Sebastian Bayer im Interview

"Dopingfreigabe ist totaler Schwachsinn"

Von Interview: Haruka Gruber
Montag, 10.08.2009 | 11:02 Uhr
Bei den deutschen Meisterschaften stellte Bayer mit 8,49 Metern eine neue Freiluft-Bestmarke auf
© Getty
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Er ist der Shootingstar der deutschen Leichtathletik und Gold-Hoffnung bei der am 15. August beginnenden Heim-WM in Berlin. Sebastian Bayer (23) über Konkurrent Dwight Phillips, seine Romanze mit Carolin Nytra, die suspekte Vergangenheit seines Trainers Joachim Schulz und Robert Hartings Forderung nach einer Doping-Freigabe.

SPOX: Wie geht's Ihnen?

Sebastian Bayer: Ganz gut. Zuletzt wurde ich von einer Kapselentzündung zurückgeworfen, aber die vergangene Woche verlief sehr gut. Die letzten Trainingseinheiten lassen darauf hoffen, dass einiges drin ist.

SPOX: Womöglich die Goldmedaille?

Bayer: Im Moment ist das Weltniveau im Weitsprung so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, vielleicht sogar wie noch nie. Da kann man Pech haben und mit 8,40 Meter nur Vierter werden. Mir geht es daher primär um die Weite. Wenn ich 8,30 Meter springe, habe ich alle meine Ziele erreicht.

SPOX: Der Amerikaner Dwight Phillips ist diese Saison bereits 8,74 Meter gesprungen, Irving Saladino aus Panama 8,63 Meter. Mit 8,50 Meter liegt auch noch der Südafrikaner Godfrey Mokoena vor Ihnen. Bekommt man angesichts der hochkarätigen Konkurrenz Angst?

Bayer: Überhaupt nicht. Vor vier, fünf Jahren wäre ich zwar mit meiner Jahresbestweite von 8,49 Meter wohl Weltranglisten-Erster gewesen. Damals gab es im Weitsprung eben eine Flaute, jetzt haben wir ein Hoch. Das tut dem Sport gut - und auch mir, weil es zusätzlich motiviert.

SPOX: Dwight Phillips, Ihr wohl größter Konkurrent, sagte im SPOX-Interview, dass Sie in Berlin unter gewaltigem Druck stehen würden und damit fertig werden müssten. Was halten Sie von solchen Sticheleien?

Bayer: Jeder, wie er es braucht. Im Fußball gibt es ja auch einige, die vor einem wichtigen Spiel das Maul aufreißen. Wenn er es nötig hat, okay. Aber er braucht sich keine Gedanken zu machen, ich komme schon klar.

SPOX: Zumindest steht Ihnen in Berlin Ihre Freundin und Hürdenläuferin Carolin Nytra bei, die nachträglich ins WM-Aufgebot aufgerückt ist. Stimmt es, dass Sie besonders gut springen, wenn Sie dabei ist?

Bayer: Offensichtlich. Zweimal hat es schon geklappt.

SPOX: Im Beisein Ihrer Freundin sprangen Sie im März bei der Hallen-EM in Turin 8,71 Meter und vor einem Monat bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm 8,49 Meter.

Bayer: Es hilft, wenn Caro dabei ist. In den Wochen vor den deutschen Meisterschaften hatte sich einiges bei mir aufgestaut. Mein eigener Druck, aber auch der von Caro wegen ihrer WM-Nominierung. Als sie dann in Ulm dabei war, hat es mich sehr gefreut und eine innere Zufriedenheit machte sich breit. Der Wettkampf war sehr von Emotionen geprägt. So lässt es sich leichter springen.

SPOX: Hoffen Sie in Berlin auf einen ähnlichen Effekt?

Bayer: Wer weiß, welche Siegerehrung parallel zum Weitsprung stattfindet und welche Stimmung dadurch im Stadion herrscht. Vielleicht kann ich mich von der Masse mitreißen lassen.

SPOX: Sollten Sie in Berlin eine Medaille gewinnen, wird es jedoch nicht nur freudige Stimmen geben. Sind Sie nach Ihrem kometenhaften Aufstieg und einhergehenden Doping-Anspielungen darauf gefasst, dass Sie noch kritischer beäugt werden?

Bayer: Für die deutsche Presse wird das mit Sicherheit ein Thema werden.

