Mittwoch, 24.02.2010

SPOX-Interview: Regina Halmich über Steffen Kretschmann

"Eine Niederlage, und seine Karriere ist beendet"

Boxen hautnah: "Sat.1" begleitet den Schwergewichtler Steffen Kretschmann in einer vierteiligen Dokumentation bei dessen Vorbereitung auf seinen nächsten Kampf. Der Gegner am 27. März in Hamburg: Denis Bakhtov, der Mann, der ihn vor einem halben Jahr in der ersten Runde ausknockte und ihm die erste Niederlage seiner Karriere zufügte.

Regina Halmich hat den Wechsel vom Boxring auf die roten Teppiche grandios gemeistert
© Getty
Regina Halmich hat den Wechsel vom Boxring auf die roten Teppiche grandios gemeistert

Um diesen Tiefschlag zu verdauen und mental top vorbeitet in den Rückkampf (Sa., 27 März, 22.30 Uhr auf Sat.1) zu gehen, heuerte Kretschmann Regina Halmich an.

Bei SPOX spricht die ehemalige IBF-Weltmeisterin über die psychische Belastung beim Boxen, die Zusammenarbeit mit Kretschmann und das Worst-Case-Scenario für den Kampf gegen Bakhtov.

SPOX: Frau Halmich, Sie arbeiten vor dem Kampf gegen Denis Bakhtov am 27. März als Mentalcoach mit Steffen Kretschmann zusammen...

Regina Halmich: Da muss ich gleich unterbrechen: Ich bin mit Steffen eigentlich zusammengekommen, um ein paar Konditionseinheiten mit ihm zu machen. Mit Sicherheit war ein Grund, ausgerechnet mich zu holen, dass ich mental immer eine sehr starke Boxerin war und das Sieger-Gen hatte. Das wollte ich ihm auch so ein bisschen vermitteln. Boxen brauche ich Steffen nicht mehr beibringen. Technisch hat er alle Möglichkeiten. Außerdem hat er mit Hans-Jürgen Witte einen tollen Trainer. Es ging einfach darum, noch mal einen neuen Anreiz zu schaffen, und die Abwechslung war, glaube ich, ganz willkommen.

Der Niederschlag durch Denis Bakhtov war Steffen Kretschmanns bitterster Moment als Profiboxer
Der Niederschlag durch Denis Bakhtov war Steffen Kretschmanns bitterster Moment als Profiboxer
© Imago

SPOX: Wie man hört, war Kretschmann nach seinem K.o. gegen Denis Bakhtov am Boden zerstört. Wie ist er ein halbes Jahr später mental drauf?

Halmich: Tja, man kann in den Sportler ja nicht reinschauen. Das Training lief super, das kann ich sagen. Und wir haben Steffen sicherlich mit dem Thema konfrontiert. Es war wichtig, dass er die Niederlage nicht verdrängt, sondern aufarbeitet. Das hat er gut gemacht. Die Hausaufgaben für einen guten Kampf sind insofern erledigt. Aber inwiefern er das alles dann im Ring umsetzen kann, das muss man abwarten. Er ist jetzt auch erstmals in der Situation, dass er als Hauptkämpfer absolut im Fokus steht. Das ist noch mal etwas ganz Neues für ihn. Ich hoffe einfach, dass er all das ausblenden und sich auf seine Fähigkeiten konzentrieren kann.

SPOX: Auch sie wurden zu Beginn Ihrer Karriere gegen Yvonne Trevino einmal in Runde eins niedergeschlagen und haben den Kampf dann aufgrund eines Cuts verloren. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Halmich: Wenn man starke Gegner hat, dann kommen immer wieder Momente, wo man denkt: "Schaffe ich das?" Diese Zweifel muss man mit allen Mitteln bekämpfen. Da ist es natürlich hilfreich, wenn man ein gesundes Selbstbewusstsein mitbringt.

SPOX: Ist das der entscheidende Unterschied zwischen gewöhnlichen Boxern und Champions, dass sie Niederlagen als Motivationsschub nutzen, um noch besser zu werden?

Halmich: Absolut. Auch deswegen kann ich noch nicht beurteilen, wo Steffen steht. So etwas stellt sich wirklich erst im Ring heraus.

SPOX: Ihr nächster Kampf nach der Niederlage war dann einer mit Split Decision. Beginnt man da niemals, an sich zu zweifeln?

