"Sonst hat er gar keine Chance"

Von Interview: Jochen Tittmar
Samstag, 23.02.2008 | 11:48 Uhr
sdunek, klitschko, wladimir
© Imago
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München - Fritz Sdunek ist im deutschen Boxgeschäft so etwas wie eine Legende. Wenn einer die Klitschkos kennt, dann er.

Jahrelang war er Trainer von Wladimir Klitschko, der mittlerweile von Emanuel Steward gecoacht wird. Wladimirs Bruder Vitali wird hingegen immer noch von Sdunek trainiert. 

Sonntag Nacht kämpft Sduneks ehemaliger Schützling im ersten Vereinigungsfight seit 1999 gegen den Russen Sultan Ibragimow um den WM-Titel im Schwergewicht.  

Im Gespräch mit SPOX.com erläutert er, was er von dem Fight erwartet. 

SPOX: Wie würden Sie beiden Boxer grundsätzlich einordnen?

Fritz Sdunek: Wladimir ist für mich die absolute Nummer eins und Ibragimow ist der, der in Wladimirs Schatten steht. Aber er ist auch WBO-Titelträger und hat mit seinen Leistungen gegen Holyfield oder Briggs den Titel zu Recht gewonnen. Jetzt ist er aber der Außenseiter.

SPOX: Klitschko gewann nach dem Wiegen das Augen-Duell gegen Ibragimow, der sich nach einer Weile weggedreht hat. Welche Rolle spielt so etwas vor einem Kampf?

Sdunek: Das kann eine Rolle spielen, aber ich sehe nicht so eine Bedeutung darin. Ich habe auch schon solche Dinge unterbrochen. Als sich Vitali mit Obed Sullivan so ewig angeguckt hat, da bin ich dazwischen gegangen und habe gesagt "Jetzt reicht's". Das ist Spielerei. Aber es gibt auch Boxer, die gehen dann zur Ringmitte und können den Gegner nicht mehr anschauen. Das ist so eine Magie. Der Vitali, der starrt einen an, der kann einen ja fast mit Blicken töten. Das hat Wladimir wahrscheinlich jetzt auch versucht zu lernen, früher hat er es nicht gekonnt.

SPOX: Ibragimow wird versuchen, seine Schnelligkeit vor allem in den ersten Runden zu nutzen.

Sdunek: Das wird auch seine Chance sein. Er ist unbequem und schneller, das sicherlich. Die ersten drei, vier Runden werden für Wladimir die Kritischsten. Da muss er hochkonzentriert zu Werke gehen und darf sich vor allen Dingen keinen einfangen.

SPOX: Welches Rezept würden sie Klitschko dagegen vorschlagen? 

Sdunek: Er ist in den letzten Kämpfen unwahrscheinlich gereift, das hat er auch gegen Chris Byrd gezeigt. Er ist geduldig geworden und zieht jetzt nicht sofort los. Gegen Lamon Brewster war das natürlich schon brutal, sich dann mit der kaputten Führungshand durchzuboxen.

SPOX: Ibragimow hat noch nie gegen einen Gegner vom Schlage eines Klitschko geboxt. Wie schätzen sie dessen Taktik ein?

Sdunek: Ibragimow wird zielstrebig von Anfang an loslegen. Er wird sicherlich den Kampf gegen Samuel Peter gesehen haben, der Wladimir gleich überfallartig angegriffen hat, so wie es auch Corrie Sanders getan hat. Ich denke, dass er so kommen und sich keine Zeit lassen wird. Sonst hat er gar keine Chance.

SPOX: Als Rechtsausleger wird Ibragimow oft auf Klitschkos linke Führhand treffen. Welche Probleme könnte das den beiden Boxern bereiten?

Sdunek: Das ist normal, wenn sich solche Auslegungen begegnen, das wird keine Probleme geben. Da ist der Wladimir zu meiner Zeit immer gut eingestellt gewesen. Die Schnelligkeit von Ibragimow kann in den ersten Runden Probleme bereiten, aber ich denke, er ist gut gewappnet und gut auf den Beinen. Da hat er sich in letzter Zeit auf alle Fälle verbessert.

SPOX: Klitschkos Probleme mit Rechtsauslegern sind seit der Niederlage gegen Sanders (2003) bekannt. Trainer Steward sagt, dass er seine linke Führhand als Jab einsetzen soll, um dann mit der Rechten durchzukommen. Würden sie dies auch vorschlagen?

