Sonntag, 22.06.2008

Nick Bollettieri exklusiv

Du sollst keine Schwäche haben

München - Bald 77 Jahre alt und noch immer kein bisschen tennismüde: Nick Bollettieri.

Nick Bollettieri, Tennis
© Getty

Der Tennis-Guru hat in seiner riesigen Academy in Florida unzählige Stars geformt, allen voran Andre Agassi.

Auch heute steht Bollettieri noch täglich auf dem Platz, um Talente an die Weltspitze zu führen.

Im großen SPOX.com-Interview spricht Bollettieri vor dem Wimbledon-Start (ab Montag, 14 Uhr live bei Premiere und die Highlights bei SPOX.TV) über das enttäuschende deutsche Tennis, sagt, wie man es besser macht und verrät, ob er in Wimbledon noch an Roger Federer glaubt. 

SPOX.com: Herr Bollettieri, wie schätzen Sie im Moment das deutsche Tennis ein?

Nick Bollettieri: Das deutsche Tennis ist im Moment eine Enttäuschung. Wichtig ist, dass man sich damit nicht abfindet und den Tatsachen ins Auge schaut. Fakt ist: Nicolas Kiefer ist immer noch ein Kämpfer, aber er wird nicht jünger. Tommy Haas hatte viel Pech mit Verletzungen, auch er wird nicht jünger. Und dann hat man noch zwei, drei andere Spieler, wie zum Beispiel bei den Damen die junge Sabine Lisicki, mit der wir hier in der Academy arbeiten. Sicher, ihr Deutschen seid enttäuscht, aber nicht nur ihr. In Amerika ist es nicht besser. Oder schaut mal nach Großbritannien. Die haben in Wimbledon zwei Spieler im Hauptfeld und die Wildcards müssen sie an Spieler vergeben, die weit außerhalb der Top-200 stehen, yikes!  

SPOX: Was müssen wir tun, um wieder Top-Spieler zu bekommen?

Bollettieri: Ich habe einen interessanten Kommentar von Björn Borg gelesen. Er meinte, dass sich alles immer in Zyklen verändert und irgendwann schon wieder jemand nachkommen wird. Das mag sein, aber meiner Meinung nach ist es einfach so, dass man die Spieler von einem sehr jungen Alter an entwickeln muss. Man sollte ein Future-Team aufbauen, aber dafür wirklich nur die Besten der Besten aus jeder Altersklasse nehmen. In den USA wird das jetzt gemacht. Das bringt keinen Erfolg über Nacht, aber man muss ein Ausbildungssystem kreieren und schon bei den Acht- und Neunjährigen anfangen.

SPOX: Wenn man es dann bei den Kindern richtig macht, hat man einige Jahre später Jugendliche, die es schaffen könnten.

Bollettieri: Genau. Fünf Jahre später sind die alle 14 und 15 Jahre alt und man hat eine ganze Reihe an Spielern, die potentiell in die Spitze kommen können. So würde ich es machen. Man sollte auch keine ausländischen Trainer ins Land holen, sondern die einheimischen Coaches nutzen, die man hat. Und dann vielleicht ab und zu einen Experten aus dem Ausland mit ins Boot holen. Noch mal: Die Idee ist, ganz früh anzufangen und von klein auf seine eigenen Spieler zu entwickeln.

SPOX: Sie haben Sabine Lisicki angesprochen. Was kann Sie erreichen?

Bollettieri: Sabine hat auf jeden Fall großes Potenzial, sie ist noch sehr jung. Sie muss aber intelligenter werden und verstehen, dass "bang, bang, bang" nicht ganz ausreicht, um ein Spiel zu gewinnen. Um ein Champion zu sein, muss man sowohl großartiges defensives Tennis als auch offensives Tennis spielen können. Wenn Sabine lernt, wie sie ihre Gegnerinnen zu mehr Unforced Errors zwingen kann, wird sie den nächsten Schritt machen. Du kannst im heutigen Tennis kein großer Spieler werden, wenn Du nur darauf aus bist, Winner zu schlagen. Im Tennis und im Sport allgemein gewinnt man nicht, indem man Winner schlägt. Man muss den Gegner dazu bringen, die Fehler zu machen. Das ist entscheidend.

