"Ich bin behindert, aber nicht minderwertig"

Von Interview: Bärbel Mees
Mittwoch, 06.01.2010 | 15:10 Uhr
Kirsten Bruhn wurde 2008 für die Wahl zum "Sportler des Jahres" nominiert
© Imago
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Kirsten Bruhn ist eine der schnellsten Handicap-Schwimmerinnen der Welt: Zweimal paralympisches Gold, 65 Deutsche Meistertitel, 54 Weltrekorde. Bei der Kurzbahn-WM in Rio räumte sie ebenfalls wieder ab. Im SPOX-Interview spricht sie über die Angst nach ihrem Motorradunfall, das Leben im Rollstuhl und den Erfolg im Wasser.

SPOX: Darf man noch zu ihren Erfolgen bei der Kurzbahn-WM in Rio gratulieren, Frau Bruhn? Sie haben je zweimal Gold und Bronze geholt.

Kirsten Bruhn: Danke. Was das Sportliche anbelangt, bin ich sehr zufrieden, aber ich bin auch froh, dass das Jahr 2009 zu Ende ist. Die letzten zwei Wochen hatte ich wasserfrei und das habe ich sehr genossen. Ich bin endlich mal zu Dingen gekommen, für die ich davor keine Zeit hatte.

SPOX: Was haben Sie denn gemacht?

Bruhn: Vor allem viel geschlafen. Das war dringend mal wieder nötig. Es war ein anstrengendes Jahr.

SPOX: Was war Ihr persönliches Highlight im letzten Jahr?

Bruhn: Sportlich gesehen jeder Weltrekord, den ich geschwommen bin. Das ist immer ein Highlight, wenn man unter seinen eigenen Bestzeiten bleibt. Privat habe ich meinen Freund kennengelernt, und das ist natürlich das Highlight schlechthin.

SPOX: Sie sind ja sehr erfolgreich. Sie haben paralympisches Gold gewonnen, sind 65-fache Deutsche Meisterin, sind unzählige Welt- und Europarekorde geschwommen. Was fehlt Ihnen noch?

Bruhn: Ich kann nicht sagen, dass mir was fehlt. Es ist einfach das Sportlerherz, das einen neu antreibt und motiviert. Wenn man dann irgendwann mal die Bergspitze erreicht hat und man merkt, es geht nicht mehr bergauf, dann muss man sich überlegen, ob es an der Zeit ist aufzuhören.

SPOX: Sie schwimmen schon seit Ihrem dritten Lebensjahr. Was fasziniert Sie am Schwimmen?

Bruhn: Schwimmen ist ein Gefühl der Schwerelosigkeit, man wird vom Wasser getragen und es ist warm und wohlig um einen herum. Man kämpft gegen sich selbst und gegen die Zeit. Es gibt keine Jury, die die Optik beurteilt. Wenn etwas schiefgeht, lag es an einem selbst oder an den Rahmenbedingungen.

SPOX: Sie sind 1991 mit dem Motorrad verunglückt und seitdem querschnittsgelähmt. Schwimmen war bis dahin Ihr Leben. Was ist Ihnen im Krankenhaus durch den Kopf gegangen, als Sie die Diagnose erfuhren?

Bruhn: Alles. Das sind Momente, in denen die Angst sehr groß ist. Die Realität wird gar nicht wahrgenommen. Man hat einfach nur noch Angst vor der Zukunft. Man hat Schmerzen und Panik. Eigentlich alles, was es an negativen Gefühlen gibt.

SPOX: Wie haben Sie sich wieder aufgerappelt?

Bruhn: Es hat bei mir sehr lange gedauert. Wenn man es streng nimmt, habe ich sechs bis zehn Jahre gebraucht, bis ich wirklich wieder das Gefühl hatte, zu leben und auch Spaß am Leben zu haben. Letztendlich habe ich es durch die Unterstützung meiner Familie geschafft. Ich bin vor dem Unfall zweimal Tante geworden und wollte nicht alles hinwerfen, sondern meine Nichten auch aufwachsen sehen. Es geht immer irgendwie weiter. Nach einiger Zeit merkt man, dass man auch mit einer Behinderung Spaß haben kann.

