Sonntag, 14.09.2008

Zweifel an Fabelzeiten

Lewis schießt gegen Bolt

Jahrhundert-Leichtathlet Carl Lewis hat die Jahrhundert-Weltrekorde von Jamaikas Supersprinter Usain Bolt in Zweifel gezogen, direkte Dopingvorwürfe gegen den dreimaligen Olympiasieger aber vermieden.

Leichtathletik, 100 Meter, Usain Bolt
© Getty

"Er könnte der größte Athlet aller Zeiten sein. Aber man müsste ein Dummkopf sein, wenn man nicht fragen würde: Wie kann jemand in einem Jahr 10,03 rennen und im nächsten Jahr 9,69 - und das in einer Sportart mit diesem Ruf", erklärte der neunmalige Olympiasieger aus den USA.

Bolt "soll mir nicht erzählen, dass er ein Großer ist - und zwei Jahre später wird er erwischt", meinte Ex-Weltrekordler Lewis, der auf das Schicksal der schnellsten Männer der Welt, derzeit die Jamaikaner Bolt und Asafa Powell, verwies.

Bisher drei Weltrekordler positiv getestet

"Lasst uns realistisch sein und gehen wir mal die Liste durch: Ben Johnson, Justin Gatlin, Tim Montgomery, Tyson Gay und die zwei Jamaikaner. Sechs Leute sind legal unter 9,80 gelaufen, drei sind positiv getestet worden, einer war für ein Jahr gesperrt", sagte der 47 Jahre alte King Carl Lewis, der 1999 vom Weltverband IAAF zum Leichtathleten des Jahrhunderts gekürt wurde.

Drei Wochen nach den Olympischen Spielen in Peking staunt Lewis immer noch über die Superzeiten von Bolt, der über 100 (9,69 Sekunden) und 200 Meter (19,30) sowie mit der Sprintstaffel über 4x100 Meter (37,10) Gold in Weltrekordzeit erobert hatte.

Er sei noch nicht über den Fakt hinweggekommen, befand Lewis, dass sich Bolt innerhalb eines Jahres von 10,03 auf 9,69 verbessert hat.

Lewis beklagt unterschiedliche Doping-Kontrollen

"Ich denke, das wirft einige Fragen auf. Ich bin stolz auf Amerika, weil wir derzeit die besten Zufallskontrollen und das umfangreichste Dopingtestprogramm haben. Länder wie Jamaika haben kein Programm für unangemeldete Trainingskontrollen, deshalb können sie monatelang von Tests verschont bleiben."

Trotz der großen Dominanz der Jamaikaner wolle er niemanden beschuldigen. Lewis: "Aber du darfst nicht nach unterschiedlichen Regeln leben und das gleiche Maß an Respekt erwarten."

Auch über IAAF-Präsident Lamine Diack regte sich Lewis auf. Der Senegalese hatte die Leistung von Bolt in Peking höher eingeschätzt als die Gala-Vorstellung des Amerikaners bei den olympischen Boykott-Spielen 1984 in Los Angeles.

Rekorden wird zu viel Gewicht beigemessen

Lewis hatte damals seine ersten vier Goldmedaillen erkämpft, aber "nur" eine mit einem Weltrekord gekrönt. Dass er bei IAAF-Chef Diack schlechter wegkommt als Bolt, konnte er nicht auf sich sitzen lassen.

"Ich habe ihm eine E-Mail geschickt. Mit dieser Einschätzung liegt er falsch." Und: "Eines der Probleme in unserer Sportart ist, dass so viel Gewicht auf Rekorde gelegt wird. Und dann kommt der Präsident des Weltverbandes und spricht über Rekorde. Der Sport sollte doch ein Wettkampf sein."


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