SPOX: Tennis, gerade auch bei den Damen und im Junioren-Bereich, wird zunehmend von osteuropäischen Ländern dominiert. Woher kommt das?

Bollettieri: Zuerst einmal: Es gibt eine Ausnahme. Ein anderes Land, das auch sehr erfolgreich arbeitet, ist Frankreich. Die Franzosen machen seit langer Zeit eine hervorragende Nachwuchsarbeit und hatten zuletzt sehr gute French Open. Sie haben wirklich einige gute Spieler, die auf dem Weg nach oben sind. Vor allem Gael Monfils. Er hat unglaubliche athletische Voraussetzungen. Der Grund, warum so viele Spieler aus Dritte-Welt-Ländern nach vorne kommen, ist, dass sich dort alles auf einen Sport fixiert: Tennis. In Amerika können die Kinder aus zehn verschiedenen Sportarten wählen. In der Dritten Welt, einschließlich Russland, gibt es Tennis und das war's.

SPOX: Aber mit der Einstellung hat es schon auch etwas zu tun.

Bollettieri: Ja. Es ist sicher so, dass sie von klein auf eine etwas hungrigere Mentalität haben. Den Erfolg mehr wollen und zielgerichteter sind. Wenn man die drei Serben nimmt, von denen alle sprechen, Novak Djokovic, Ana Ivanovic und Jelena Jankovic, muss man sagen, dass sie zwar alle in ihrer Heimat angefangen haben, aber dann sind sie alle weggegangen. Djokovic ist zu Niki Pilic nach Deutschland, Jelena ist zu mir gekommen. Lasst uns nicht vergessen, wo Jelena die Nummer drei der Welt geworden ist, hier. Als Jelena bei mir war, hatte ich zum gleichen Zeitpunkt noch Maria Scharapowa und Tatiana Golovin im Training.   

SPOX: Sie hatten und haben mit ihrer Art, Tennis zu trainieren, zweifellos unglaublich viel Erfolg. Was ist der "Bollettieri-Stil"?

Bollettieri: Meine Überzeugung ist, dass man im heutigen Tennis keine Schwächen haben darf. Vor 15 oder 20 Jahren ist man damit vielleicht noch durchgekommen, wie Jim Courier zum Beispiel. Er konnte nur Vorhand spielen. Wahrscheinlich hätte mein alter Junge Jim heute große Schwierigkeiten. Aufschlag und Vorhand, das reicht nicht mehr. Deshalb liegt darauf mein Hauptaugenmerk. Spieler dürfen keine große Schwäche haben, weil die Gegner so stark sind, dass sie diese sofort ausnützen. Selbst für eine großartige Athletin wie Steffi Graf wäre es heute schwer, ihre berühmte Inside-out-Vorhand aus der Rückhand-Ecke einzusetzen. Das Spiel ist so kraftvoll geworden, die Bälle werden so früh genommen, es wäre echt schwer für sie.

SPOX: Steffi Graf spielte aber wenigstens einen schönen Slice. Heute spielen die Damen alle das gleiche monotone aggressive Spiel von der Grundlinie.

Bollettieri: Sie haben Recht. Es ist so schade, dass Justine Henin nicht mehr dabei ist. Sie hatte ein tolles All-Round-Game, sie hat den ganzen Platz ausgenutzt. Sie hat einen starken Volley gehabt, sie konnte eigentlich alles. Aber sie war die Einzige. Es gibt keine Serve-and-Volley-Spieler mehr, bei den Damen sowieso nicht und auch bei den Herren nicht.

SPOX: Kommen wir zu Wimbledon. Glauben Sie, dass Roger Federer nach seiner demütigenden Niederlage in Paris nun auch auf Rasen einen Nadal-Komplex entwickeln könnte?

