Donnerstag, 28.01.2010

Sebastian Sylvester im SPOX-Interview

"Meine Tochter soll kein Blut sehen"

Am Samstag verteidigt Sebastian Sylvester zum ersten Mal seinen WM-Gürtel. Doch die Vorbereitung wurde ordentlich durcheinandergewirbelt. Eine Woche vor dem Kampf wurde sein ursprünglicher Gegner Pablo Navascues positiv getestet. Jetzt boxt der Hurrikan gegen den Amerikaner Billy Lyell. Mit SPOX spricht er über Ferraris, Gänsehaut-Feeling und erklärt, warum er erst im Februar seine Weihnachtsgans essen wird.

Sebastian Sylvester (l.) ist amtierender IBF-Boxweltmeister im Mittelgewicht
© Getty
Sebastian Sylvester (l.) ist amtierender IBF-Boxweltmeister im Mittelgewicht

SPOX: Herr Sylvester, Ihr ursprünglicher Gegner Pablo Navascues ist gedopt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erfahren haben?

Sebastian Sylvester: Eigentlich habe ich gedacht, dass das nur bei den ganz großen Sportlern oder im Radsport passiert. Aber man sieht, dass sogar in meiner Sportart gedopt wird. Damit habe ich absolut nicht gerechnet. Man rechnet mit Verletzungen in der letzten Woche vor dem Kampf, aber nicht mit Doping. Ich war total von den Socken.

SPOX: Sind Sie vielleicht so furchteinflößend, dass er dopen musste?

Sylvester: Nein, eigentlich nicht. Er hat sich sicherlich Chancen auf einen Sieg ausgerechnet. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man auf so eine Aktion kommt. Vor allen Dingen bekommt man nicht jeden Tag das Angebot, um einen WM-Titel zu kämpfen. Ich verstehe nicht, wie man dann so einen fatalen Fehler begehen kann.

SPOX: Wie frustrierend ist es denn für Sie, wenn Sie sich so kurz vor dem Kampf auf einen neuen Gegner einstellen müssen?

Sylvester: Es ist nicht schön. Schließlich  bereitet man sich sechs bis acht Wochen speziell auf seinen Gegner vor. Man analysiert, wie er boxt und wie er sich im Ring verhält. Jetzt kommt plötzlich ein anderer Gegner. Aber ich bin Profi und muss da durch.

SPOX: Ist Billy Lyell ein würdiger Gegner?

Sylvester: Ich denke schon. Er hat sich auf seinen Kampf am 29.Januar gegen Bruce Rumbolz vorbereitet und kämpft nun stattdessen gegen mich. Er kommt zwar von der Art her an Navascues heran, dennoch wird es eine schwere Aufgabe.

SPOX: Also gibt es keinen K.o.?

Sylvester: Ich gehe nicht in den Kampf mit dem Ziel, ihn kaputtzumachen. Ich werde für zwölf Runden Lust haben. Falls es schneller zu Ende geht, umso besser.

SPOX: Bei Ihrem ersten Kampf bei der Junioren-WM haben Sie verloren, Ihren ersten Profikampf haben Sie verloren und Ihren ersten WM-Kampf ebenso. Ist das ein schlechtes Omen für Ihre erste Titelverteidigung?

Sylvester: Nein. Ich bin eigentlich sehr zuversichtlich. Inzwischen bin ich Weltmeister, von daher ist es mein zweiter WM-Kampf. Ich habe keine Angst. Ich möchte den Titel behalten und daher werde ich darum kämpfen, als würde ich einen Neuen kriegen. Boxen ist einfach mein Leben. Ich bin seit 20 Jahren dabei. Jetzt habe ich mein altes Ziel - den Titel - erreicht und habe mir ein neues Ziel gesetzt: Ich möchte bis zu meinem Karriere-Ende den Titel behalten. Wenn man seine Ziele verfolgt und danach lebt und strebt, kann man sie auch erreichen.

SPOX: Was war das für ein Gefühl, als Sie im September den WM-Gürtel erreicht haben?

