Mittwoch, 28.05.2008

Nach Kohlis French-Open-Aus

"Mein Mund muss öfter zu bleiben"

Paris - Es war nicht leicht für Philipp Kohlschreiber, in dieser Situation die richtigen Worte zu finden. Auch der laut Weltrangliste beste deutsche Tennisprofi hatte es nicht vermocht, die desaströse deutsche French-Open-Bilanz aufzuhellen.

Tennis, French Open, Kohlschreiber
© Getty

Gegen den Schweizer Stanislas Wawrinka glatt in drei Sätzen verloren, saß der 24 Jahre alte Augsburger im engen Interviewraum Nummer drei.

Enttäuscht, konsterniert und zweifelnd stand er mutig Rede und Antwort - und war meilenweit von dem selbstbewussten Profi entfernt, der vor einem Jahr in München seinen ersten von inzwischen zwei Titeln auf der ATP-Tour gefeiert und bei den Australian Open im Januar US-Topstar Andy Roddick mit 32 Assen vom Platz gefegt hatte.

Nach dem Ausscheiden von Benjamin Becker und Daniel Brands steht erstmals seit 27 Jahren kein deutscher Spieler in der zweiten Runde der French Open. Bei den Damen ruhen die letzten deutschen Hoffnungen allein auf der Berlinerin Sabine Lisicki.

Olympia-Norm nicht erfüllt 

"Alles, was ich mir am Jahresanfang aufgebaut habe, ist weg", sagte Kohlschreiber nach dem 3:6, 4:6, 3:6 gegen die Nummer zehn der Tennis-Welt. Der Davis-Cup-Profi wird im ATP-Computer noch auf Platz 36 geführt, nach der Erstrunden-Pleite aber weiter abrutschen.

Seinen Traum von Olympia in Peking muss er wohl begraben. Die Norm des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat er nicht erfüllt.

Eine Hintertür bleibt allerdings noch offen: Sollte Kohlschreiber in Wimbledon "zeigen, dass er nach vorne kommen kann", wie es DTB- Präsident Georg von Waldenfels formulierte, könnte der Deutsche Tennis Bund (DTB) beim DOSB eine Ausnahmeregelung beantragen. "Momentan sieht der DTB aber keinen Grund, von der DOSB- Norm abzurücken", sagte von Waldenfels.

Kiefer einziger Teilnehmer 

Das heißt: Nicolas Kiefer ist der einzige deutsche Olympia-Starter - ein Doppel wird es nicht geben. "Wenn wir kein Doppel stellen können, dann ist das halt so", erklärte von Waldenfels.

Kohlschreiber selber wollte sich sportlich qualifizieren und strebt eine Härtefallregelung gar nicht an. "Ich habe es in der Hand gehabt und die Chance nicht genutzt. Die harte Wahrheit ist: Wenn der Erfolg fehlt, ist auch das Selbstvertrauen weg", sagte er in Paris.

Solche Worte hat man selten gehört von Kohlschreiber. 2007 feierte er beim Heimspiel auf Sand in München in seinem ersten Finale den ersten Turniersieg, Anfang dieses Jahres ließ er in Auckland den zweiten folgen, diesmal auf einem Hartplatz.

"Zu viel geredet" 

Im Davis Cup führte der neue "Leitwolf" im Februar Deutschland mit drei Siegen quasi im Alleingang zum Erfolg über Südkorea. Der Bayern-München-Anhänger wurde zum Hoffnungsträger für das deutsche Tennis erkoren - und füllte diese Rolle auch gerne aus.

Kohlschreiber formulierte deutlich seine Ansprüche ("Ich will die deutsche Nummer eins werden, solange Tommy Haas und Nicolas Kiefer noch spielen"), handelte nach Leistung gestaffelte Prämien im Davis Cup aus - und eckte mit seiner Art an.

"Ich bin ein Typ, der sich nicht versteckt und damit auch Gegenwind auslöst. Auf gut Deutsch bin ich auf die Schnauze gefallen", räumte Kohlschreiber in Paris ein. "Aber ich bin jemand, der auf die Herdplatte fassen und sich verbrennen muss, um daraus zu lernen."

Was genau er damit meine, wurde er gefragt. "Ich habe mich in zu viele Sachen eingemischt, viel zu viel geredet und mich zu wenig auf den Sport konzentriert. Mein Mund muss öfter zu bleiben."

Kraft tanken für Wimbledon 

Bei der Viertelfinal-Niederlage im Davis Cup gegen Spanien im April tauchten dubiose Geschichten über einen Maulwurf im deutschen Team auf, ein nächtlicher Besuch Kohlschreibers im Krankenhaus wurde gegen dessen Willen öffentlich gemacht, obwohl es nur um eine Routine-Untersuchung ging, beim World Team Cup in Düsseldorf vor einer Woche wurden falsche Zahlen über eine Antrittsprämie kolportiert.

Alles Dinge, die nicht spurlos an dem 24-Jährigen vorbei gingen und gehen. Dazu kamen gesundheitliche Probleme und eine Virus-Erkrankung, die ihn zur Absage des Turniers in München zwangen.

"Wir haben nun mal keine Boris-Becker-Zeiten mehr", sagte Kohlschreiber, ehe er sich aus der französischen Hauptstadt verabschiedete - um eine Pause einzulegen und Kraft zu tanken für die Rasenturniere im westfälischen Halle und in Wimbledon.


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