Basketball

"Die NBA ist noch immer ein Traum"

Von Bärbel Mees
Peter Fehse wurde als Nachfolger von Dirk Nowitzki gehandelt
© Imago

Peter Fehse wurde als bisher letzter Deutscher von einem NBA-Team gedraftet: 2002 von den Seattle SuperSonics. Der 19-Jährige spielte und sprach wie Dirk Nowitzki. Doch was folgte, war keine wundersame Karriere, sondern ein Irrweg mit vielen Verletzungen und Rückschlägen, der in der Schreckens-Nachricht gipfelte, er dürfe nie wieder Basketball spielen.

Doch jetzt kämpft sich der 26-Jährige zurück in die deutsche BBL. Im Interview mit SPOX spricht er über seinen Traum von der NBA, die Schrottkarre von Dirk Nowitzki und sagt, warum sich mit der Geburt seiner Tochter seine Prioritäten verschoben haben.

SPOX: Herr Fehse, Sie waren mit Ihrer zweijährigen Tochter beim Martinsumzug. Wie war es?

Peter Fehse: Es war richtig schön. Emma hat auch den heiligen St. Martin auf dem Pferd gesehen. Das hat ihr sehr gut gefallen.

SPOX: Haben Sie ihr denn eine eigene Laterne gebastelt?

Fehse: Natürlich, ganz vorbildlich. Ich versuche, mir viel Zeit für die Familie zu nehmen, auch wenn ich jetzt wieder angefangen habe zu trainieren. Aber der Verein setzt mich nach meiner Verletzung nicht unter Druck, deshalb bleibt im Moment genug Zeit für meine Familie.

SPOX: Sie haben nach Ihrer Verletzung in Braunschweig aufgehört. Jetzt trainieren Sie beim Mitteldeutschen BC, bei dem Sie schon 2003/04 unter Vertrag standen. Warum gerade der MBC?

Fehse: Da ich aus der Region stamme, war es in meinem Fall die naheliegendste Option, wieder für den MBC zu spielen. Aber die Nachricht, dass ich überhaupt wieder spielen kann, kam auch für mich sehr überraschend.

SPOX: Sie sprechen die schwere Verletzung an Ihrer Achillessehne an.

Fehse: Richtig. Ich habe mir einen knöchernen Achillessehnenausriss zugezogen. Im Mai hatte ich noch immer den Status, dass ich nie mehr spielen kann. Anfang Juli war ich bei dem Arzt, der meine Achillessehne operiert hatte und er meinte, wenn der Heilungsprozess weiterhin so gut läuft, kann ich doch wieder spielen. Kurze Zeit später kam der Anruf vom MBC, wie unsere zukünftige Zusammenarbeit aussehen könnte.

SPOX: Und zwar?

Fehse: Der MBC-Geschäftsführer Martin Geißler hat mich nur zwei Dinge gefragt: Ob ich zweimal die Woche das Sportschultraining leiten könnte und ob ich wieder beim MBC spielen möchte. Das kam für mich völlig überraschend.

SPOX: Weil Sie schon mit dem Basketball abgeschlossen hatten?

Fehse: Ja. Meine Basketball-Karriere war eigentlich beendet. Bis ich zur Nachuntersuchung zum behandelnden Arzt gefahren bin und er meinte, einen solchen Heilungsprozess hätte er noch nie gesehen. Im Rausgehen sagte er: "Na, dann kann es mit dem Basketball ja weitergehen." Mit so etwas habe ich überhaupt nicht mehr gerechnet. Ein paar Tage später habe ich ihn dann extra noch einmal angerufen und ihn gefragt, ob er auch wirklich mich damit gemeint hat. Das hat er, also musste ich meine Studienpläne wieder auf Eis legen.

SPOX: Was hätten Sie denn studiert?

Fehse: Ich hätte mich wahrscheinlich in die Richtung Wirtschaftsinformatik orientiert. Vielleicht wird es aber noch einmal eine Umorientierung im Studienbereich geben. Jetzt habe ich ja wieder ein Jahr Zeit, mir das zu überlegen.

SPOX: Nach der Operation teilte Ihr Arzt Ihnen mit, dass Sie nie wieder Basketball spielen können. Was ging Ihnen bei dieser Nachricht durch den Kopf?

Fehse: Ich habe mich gefühlt wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die Nachricht vom Arzt war für mich erstmal wie ein Schlag ins Gesicht. "Jetzt ist es vorbei", dachte ich mir. Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was ich ohne Basketball machen soll. Ich war es gewohnt, zweimal am Tag zu trainieren und Spiele zu bestreiten, und das sollte auf einmal alles vorbei sein?

SPOX: Wie haben Sie sich in der Zeit danach gefühlt?

Fehse: Die Zeit nach der OP war sehr kritisch. Ich durfte mein Bein zehn Wochen lang nicht belasten. Das war eine Zeit der Leere und ich wurde eine absolute Couchpotato. Ich habe mir ständig Gedanken gemacht, warum es passiert ist, und wie es jetzt weitergehen kann, denn ich will meiner Familie ja auch ein schönes Leben bieten. Kein Profisportler ist gerne länger als eine Woche ohne Training zu Hause. Ich glaube, die Zeit war auch nicht einfach für meine Frau, aber sie hat mir immer den Rücken gestärkt. Ich musste wirklich erst einmal lernen, mit dieser schwierigen Situation umzugehen.