Bollettieri: Was mir im Finale in Roland Garros aufgefallen ist, ist folgendes: Wenn Du die Nummer 1 der Welt bist, dann benötigst Du keinen großen Spielplan vor einem Match. Boris (Becker) hat mich immer gebeten, 'Nick, gib mir eine Sache mit für mein Match'. Das war genau richtig. Wenn ich der beste Spieler der Welt bin, warum zum Teufel soll ich mir groß Gedanken machen - oh, ich muss das machen, ich muss das ändern. Ich glaube, dass bei Federer im Kopf zu viele Sachen vorgegangen sind.

SPOX: Ist Federer aber noch der Mann, den es zu schlagen gilt?

Bollettieri: Für mich ja. Auch wenn Nadals Selbstvertrauen und seine Chancen in Wimbledon zu gewinnen nie größer waren, ist Federer die Nummer 1. Aber was die Sache so interessant macht, ist die Frage, was mit Roger in Wimbledon und bei den US Open passiert. Wenn man etwas zurückgeht und die letzten Jahre der Karriere von Pete Sampras anschaut, in denen er so viele Spiele verloren hat. Wieso hat er die verloren? Ganz einfach: Statt zu sagen, ich hoffe, dass ich nicht gegen Sampras spielen muss, haben die anderen plötzlich gesagt, ich will gegen Pete spielen. Das gleiche könnte Federer passieren. Sie verlieren den "Fear-Factor". Wenn die anderen plötzlich gegen dich spielen wollen, wird es gefährlich. Roger muss sich diesen Respekt zurückholen.

SPOX: Haben Sie jemanden auf der Rechnung, der überraschen könnte?

Bollettieri: Ich glaube, dass Andy Murray eine gute Rolle spielen wird. Er wird immer besser. Andy Roddick darf man nicht abschreiben. Dann halte ich sehr viel von diesem jungen Letten, Gulbis. Er wird mal ein Großer. Einen Aufschläger wie Ivo Karlovic muss man auch beachten. Wenn er heiß läuft, kann er jeden schlagen. Und wen man auch beachten sollte, ist der junge Brasilianer Thomaz Bellucci. Er ist sehr talentiert. Ich finde auch, dass das Damen-Turnier sehr spannend wird. Venus und Serena Williams haben in Paris komplett versagt. Es wird interessant, was sie in Wimbledon machen.

SPOX: Haben Sie eigentlich in ihrer Academy einen Nachwuchsspieler, der der nächste Andre Agassi werden könnte? Oder die nächste Monica Seles?

Bollettieri: Ich erzähle Ihnen mal etwas: Ich arbeite zusammen mit dem amerikanischen Tennisverband an einem Programm und habe dazu vor sechs Monaten vier junge Mädchen ausgesucht. Alle zwischen neun und 14 Jahren. Zufälligerweise alle dunkelhäutig. In nur sechs Monaten hat Sachia Vickey, die gerade 13 geworden ist, ihr erstes ITF-U-18-Turnier gewonnen. Ich bin losgezogen und habe mir Athleten ausgesucht. Das ist wichtig. Suche dir gute Athleten, die hungrig sind und die Leidenschaft für den Sport haben. Wenn sie nicht den finanziellen Background haben, dann unterstütze sie. Eines ist aber klar: Champions werden geboren. Ich glaube nicht an den Müll, dass, wenn man 100 Kinder nimmt und sie alle gleich fördert, dann 100 gleich gute Spieler bekommt. So läuft es nicht.

SPOX: Vielen Dank für das Gespräch.

Bollettieri: Hat mich gefreut. Und grüßen Sie Deutschland von mir. Es hat mir immer große Freude bereitet, mit Boris Becker, Michael Stich und Tommy Haas zu arbeiten.

SPOX: Hoffen wir, dass Tommy ein gutes Wimbledon-Turnier haben wird.

Bollettieri: Ich glaube, dass er sehr gut spielen wird.

Interview: Florian Regelmann

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