Sdunek: Schon so ähnlich. Die Führungshand muss erstmal den Kampf bestimmen. Die muss er ihm so oft ins Gesicht setzen, dass der nervös wird, die Nerven verliert und in den Angriff geht. Dann kann die rechte Hand kommen. Ich finde, das hat er in seinem ersten Kampf gegen Chris Byrd schon gut gemacht und wenn er diese Taktik boxt, dann klappt das.

SPOX: Warum wird das Schwergewicht derzeit nur von Boxern aus der Ex-Sowjetunion bestimmt? Kommen keine deutschen Boxer nach?

Sdunek: Die haben eben eine tolle Ausbildung und gute Amateurtrainer. Die Jungen sind noch hungrig. Die kommen nach Deutschland oder gehen nach Amerika und beißen sich hart durch. Die deutschen Jungs sind zu verwöhnt. Wir haben zwar immer noch tolle Talente, die bis zu den Junioren hin ihren Mann stehen. Aber dann kommt die Lehrzeit, es sind keine Sponsoren mehr da und sie müssen voll ihrem Job nachgehen. Dann schaffen sie es nicht mehr. Außer sie haben das Glück und kommen zu den Fördergruppen der Bundeswehr, dann haben sie wieder gute Chancen. Aber es fehlen leider Gottes oft der letzte Wille und Ehrgeiz.

SPOX: Warum gibt es keine US-Amerikaner im Schwergewicht mehr, die den Glamourfaktor erhöhen würden?

Sdunek: Es werden einfach keine mehr "produziert". Die Amerikaner haben schon noch ein paar gute Schwergewichtler, aber es ist keiner, der so herausragt, wie es ein Tyson, Riddick Bowe oder besonders Muhammed Ali tat. Wenn Glamourfiguren wie Roy Jones Jr. in den Ring gehen, wie jetzt gegen Felix Trinidad, die locken schon ein paar Leute an. Aber das ist dann natürlich auch nicht mehr DAS Boxen. Aber so was wollen die Amis sehen und die werden dann auch ganz anders von den Fernsehsendern vermarktet.

SPOX: Würde Klitschkos Popularität in den USA bei einem Sieg steigen?

Sdunek: Auf alle Fälle. Ich bin ja zig Jahre mit ihm durch Amerika getingelt und die Klitschkos sind schon sehr bekannt dort, gerade in Las Vegas, aber auch in New York werden sie angesprochen. Sie waren ja auch schon in Talkshows. So bekannt wie bei uns hier in Europa sind sie natürlich nicht.

SPOX: Hat sie Klitschko vor dem Kampf angerufen und um Rat gefragt?

Sdunek: Ja, er hat mich angerufen und gefragt ob ich Ibragimow kenne und einen Sparringspartner weiß, den er nehmen könnte. Ich habe ihm gesagt, dass ihm gar nichts passieren kann, wenn er so boxt wie beim ersten Kampf gegen Byrd in Köln. Byrd ist ja wie Ibragimow auch Rechtsausleger gewesen. Wenn er mit der schnellen Führungshand auf schnellen Beinen die Angriffe von Ibragimow erkennt und dann immer wieder kontert, braucht es dazu die linke Hand. Man sagt ja, man boxt einen Rechtsausleger mit der rechten Hand, aber im Rückwärtsgang kann man wunderbar mit der linken Hand boxen und dann wird Ibragimow reinstürzen wollen und kann abgekontert werden.       

SPOX: Wie ist ihr Kontakt zu ihrem ehemaligen Schützling?

Sdunek: Wir haben vor vierzehn Tagen telefoniert. Ich hab ihm gestern Abend noch auf die Mailbox gesprochen. Wir haben schon noch Kontakt. Ich bin ja auch mit Vitali noch im Geschäft und trainiere ihn nach wie vor. Ich hoffe, dass er auch noch Weltmeister wird.

SPOX: Denken sie, dass dies der Kampf zwischen den beiden besten Schwergewichtler der Welt ist?

Sdunek: Nein. Es kämpft zwar mit Wladimir der Beste, aber es gibt an Ibragimows Stelle noch Bessere. Der Kampf wird nicht über die komplette Distanz gehen, davon bin ich überzeugt.

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