Halmich: Nein, gar nicht. Dieser Kampf war ein Weltmeisterschaftskampf gegen Kim Messer. Es war zwar ein enger Kampf, aber letztlich doch ein klarer, enger Kampf (lacht). Ich wusste, dass ich mit zwei Runden vorn lag, das hat auch mein Trainer gesagt. Wenn man gegen die absolute Weltspitze antritt, dann kann man nicht immer nur haushoch gewinnen. Da muss man auch mal zufrieden sein, wenn es ein knapper Sieg ist. Das ist überhaupt kein Problem. Man darf nur nicht das Gefühl haben, dass es umstritten war.

SPOX: Bakhtov ist sicherlich auch kein schlechter Gegner. Der Russe hat vor allem eine ordentliche Knockout-Quote. Hat Kretschmann keine Angst, gleich wieder kalt erwischt zu werden?

Halmich: Für mich ist Bakhtov keine Weltspitze, aber immerhin europäische Spitze. Das ist sicherlich eine Standortbestimmung. Mir stellt sich die Frage, wie viel Steffen einstecken kann. Wenn jemand einen guten Punch hat, ist es schwierig, jeden Treffer zu vermeiden. Aber: Er ist größer, hat mehr Reichweite und damit die Vorteile auf seiner Seite. Klar ist jedoch, dass er Bakhtov unbedingt schlagen muss. Entweder er gewinnt den Kampf, oder die Karriere ist beendet

SPOX: Sie sagen also ganz klar: Wenn er wieder verliert, dann ist Kretschmann endgültig abgeschrieben?

Halmich: Ja, da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir sind hier bei den Profis. Das Boxerleben ist kein Ponyhof, so ist es einfach. Das Geschäft ist so schnelllebig, zwei Niederlagen gegen den gleichen Gegner bedeuten da normalerweise das Aus.

SPOX: Noch vor dem ersten Kampf gab es die Ankündigung von ARENA, dass man aus Kretschmann einen großen Champion machen will. Ist das aktuell überhaupt noch ein Thema, oder geht es zunächst mal nur darum, die Karriere zu retten?

Halmich: Beides! Wie gesagt: Eine erneute Niederlage würde die Karriere wohl beenden. Aber anders herum kann es auch sein, dass er absolut überzeugt. Dann würde man sicher sagen, dass er den Grundstein gelegt hat, um mal ein Großer zu werden.

SPOX: Stichwort großer Champion: Um nach ganz oben zu kommen, muss man natürlich ein absoluter Medienprofi sein, mit den Medien spielen und Charisma haben. Hat Kretschmann in der Beziehung überhaupt das nötige Potenzial?

Halmich: Ein Medienprofi ist er sicher noch nicht. Das weiß er auch. Das Charisma kommt automatisch, wenn mit Siegen das Selbstvertrauen kommt. Natürlich wäre es schön, wenn er sich mit der Zeit noch mehr öffnen könnte. Als Boxfan will man nicht nur Kämpfe sehen, sondern auch etwas über den Menschen erfahren. Insofern ist die vierteilige Box-Doku, die jetzt bei "Sat.1" zu sehen sein wird, eine gute Sache. Da hat er die Chance, mal ein bisschen mehr von sich zu zeigen.

SPOX: Sie waren stets ein Liebling des Fernsehens und haben viel Aufmerksamkeit bekommen. War das eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, über Talkshowauftritte und Ähnliches Ihre Popularität zu steigern?

Halmich: Ich wusste, dass das dazugehört. Die Leute fragen sich einfach, was hinter der Fassade steckt, wie die Boxer ticken. Umso mehr, je erfolgreicher man ist. Man muss die Neugier der Menschen füttern und etwas von sich preisgeben, wenn man ganz nach oben will. Aber: Das muss freiwillig und von Herzen kommen. Sonst lässt man es lieber. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ankam, die Menschen nehmen einem das ab und identifizieren sich stärker mit dir.

SPOX: Ganz ohne Zweifel hat Ihnen Ihre Popularität dazu verholfen, auch über zwei Jahre nach Ihrem letzten Kampf noch ständig präsent zu sein. Haben Sie damals schon auf Ihre zweite Karriere hingearbeitet?

Halmich: Na klar, ich habe in den letzten zwei Jahren meines Profidaseins auch meine Karriere danach vorbereitet. Das würde ich aber jedem empfehlen, sonst steht man am Ende da und hat nichts zu tun. Ich habe viele Kollegen und Kolleginnen erlebt, die dann in ein Loch gefallen sind. Zum Glück kann ich sagen, dass ich seit meinem Karriereende noch keinen einzigen Tag Langeweile hatte.