SPOX: Inwiefern verschieben sich durch so einen Unfall die Prioritäten?

Bruhn: In den ersten Jahren sehr gewaltig. Da sind die Prioritäten plötzlich ganz andere. Ich war früher immer sehr unzufrieden und wollte schlanker und hübscher sein und wäre am liebsten unter jedes Skalpell gesprungen. Und meine Mutter meinte immer: "Kannst du nicht einmal zufrieden sein?" Heute ist es eher so, dass ich sage: "Es ist, wie es ist. Ich bin zwar behindert, aber ich bin gesund." Das ist ein gravierender Unterschied zu damals.

SPOX: Sie haben in der Reha wieder mit dem Schwimmen begonnen. Wann haben Sie gemerkt, dass der Leistungssport doch noch nicht vorbei ist?

Bruhn: Am Anfang war es weniger Schwimmen, sondern vielmehr Wassergymnastik. Als ich nach sieben Monaten aus der Reha entlassen wurde, habe ich anfangs nur ein bisschen rumgeplantscht - und wurde immer besser im Schwimmen.

SPOX: Aber Wettkämpfe kamen Ihnen nicht gleich in den Sinn?

Bruhn: Eine Schwimmerin hat mich gefragt, warum ich nicht an Wettkämpfen von Behinderten teilnehme. Aber da dachte ich mir nur "Um Gottes willen". Ich wollte mich nicht nach außen hin auch noch als behindert präsentieren. Damit kam ich damals gar nicht klar. Aber 2002 hat bei mir ein Umdenken stattgefunden. Ich habe festgestellt, dass ich nichts zu verlieren habe. Also bin ich im selben Jahr zum ersten Mal bei einem Wettkampf für Behinderte gestartet. Durch das Trainieren wurde ich wieder lebendiger und habe gemerkt, dass mir genau das gefehlt hat. Eine Art Licht am Ende des Tunnels, eine Perspektive oder Zielsetzung. Und zu leben und nicht nur zu existieren.

SPOX: Wie ist es denn im Alltag? Werden Sie diskriminiert?

Bruhn: Man ist allein dadurch schon sehr auffällig, dass man einer Minderheit angehört und nicht auf zwei Beinen durch die Gegend wandert. Es ist keine wirkliche Diskriminierung, aber man verspürt oft eine negative Wahrnehmung. Ich finde es komisch, denn wir sind im 21. Jahrhundert und Integration wird viel diskutiert. Letztendlich ist es eine Kleinigkeit, das umzusetzen und zu leben, aber hier in Deutschland tun sich viele schwer. Da sind viele Nationen weiter als wir.

SPOX: Hat denn die Paralympics-Bewegung zu einem Image-Wandel geführt?

Bruhn: Auf jeden Fall. Wenn man die Paralympics 2004 und 2008 vergleicht, ist unheimlich viel passiert. Und ich hoffe, dass es in dem Tempo weitergeht, denn dann werden irgendwann die Paralympics annähernd so wahrgenommen und akzeptiert, wie es bei Olympia der Fall ist.

SPOX: Wie bewerten Sie die Professionalisierung des Behindertensports?

Bruhn: In der Wettkampfvorbereitung hat sich viel getan. Wir haben ähnliches Equipment wie die nichtbehinderten Schwimmer. Auch die Anzugdebatte gab es bei uns.

SPOX: Wie oft und in welchem Umfang trainieren Sie?

Bruhn: In den trainingsintensiven Zeiten schwimme ich 50 Kilometer in der Woche, plus Krafttraining. Und wenn ich noch zur Arbeit muss, dann bin ich bis 13 Uhr im Dienst, verbringe danach vier Stunden im Wasser und zweieinhalb Stunden im Kraftraum. Und das sechs Tage die Woche.

SPOX: Zu wie vielen anderen Sachen kommt man da noch?

