stadt, eine Autohochburg mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Kriminalität. Ich habe gehört, dass man kaum über die Straße gehen kann. Ich glaube, ich werde nicht dabei sein...

SPOX: Aber Sie sind doch Boxer. Sie können sich selbst verteidigen...

Ottke: Da drüben wird nicht mit den Fäusten gekämpft. Auf der Straße wird geschossen und Messer sind das geringste Übel.

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