Mittwoch, 09.07.2008

WADA tritt auf den Plan

Viagra auf die Dopingliste?

Hamburg - Steven wirft Viagra ein - dann legt er los. Es läuft einfach besser mit der kleinen blauen Pille. Und Steven reicht sogar ein Viertel der Tablette, 12,5 Milligramm des Wunder-Wirkstoffs Sildenafil, um schnell in Schwung zu kommen.

Viagra, Doping
© DPA

"Ich benutze die kleinen blauen Pillchen schon seit Jahren, 30 Minuten vorm 10-Kilometer-Dauerlauf, zweimal die Woche", verrät der Hobby-Renner in einem anonymen Kommentar im Internet.

Ohne Viagra bekomme er schon nach fünf Kilometern Seitenstechen und "faule" Muskeln. Für Steve ist also klar: "Bessere Verbrennung durch bessere Sauerstoffzufuhr. Folglich - zumindest für mich - ist Viagra definitiv ein Dopingmittel."

Unter Sportlern beliebt

Genau darum geht es. Das eigentlich für spezielle Herzkrankheiten entwickelte und heute millionenfach als Potenzpille verschriebene Medikament wird unter Sportlern offenbar immer beliebter. Noch sind die Effekte für die Leistungsfähigkeit von Athleten nicht genügend erforscht - die Experten sind sich nicht einig.

Doch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat das Problem längst erkannt und finanziert mehrere Forschungsprojekte. "Viagra steht bisher nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen. Aber wir kennen Studien, in denen die Wirkung von Sildenafil auf die Leistungssteigerung in verschiedenen Höhenlagen erforscht wurde", sagte WADA-Sprecher Frederic Donze.

Eine Überraschung wäre es nicht, wenn Viagra bald auf der Liste der verbotenen Substanzen, die mindestens einmal im Jahr aktualisiert wird, auftaucht. "Die von der WADA finanzierten Studien zu Sildenafil gehen weiter", sagte Donze. Vor allem in Höhenlagen soll Viagra die von Hoch-Leistungssportlern gewünschte Wirkung haben: Sildenafil weitet die Blutgefäße - auch in der Lunge - und verbessert die Sauerstoffaufnahme des Blutes.

Es "erhöht außerdem die Auswurfleistung des Herzens, dadurch können Belastbarkeit und Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert werden", heißt es in einem wissenschaftlichen Wirkstoff-Dossier zu Sildenafil.

Leistungssteigerung von 15 Prozent

Also mit Viagra in Peking schneller, höher und stärker? Und das ungedopt? "Es ist möglich", meinte Anthony Butch, Direktor des von der WADA akkreditierten Analyselabors in Los Angeles. Unlängst wurden in der Wohnung eines italienischen Radsport-Amateurtrainers gleich 82 Packungen des Potenzmittels gefunden.

Vor allem in Höhenlagen soll Viagra beflügelnd wirken, ergaben Tests mit Radprofis, über die das "Journal of Applied Physiology" bereits vor zwei Jahren berichtet hatte. Leistungssteigerungen von 15 Prozent wurden bei einem Zeitfahren auf 3.700 Meter Höhe nachgewiesen.

Doch alles hat seinen Preis: Die Warnhinweise auf schädliche bis tödliche Nebenwirkungen der Power-Pille füllen in dem Dossier ganze Seiten. Wer in die Apotheke geht, braucht für Viagra ein Rezept - und eine dicke Brieftasche: Vier Pillen (je 50 mg Sildenafil) kosten derzeit in Deutschland 46,16 Euro.

Steve würde das zwar für 16 Trainingseinheiten reichen, doch der Hobby-Läufer kauft bestimmt nicht in der Apotheke. Auf dem Schwarzmarkt und im Internet gibt es inzwischen jede Menge Anbieter für "Nachahmerprodukte" wie etwa Silagra oder Apcalis.


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