Bruhn: Zu nicht mehr viel. Ich komme oft nicht vor halb zwei nachts ins Bett, weil ich mich selbst manage und noch meine Mails beantworten muss. Aber das geht ja nicht ewig so, bis 2012 oder 2013 noch. Wenn ich dann meine Karriere beende, dann weiß ich, dass ich nichts versäumt habe.

SPOX: Ist der Sport bei den Paralympics ehrlicher als bei den Olympischen Spielen?

Bruhn: Ehrlicher wäre zu scharf ausgedrückt. Ich glaube, dass wir aufgrund unseres Schicksals wissen, wie viel wert es ist, was wir können und was wir haben. Und vielleicht gehen wir ein bisschen bewusster und gesünder mit uns selbst um.

SPOX: Es scheint, als würden sich die paralympischen Athleten auch für ihre Konkurrenten freuen können. Täuscht der Eindruck, oder ist das wirklich so?

Bruhn: Größtenteils ist es wirklich so. Wenn man so diszipliniert das ganze Jahr oder sogar länger darauf hingearbeitet hat, dann weiß man, was man selbst und alle anderen geleistet haben. Und wenn man selbst für sich ein gutes Rennen gehabt hat, und es war jemand anderes besser, dann ist das sehr unsportlich, jemanden schlecht zu reden. Wir freuen uns dann mit.

SPOX: Was muss sich in der Öffentlichkeit noch ändern?

Bruhn: Zum einen muss sich die Wahrnehmung ändern, zum anderen muss akzeptiert werden, dass wir auch Hochleistungssport machen. Dann versteht auch die Öffentlichkeit im Bereich Sponsoren, dass da noch Bedarf besteht. Ich bin ja trotz Behinderung selbstständig. Ich komme von A nach B, ich mache alles selber, ich kaufe ein und putze meine Wohnung. Also bin ich doch kein minderwertiger Mensch. Das begreifen aber leider auch noch viel zu wenig Menschen.

SPOX: In den Werbespots gibt es auch so gut wie keine Menschen mit Behinderung.

Bruhn: Ich habe auf eine Anfrage die Antwort bekommen: "Wir möchten unsere Leser nicht negativ beeinflussen."

SPOX: Nicht negativ beeinflussen? Das ist harter Tobak.

Bruhn: Das ist wirklich sehr harter Tobak. Aber das ist wirklich zu 80, 85 Prozent die Reaktion und die Meinung dieser Menschen.

SPOX: Haben Sie denn Sponsoren?

Bruhn: Ich habe die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die mich unterstützt, meinen Ausrüster Arena und meinen Arbeitgeber AOK, der mich oft freistellt. Es könnte natürlich noch mehr sein und ich frage mich auch, warum das nicht so ist. Aber der Grund ist eben, dass ich ein Sportler mit Behinderung bin. Wir müssen zum Beispiel die Kurzbahn-WM in Rio als Athleten selber zahlen. Das hat 2500 Euro gekostet. Der Verband hat die Kosten nicht übernommen, weil die 25 Meter Bahn nicht paralympisch ist. Ohne die Unterstützung meiner Sponsoren könnte ich mir eine Teilnahme nicht leisten.

SPOX: Wie ist denn die Unterstützung der Schwimmer ohne Behinderung? Haben Sie Kontakt zu Britta Steffen?

Bruhn: Ich komme öfters mit Britta Steffen zusammen, da unsere Leistungslehrgänge am Olympiastützpunkt in Berlin stattfinden, wo sie ja auch trainiert. Sie findet es bewundernswert und faszinierend, was wir machen. Aber auch ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung.

SPOX: Und was sagen Sie zu Michael Phelps?

Bruhn: Das ist der reine Wahnsinn. Er ist ein Riesentalent, der alles bis ins kleinste Detail plant und ausreizt und natürlich eine immense finanzielle Unterstützung hat. Und wenn man dann noch so zielstrebig und diszipliniert ist wie er, dann kann es nur in diese Richtung gehen.

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