Mittwoch, 05.03.2008

Leichtathletik

Chambers will Stigma weglaufen

London/Stuttgart - Dwain Chambers, die schnellste Persona non grata der Welt sprintet bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Valencia zurück ins Rampenlicht.

Als 100-Meter- und Staffel-Europameister 2002 in München erst gefeiert und danach als skrupelloser Doper überführt, wäre Chambers von seinem eigenen Verband UK Athletics (UKA) am liebsten zu Hause gelassen worden.

"Man hängt mir ein schreckliches Stigma an, aber was die Leute wissen müssen: Ich bin sauber. Ja, ich habe einen Fehler gemacht, aber ich habe meine Strafe abgebüßt", sagte Chambers der Boulevardzeitung "The Sun".

Widerwillig ins Team aufgenommen

Nur zähneknirschend hatten die Funktionäre den 29-Jährigen für die Titelkämpfe am Wochenende nominiert: Chambers habe sich im vergangenen Jahr, als er einen Abstecher in den American Football - unter anderem zu den Hamburg Sea Devils - gemacht hatte, dem Kontrollsystem der Leichtathleten entzogen.

"Wir waren uns einig in dem Bestreben, Dwain nicht zu nominieren. Ihn zu den Hallen-Weltmeisterschaften mitzunehmen, beraubt junge, aufstrebende Athleten einer Entwicklungsmöglichkeit", hieß es in der ungewöhnlichen Stellungnahme von UKA.

Doch die eigenen Statuten und Chambers' 60-Meter-Sieg bei den nationalen Titelkämpfen in Sheffield ließen dem Verband keine andere Wahl. Nun muss die UKA sogar die Reise- und Unterbringungskosten des Londoners aus eigener Tasche zahlen, da es keine Hilfsmittel aus dem englischen Lotto für frühere Dopingsünder gibt.

Mit seiner Saisonbestleistung von 5,56 Sekunden liegt Chambers auf Rang neun der Weltbestenliste - nur eine Hundertstel hinter US-Meister Mike Rodgers und fünf hinter dem führenden Olusoji Fasuba aus Nigeria.

Opfer des Balco-Skandals

Bei seinem ersten Comeback nach der zweijährigen Sperre war Chambers 2006 allerdings UKA noch willkommen, als er den Briten bei der EM in Göteborg zum Staffelsieg verhalf. Chambers kann die Aufregung um seine Person nicht nachvollziehen. Wie ein "Aussätziger" werde er behandelt, klagte er.

2003 war Chambers als einer der ersten mit dem Dopingmittel THG aufgeflogen, einem verbotenen Designer-Steroid aus dem berüchtigten Balco-Labor in Kalifornien. Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF annullierte alle seine Laufleistungen zwischen dem 1. Januar 2002 und 1. August 2003 und forderte Medaillen sowie Preisgelder in Höhe von mehr als 150.000 Euro zurück, die der Dopingsünder noch schuldig ist.

In einem offenherzigen BBC-Interview sagte Chambers vor einem Jahr: "Es ist einfach: Die Forschung ist schneller als die Tester. Manche riskieren etwas, manche nicht. Ich hatte angenommen, dass man mich nicht erwischen kann." In einem olympischen Finale könne ein ungedopter Sportler nur gewinnen, "wenn der gedopte einen richtig schlechten Tag erwischt".

Olympia-Start auf der Kippe

Bei Sommerspielen wird Chambers jedoch, wenn es nach den Regeln des Britischen Olympischen Komitees (BOA) geht, weder im August in Peking noch 2012 in London an den Start gehen: Dopingsünder sind dort für alle Zeiten von den Spielen ausgeschlossen.

Chambers wird dagegen möglicherweise juristisch vorgehen, eine erste Frist ist jedoch am 15. Februar abgelaufen. Für ihn wäre dies auch ein finanzielles Risiko. Die 40.000 US-Dollar Siegprämie in Valencia könnten aber ein Grundstock für eine Klage sein. "Ich lasse meine Beine sprechen, um den Rest kümmern sich meine Anwälte", sagte der WM-Mitfavorit.

Bei Sportfesten ist für den einstigen Star nicht mehr viel zu holen. Die Vereinigung der Meetings in Europa will bei 51 Sportfesten überführte Sportler nicht mehr sehen. "Das ist die Botschaft an die neue Generation: Finger weg vom Doping, oder ihr braucht hier nicht aufzukreuzen", erklärte der Organisator des Brüsselers Golden-League- Meetings, Wilfried Meert, Anfang der Woche.


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