Samstag, 27.09.2008

Firat Arslan im Porträt

"An Sex ist nicht zu denken"

Auf den ersten Blick ist Firat Arslan der Prototyp eines Boxers: 1,82 Meter groß, ein gestählter, mit Muskeln bepackter Oberkörper und ein latent gefährlicher Gesichtsausdruck, zu dem der akkurat gestutzte Mafia-Bart seinen Teil beiträgt.

Arslan, Boxen
© Getty

Keine Frage, er könnte auch als Türsteher oder Bauarbeiter durchgehen, vielleicht noch als Fitness-Trainer.

Wagt man jedoch einen zweiten Blick oder erlebt man den 90-Kilo-Mann, wie vergangene Woche im "Aktuellen Sportstudio", wo er sich für einen Boxer ungewohnt eloquent präsentierte, schämt man sich für die erste Einschätzung in Grund und Boden.

Weltmeister mit 37

Es bedurfte nur wenige Minuten, und aus dem ach so typischen Boxer wurde ein charmanter und sehr tiefgründiger Leistungssportler, der dank eines unbeugsamen Willens, eiserner Disziplin und dem Glauben an die eigene Fähigkeit im stolzen Alter von 37 Jahren am Ende seiner Träume angelangt ist.

Mit einem Sieg über den großen Virgil Hill am 24. November letzten Jahres krönte sich der gebürtige Türke zum WBA-Weltmeister im Cruisergewicht.

Diesen Titel wird der Löwe (die deutsche Bedeutung von Arslan) am Samstag in der Hamburger Color Line Arena gegen Guillermo Jones aus Panama bereits zum zweiten Mal verteidigen.

Und die Halle wird brechend voll sein. Längst ist der sympathische Schwabe zum Liebling der Fans, der Medien und nicht zuletzt seines Spotlight-Boxstalls avanciert. Doch dies war nicht immer so.

Lange Zeit unterschätzt

"Ich gebe ja zu, dass auch ich Firat sehr lange unterschätzt habe", gestand Klaus-Peter Kohl, Promoter des Schwester-Boxstalls Universum, in der "Welt".

Lange Zeit galt Arslan, der erst mit 18 Jahren das Boxen für sich entdeckte und mit 27 sein Profi-Debüt gab, als weitgehend talentfrei.

Aufgrund seiner mäßigen Technik traute ihm fast niemand mehr zu als eine Karriere als Sparringspartner. Bis vor zwei Jahren hatte er noch nicht einmal einen eigenen Trainer.

Unbänder Wille, Urgewalt und Askese

Dafür jedoch jede Menge Willenskraft: Der gelernte Mechaniker jobbte am Bau und als Security-Mann, ohne jedoch sein Ziel "Weltmeister zu werden" aus den Augen zu verlieren.

Schon bei seinem allerersten Sparring kam Arslans Urgewalt ans Tageslicht, als er seinem Trainingspartner mit einem Schlag eine Rippe brach. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich wohl ein bisschen Kraft mitbringe", so Arslan in den "Stuttgarter Nachrichten".

Zu dieser Kraft und enormen Nehmerqualitäten gesellt sich ein großer Trainingsfleiß und ein Leben voller Entbehrungen. "Schon Wochen vor dem Kampf ist an Sex nicht zu denken", verriet er dem "Focus".

Die selbst auferlegten Regeln und Verbote sollen seine technischen Defizite‚ "die man nun mal hat, wenn man erst so spät zum Boxen gekommen ist", kompensieren.

Langjährige Freundschaft mit Krasniqi

Unterstützung erhält Arslan seit Beginn der Karriere von seinem langjährigen Freund Luan Krasniqi. Mit ihm trainiert er seit nunmehr 18 Jahren. Beide helfen sich, wo sie nur können.

Und so durfte Krasniqi auch im sechswöchigen Trainingslager in Sölden, in dem sich der Rechtsausleger den Feinschliff für seine erste Pflichtverteidigung gegen die Nr. 1 der WBA-Rangliste holte, nicht fehlen.

Sehnsucht nach Respekt

Von einem Sieg gegen Jones, dem der Ruf als K.o.-Puncher vorauseilt, verspricht sich Arslan, auch seine letzten Kritiker Lügen zu strafen. "Jones ist ein Topmann mit hoher K.o.-Quote. Er hat gute Namen geboxt. Das kommt mir gelegen. Je besser der Gegner, desto höher der Respekt hinterher", so der Spätstarter.

Was er vielleicht noch nicht so ganz verinnerlicht hat, der Respekt könnte schon jetzt größer nicht sein. Längst ist eine Verfilmung seines Lebens angedacht. Denn Arslan ist ein Paradebeispiel dafür, dass es sich lohnt, an seine Ziele zu glauben und für sie zu kämpfen.

Boxer mit Bildungsauftrag

Um diese Botschaft weiterzugeben, tingelt der Berufsboxer in seiner Freizeit sogar durch Deutschlands Schulen. "Ich will jungen Menschen zeigen, dass alles möglich ist, wenn man nur dranbleibt", sagte er im "Aktuellen Sportstudio".

Ein Überbleibsel seiner steinigen Laufbahn findet man auf seiner Homepage, die ein Zitat von Mahatma Gandhi ziert: "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du."

Carolin Blüchel

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