SPOX: Immerhin sagten Sie vor Ihrem 8,71-Meter-Sprung, dass ohne Doping höchstens 8,50 Meter möglich seien.

Bayer: Ich weiß, dass ich clean bin, von daher muss ich mich relativieren. Ich habe es nie für möglich gehalten, dass ich soweit springen könnte. Mein Trainer hat mir aber schon damals gesagt: "Wie konntest du so was sagen? Ich weiß doch, dass du ein Riesen-Talent bist."

SPOX: Sie sprechen Ihren Trainer Joachim Schulz an, der vor einigen Wochen zugegeben hat, in der DDR Dopingmittel verabreicht und sie auch im Selbstversuch ausprobiert zu haben. Wussten Sie von seiner Doping-Vergangenheit?

Bayer: Als ich mit 14 Jahren zu ihm gewechselt bin, wusste ich von nichts. Aber wenn man in einen gewissen Leistungsbereich vordringt, wird man schnell mit dem Thema Doping konfrontiert - und da hat mir Joachim relativ schnell erklärt, wie es damals ungefähr abgelaufen ist.

SPOX: Wie hat er es erklärt?

Bayer: Indem er mir vom damaligen Leistungsdruck und dem Drill erzählt hat. Er hat mir gesagt, dass wir heutzutage gar nicht wüssten, wie gut wir es haben. Als Jugendlicher habe ich mich über acht Trainingseinheiten in der Woche beschwert, früher hatten die Sportler gar keine Wahl. Da wurde das gemacht, was gesagt wurde.

SPOX: Bereut Schulz die Praktiken von damals? Oder entschuldigt er sie?

Bayer: Keins von beiden. Er sagt, dass er dazu gezwungen wurde. Weil er seinen Beruf und sein Hobby nicht verlieren wollte, hat er es getan. Als Trainer zu arbeiten, ist seine große Leidenschaft. Er wollte sie nicht opfern.

SPOX: Sie selbst bekennen sich wiederholt zum "absolut sauberen Sport". Wie können Sie mit Schulz zusammenarbeiten?

Bayer: Wenn es um Doping geht, spricht Joachim von Dreckszeug. Ich weiß, wie er mit mir und den anderen Athleten trainiert und dass er heute absolut sauber zum Sport steht. Deswegen habe ich keine Probleme mit seiner Vergangenheit.

SPOX: Unter Beschuss steht derzeit Diskus-Werfer Robert Harting mit seiner nur halbherzig zurückgenommenen Forderung, Doping freizugeben, weil die meisten sowieso gedopt seien.

Bayer: Ich finde das totalen Schwachsinn. Ich hätte an Roberts Stelle gar nichts gesagt, so lange keiner von seinen Konkurrenten positiv getestet wurde. Es gilt die Unschuldsvermutung.

SPOX: Spricht aus Harting die Resignation?

Bayer: Robert ist in einer anderen Situation als ich. Er ist noch näher an der Weltspitze und wirft über 68 Meter, aber dann kommt wie bei Olympia ein Pole, Ukrainer oder sonst einer und schnappt ihm die Medaille weg. Von diesen Leuten hört man das ganze Jahr nichts, aber beim Saisonhöhepunkt tanzen sie dir auf der Nase herum. Daher kann ich es nachvollziehen, dass Robert sauer ist. Aber eine Freigabe zu fordern, ist definitiv nicht der richtige Weg.

SPOX: Wie gefährlich wäre eine Doping-Freigabe?

Bayer: Ich persönlich würde unter keinen Umständen dopen - alleine schon wegen der Angst vor den negativen Folgen für den Körper. Das ist mir ein zu großes Risiko. Daher würde ich auch gar keinen Sinn mehr im Sport sehen und mit dem Weitsprung aufhören, wenn Doping erlaubt würde. So, wie es jetzt ist, kann ich immerhin noch an das Gute im Menschen glauben.

SPOX: Sie glauben an den sauberen Sport?

Bayer: Ich würde für keinen, der vorne mitspringt, meine Hand ins Feuer legen, aber ich denke schon, dass ungefähr 90 Prozent meiner Gegner clean sind. Wenn Doping freigegeben werden würde, wüsste ich aber, dass 90 Prozent voll wären.

Wann springt Bayer? Der Wettkampfplan der Leichtathletik-WM

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