SPOX: Aktuell kann man Sie bei "Kabel 1" in "The Biggest Loser" sehen, einer Reality-Sendung, in der übergewichtige Menschen im Wettstreit gegeneinander und mit Ihrer Hilfe abnehmen wollen. Was hat Sie an dem Format gereizt?

Halmich: Das Schöne ist, dass es um etwas geht, bei dem ich mich auskenne. Als ehemalige Profisportlerin kann ich bei den Themen Sport, Ernährung, Fitness natürlich mitreden. Bei übergewichtigen Menschen ist oftmals der erste und beste Ansatz, eine gewisse Disziplin vorzuleben. Das war immer eine meiner großen Stärken, und diese Disziplin kann ich vermitteln, denke ich. Ich wollte den Teilnehmern klarmachen, dass man ohne Disziplin einfach nichts geschenkt bekommt.

SPOX: Aber für jemanden, der sich körperlich und von der Gesundheit her immer am oberen Limit bewegt hat, muss es doch eine riesige Umstellung gewesen sein, plötzlich am unteren Limit zu arbeiten.

Halmich: Natürlich, aber ich bin komplett ohne Vorurteile an die Sache rangegangen und habe mich mit den Menschen wirklich beschäftigt. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Teilnehmern um echte Charaktere handelt, die teilweise schwere Schicksalsschläge erlebt haben. Da ist nichts unecht. Wie engagiert sie mitgezogen haben und - man muss es so deutlich sagen - ihre zum Teil letzte Chance auf ein neues Leben nutzen wollten, hat mir eine Menge Respekt abgenötigt. Und es ist doch schön, wenn man auch mal in eine andere Richtung gehen kann. Insofern habe ich mich sehr gefreut, als die Anfrage für "The Biggest Loser" kam.

SPOX: Bei der Box-Doku über Kretschmann werden Sie auch auftauchen. Ist das eigentlich alles spontan gefilmt worden?

Halmich: Überwiegend schon. Die Kamera wurde einfach laufen gelassen. Aber sicher wollte man für diese Reihe auch schöne Bilder haben. Hier und da haben wir also ein klein wenig nachgeholfen, damit es fürs Fernsehen noch besser wird.

SPOX: Haben Sie sich da wie eine Schauspielerin gefühlt?

Halmich: Äh, jein (lacht). Den einen oder anderen Kompromiss mussten wir schon eingehen. Aber das Training stand trotzdem an oberster Stelle. Schließlich will Steffen einen Kampf gewinnen. Die Doku soll einfach helfen, dass er noch bekannter wird. Dass sein Promoter Ahmet Öner darin auftaucht, sorgt natürlich für zusätzliche Spannung. Denn unterschiedlicher als Ahmet Öner und Steffen Kretschmann können zwei Menschen eigentlich nicht sein (lacht).

SPOX: Neben diversen Co-Moderationen bei Boxveranstaltungen sind dies die ersten großen Rollen, die sie im Fernsehen spielen...

Halmich: Völlig richtig, aber ich sehe mich gar nicht als klassische Moderatorin. Ich möchte einfach als Regina Halmich auftreten. Das nehmen mir die Leute einfach am ehesten ab.

SPOX: Wohin soll es mit ihrer Fernseherkarriere denn noch gehen? Vielleicht doch die Schauspielerei?

Halmich: Das überlasse ich gerne den Leuten, die das können. Zum Schauspielern gehört eben einiges dazu, das geht nicht so aus dem Stand heraus. Ich könnte mir weiterhin vorstellen, in Formaten mitzumachen, die zu mir passen. Wenn Themen wie Sport, Fitness, Ernährung oder Disziplin eine Rolle spielen, dann bin ich dabei. Ich leugne nicht, dass ich mich über einen Erfolg von "The Biggest Loser" freuen würde. Ich würde gern eine zweite Staffel drehen.

SPOX: Sie überlegen inzwischen, sich ihre Nase richten zu lassen. Nur für Ihr eigenes Wohlbefinden oder auch, weil es Ihrer TV-Karriere zuträglich wäre?

Halmich: Das wäre eine Sache, die ich nur für mich machen würde. Aus Zeitgründen ist das in diesem Jahr aber kein Thema. Die Nase war zwar zweimal gebrochen. So schlimm, dass ich im Job benachteiligt bin, sehe ich aber nun auch nicht aus (lacht).

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