Dienstag, 15.04.2008

Olympia 2008

Chefmediziner: "Krimineller Dopingszene"

Berlin ­ Im Spitzensport wird nach Ansicht von Olympia-Chefmediziner Arne Ljungqvist trotz der Fortschritte im Dopingkontrollsystem weiter im Geheimen geforscht und betrogen.

"Ich bin doch nicht naiv, dass ich davor die Augen verschließe", sagte der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf einem Diskussionsforum in Berlin.

"Weltweit gibt es eine systematische Pro-Doping-Forschung in Kleinstlabors, die den internationalen Sport vor große Probleme stellt", sagte der 76 Jahre alte schwedische Sportmediziner und langjährige Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

"Gezielte Dopingpräparate" 

"Sehr viele Top-Athleten wenden ganz gezielt Dopingpräparate an. Das wissenschaftliche Umfeld der kriminellen Dopingszene hat hoch entwickelte, raffinierte Programme entwickelt."

Das IOC und die internationalen Fachverbände seien auf die Wettkampfkontrollen bei den Olympischen Spielen in Peking "gut vorbereitet", erläuterte Ljungqvist. Vorgesehen seien 3770 Urinkontrollen und 735 Bluttests. Dennoch gebe es bei den "unüberschaubaren Dopinganwendungen" geschlossene Kontrollfenster.

Maskierungsmittel vereitelten die Betrugsaufdeckung. Das Wachstumshormon HGH sowie Hämoglobin-, Insulin- und Gendoping seien noch nicht nachweisbar.

Warnung vor Risiken 

Der Sportmediziner, der als Aktiver 1952 am olympischen Hochsprung-Finale in Helsinki teilgenommen hatte, warnte vor den Risiken des Gendopings. "Wir wissen, dass Athleten bereit sind, diese gesundheitlichen Risiken einzugehen."

Die Anwendungsforschung für medizinische Gentherapien sei allerdings über Tierversuche noch nicht hinausgekommen.

Ein Testprogramm für das Dopingkontrollsystem habe die Welt-Antidoping-Agentur (WADA), deren Vizepräsident Ljungqvist seit Januar 2008 ist, noch nicht entwickeln können: "Wissenschaft funktioniert nun einmal nicht so, dass man ihr vorgeben kann: Bis Freitag legt ihr ein umfassendes Detektierprogramm vor."

Aufruf an staatliche Institutionen 

"Der Sport kann das Dopingproblem mit seinen internationalen Vernetzungen nicht allein lösen", erklärte Ljungqvist. "Wir brauchen in allen Ländern staatliche Rechtsnormen, die Polizei und Behörden Befugnisse im Kampf gegen diese Kriminalitätsform geben."

Staatliche Institutionen seien aufgerufen, die Produktion von Arzneimitteln zu regulieren und zu überwachen. Pharmazeutische Betriebe sollten bei Entwicklung neuer Medikamente zur Heilung von Krankheiten den möglichen Missbrauchscharakter im Sport offen legen, forderte Ljungqvist.

Der Schwede war auf Einladung der Nordischen Botschaften nach Berlin gekommen. Bei der Veranstaltung "No Limit ­ Doping im olympischen Jahr der Ratte" stellte die Berliner Literaturwissenschaftlerin, Autorin und frühere Sprinterin Ines Geipel ihr Buch "Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft" vor.


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