SPOX: Die Verletzung war nicht Ihr erster Rückschlag. 2002 wurden Sie mit 19 von den Seattle SuperSonics gedraftet. Zum Einsatz ist es aber nie gekommen...

Fehse: Das war 2002. Auch da haben unter anderem Verletzungen eine Rolle gespielt. Aber von einem Einsatz in der NBA  träumt man natürlich. Es war ein überwältigendes Gefühl. Es ist nicht so einfach, diesen Medienrummel mit 19 zu überstehen und einen klaren Kopf zu behalten. Ich habe immer versucht, auf dem Boden zu bleiben. Aber letztendlich ist es leider so, dass man sehr schnell hoch gelobt wird, und dann fällt man eben auch sehr tief. Sicher ist es schade, dass es damals nicht geklappt hat, aber ich habe keine schwerwiegenden Traumata davongetragen.

SPOX: Sie sind anschließend nach Italien zu Benetton Treviso gegangen. Dort klappte es wieder nicht mit einem Einsatz. Warum nicht?

Fehse: Es gab Probleme mit der Bundeswehr. Ich hatte vor dem Draft schon bei Treviso unterschrieben. Eigentlich sollte ich ausgemustert werden und plötzlich hieß es, ich müsste meinen Dienst ableisten. Also habe ich das gemacht und zu der Zeit in Frankfurt trainiert. 2003 bin ich zum MBC gegangen. Das ist alles nicht ganz so optimal gelaufen.

SPOX: Sie wurden damals immer als Nachfolger von Dirk Nowitzki gehandelt. War die Bürde zu groß?

Fehse: Ich vergleiche mit nicht mit Dirk Nowitzki. Er ist ein Ausnahmesportler. Für viele deutsche Basketballer ist er ein Idol. Dirk ist das A und O. Mit ihm steht und fällt der deutsche Basketball.

SPOX: Was genau bewundern Sie an Dirk?

Fehse: Seine Vielseitigkeit. Er ist ein großer Spieler, er kann außen spielen oder unter dem Korb und er kann sehr gut Dreier werfen. Er setzt sich seit Jahren in der NBA durch und ist immer einer der besten Punktesammler. Er ist ein Teamplayer und er ist bodenständig geblieben. Erst nach ein paar Jahren in der NBA hat er sich mal ein ordentliches Auto gekauft. Jahrelang ist er mit so einer komischen Kiste herumgefahren. Und trotzdem ist er bei der Nationalmannschaft zu allen nett. Er ist nicht der große Dirk Nowitzki, sondern einfach der Dirk.

SPOX: Sie haben mal gesagt: "Dirk Nowitzki ist nicht der letzte Deutsche, der in die NBA gegangen ist. Das kann gar nicht sein."

Fehse: Das stimmt. Ich garantiere, dass Dirk nicht der Letzte ist. Mein NBA-Traum ist auch noch nicht ausgeträumt. Es gibt Basketballer, die mit 29 noch in die NBA gekommen sind. Ob es nun realistisch ist oder nicht, sei dahingestellt. Aber wenn man Profi-Basketballer ist, verschwendet man immer einen kleinen Gedanken an die NBA. Momentan mache ich aber erstmal einen Schritt nach dem Anderen.

SPOX: Wann werden Sie wieder auf dem Feld stehen?

Fehse: Es ist angedacht, dass ich in diesem Kalenderjahr auf jeden Fall noch voll ins Mannschaftstraining einsteige und vielleicht die Rückrunde spiele. Ich trainiere noch sehr individuell, denn Fünf gegen Fünf darf ich noch nicht spielen. Derzeit bin ich zufrieden, überhaupt wieder spielen zu können. Aber es wird mir nicht reichen. Ich sehe es als Anfang für einen zweiten Frühling.

SPOX: Dennoch scheint es, als hätten sich durch Ihre Verletzungen oder auch durch Ihre Tochter Ihre Prioriäten verschoben.

Fehse: Das stimmt. Meine Tochter Emma hat oberste Priorität. Wir verbringen viel Zeit zusammen. Wir gehen in den Zoo und haben alle Spielplätze abgeklappert. Mit meiner Tochter draußen rumzutoben, ist das Schönste für mich.

SPOX: Was steht denn an Weihnachten auf Ihrer Wunschliste?

Fehse: Ich möchte wieder hundertprozentig gesund und fit werden. Am meisten aber wünsche ich mir Gesundheit für meine Familie.

SPOX: Sie sind erst 26. Gibt es dennoch schon etwas, das Sie im Rückblick anders machen würden?

Fehse: Es gibt einige Dinge, die man im Nachhinein immer anders hätte machen können. Früher war ich einfach Profisportler und hatte meine Freundin. Aber seit mit meiner Tochter ein kleines Wesen in mein Leben gekommen ist, um das ich mich kümmern muss, ist meine oberste Priorität, dass es meiner Familie gut geht.

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