Sylvester: Das kann man gar nicht so gut mit Worten beschreiben. Ich hätte die ganze Welt umarmen können, vor allem aber die Halle. Wenn 5000 Leute deinen Namen schreien, dann bekommst du eine Gänsehaut nach der anderen. Da schwebte ich auf Wolke sieben und wollte da auch nicht mehr so schnell runter. Wenn man wirklich mal einen Traum wahr gemacht hat, ist das ein unglaubliches Gefühl.

SPOX: Nach dem WM-Kampf durften Sie sogar in einem Ferrari sitzen...

Sylvester: Mein Kumpel hat mir ein Ferrari-Wochenende geschenkt. Denn ich liebe die Geschwindigkeit, ob Motorrad oder Auto ist egal. Ich verfolge auch die Formel 1 und bin Schumi-Fan. Er steigt zwar jetzt in einen Mercedes ein, aber damit habe ich kein Problem. Ich denke, er hat Chancen auf den Titel.

SPOX: Jetzt naht erstmal Ihre eigene Titelverteidigung. Können Sie noch schlafen?

Sylvester: Ich schlafe sehr gut, seit ich weiß, dass ich wieder einen Gegner habe. Das Gewicht stimmt auch. Jetzt kann nichts mehr anbrennen.

SPOX: Sie mussten an Weihnachten wegen des Kampfes auf Ihre Weihnachtsgans verzichten. Werden Sie sie nach Ihrem Kampf verspeisen?

Sylvester: Nach dem Kampf werde ich natürlich ein bisschen schlemmen, aber auch nicht allzu viel. Nicht lange danach wird auch wieder der nächste Fight anstehen und ich habe keine Lust, das alles wieder abzunehmen.

SPOX: Ihre Tochter hat sich sehr gefreut, dass Sie trotz der harten Vorbereitung über Weihnachten zu Hause waren. Wie wichtig ist Ihnen die Familie?

Sylvester: Die Familie steht bei mir ganz oben. Meine Frau und ich haben meine Tochter gefragt, was sie sich zu Weihnachten wünscht. Und sie meinte nur: "Es reicht, wenn du an Weihnachten nach Hause kommst, Papa." Das baut natürlich auf. Also habe ich im Training Gas gegeben, damit der Trainer mir die drei Tage freigibt.

SPOX: Darf sie Ihnen beim Boxen zuschauen oder lassen Sie sie lieber zuhause?

Sylvester: Sie bleibt zu hause, denn man weiß ja nie, wie der Kampf ausgeht oder wie brutal er ist. Ich will nicht, dass meine Tochter zuviel Blut sieht. Da muss man abwägen. Meine Frau und ich entscheiden immer nach dem Kampf, ob der Fight okay war. Falls ja, darf sie ihn sich am Sonntag anschauen.

SPOX: Ein Spaßkampf mit Riesen-Handschuhen wie bei Arthur Abraham gegen Oliver Pocher würden Sie Ihre Tochter dann schon anschauen lassen?

Sylvester: (lacht) Ja. Für so einen Spaß bin ich auch zu haben. Die Handschuhe waren groß genug. Damit würde ich Oliver Pocher auch treffen, das wäre kein Problem. Und Pocher würde mich damit wohl auch treffen können.

SPOX: Bei der Abstimmung zum Boxer des Jahres hat Arthur Abraham gewonnen. Sie hingegen landeten nur auf dem fünften Rang. Enttäuscht?

Sylvester: Ich bin nicht enttäuscht, aber ich freue mich auch nicht drüber. Es ist Mittelmaß und es gibt ja noch einige Boxer, die hinter mir sind. Wenn ich mich hinter den großen Namen anstelle, ist das nicht verkehrt.

SPOX: 2004 hat Felix Sturm den Titel gewonnen. Vier Jahre später haben Sie gegen ihn gekämpft und verloren. Wie wäre es mit einer Revanche?

Sylvester: Warum nicht. Wenn er da mit seinem Ex-Promoter alles geklärt hat, steht der nichts im Wege.

SPOX: Er promotet sich inzwischen selbst, hat ein eigenes Gym aufgebaut...

Sylvester: Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie man seine Karriere und auch die Zeit nach der Karriere gestaltet und welches zweite Standbein man sich aufbaut. Daran denke ich jetzt noch nicht. Ich denke erst einmal an die Verteidigung meines Titels.

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