Samstag, 05.04.2008

Ullrich noch nicht aus dem Schneider

Justiztour geht weiter

Berlin - Das Ende der ersten Etappe seiner Justiz-Tour steht unmittelbar bevor. Aber auch nach der Einigung mit der Staatsanwaltschaft Bonn ist der des Dopings verdächtigte Jan Ullrich noch längst nicht aus dem Schneider.

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© Getty

Gegen Zahlung eines hohen sechsstelligen Betrages wird die Bonner Behörde zwar auf eine Klageerhebung wegen Betruges verzichten und die Ermittlungen nach 21 Monaten einstellen. Doch der 34-jährige Ex-Radprofi muss sich in anderen Verfahren weiter verantworten.

Der Prozess vor dem Hamburger Oberlandesgericht gegen den Molekular-Biologen Werner Franke wegen angeblicher Falschaussage des Wissenschaftlers ist weiter anhängig, ebenso ein Verfahren gegen Ullrichs früheren Team-Manager Günther Dahms.

Relevante Medikamente 

Von der Staatsanwaltschaft Freiburg, die wegen der Machenschaften der Sportmedizinischen Abteilung der Uni-Klinik Freiburg ermittelt, droht Ullrich weiteres juristisches Ungemach. In seiner Schweizer Wahlheimat könnte zudem von "Swiss Cycling" die lebenslange Sperre für radsportliche Betätigungen ausgesprochen werden.

Bernhard Welten von der Fachkommission Doping äußerte sich gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" entsprechend: "Er hat offenbar gedopt oder wollte es. Deshalb sprechen wir von einem Dopingfall." Staatsanwalt Hans-Ruedi Graf, der am 13. September 2006 die Hausdurchsuchung in Ullrichs Villa leitete, bestätigte jetzt auch die damalige Mitnahme von "relevanten Medikamenten".

Dahms will nicht zahlen 

Der ehemalige Rennstall-Besitzer Dahms, der von Ullrich auf Zahlung angeblich fehlender Gehälter aus dem Jahr 2003 verklagt wurde, will nach Informationen des Magazins "Der Spiegel" nicht zahlen.

Der frühere Manager des Coast-Teams, in dem Ullrich vor fünf Jahren vier Monate lang beschäftigt war, begründet sein Vorgehen damit, dass er "nach den Enthüllungen der vergangenen Monate" davon ausgeht, dass "Ullrich auch damals gedopt" gewesen sei.

Prozess zwischen Ullrich und Franke 

Außerdem läuft ein Prozess zwischen dem im Februar 2007 zurückgetretenen Profi und Franke. Der Heidelberger Anti-Doping- Aktivist hatte behauptet, Ullrich habe 35.000 Euro an den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes gezahlt.

Auf Unterlassung dieser Äußerung klagte Ullrich, dessen Anwälte jetzt bei Franke wegen einer Einigung nach Bonner Muster vorsprachen - vergeblich. Der 68-jährige Professor will den Prozess fortsetzen.

Vielleicht kommt dann auch die mögliche Mitwisserschaft der Führungsebene im T-Mobile-Team um Doping-Praktiken ans Tageslicht. Die bevorstehende Einigung in Bonn und die Vermeidung eines Arbeitsgerichts-Prozesses um ausstehende Gehaltszahlungen an Ullrich nach dessen Team-Suspendierung vor der Tour de France 2006 hatten bisher jedenfalls amtliche Nachfragen in diese Richtung unterbunden.

Kein Präzedenzfall bekannt 

Die Einigung in Bonn hat sicher auch damit zu tun, dass die Aussicht auf Verurteilung als gering angesehen wurde. Zwar liegen Indizien für Ullrich-Doping hinlänglich vor, aber den Betrug gegenüber seinem früheren Arbeitgeber zu belegen, dürfte schwer fallen. Zumal kein Präzedenzfall in der deutschen Rechtsprechung bekannt ist.

Wahrscheinlich nicht zufällig hat Ullrich bei seinem steten Leugnen einer Doping-Schuld immer fein formuliert: "Ich habe nie jemanden betrogen." Laut "Focus" (Montag) lägen Informationen aus Ermittlerkreisen vor, dass die Teamleitung des inzwischen aufgelösten T-Mobile-Rennstalls in die illegalen Praktiken verwickelt war.

4,5 Liter Ullrich-Blut 

Die engagiert ermittelnde Bonner Behörde hat zumindest einen Zahlungsverkehr zwischen Ullrich und Fuentes in Höhe von 25.000 Euro mit Bank-Unterlagen belegt und per DNA-Abgleich nachgewiesen, dass 4,5 Liter bei Fuentes' gelagertes Blut Ullrich zuzuschreiben sind.

Manipulierte Patientenakten der Sportmedizin Freiburg legen nahe, dass Ullrich auch bei den bis zu ihrer Kündigung in der Uni-Klinik arbeitenden ehemaligen Teamärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid Eigenblut-Doping vorgenommen hat.


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