Sonntag, 13.01.2008

Leichtathletik

Amerika bricht mit Marion Jones

White Plains/Boston - Sportlich am Ende, finanziell ruiniert und demnächst sechs Monate im Gefängnis - Marion Jones ist am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen.

Marion Jones
© Imago

Aus dem Glamour-Girl, das bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney dreimal Gold gewann, Werbestar und Multimillionärin war, ist eine Kriminelle geworden. Eine, die jahrelang log, betrog, Ansehen und Anerkennung in ihrer Heimat verloren hat und jetzt als abschreckendes Beispiel dienen soll. Amerika hat mit seinem einstigen Liebling gebrochen.

"Der Fall einer Grazie", titelte der "San Francisco Chronicle", nachdem Jones von einem Gericht in White Plains im US-Bundesstaat New York wegen zweimaligen Meineides zu einer Haftstrafe von einem halben Jahr und 800 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde.

Antritt der Haftstrafe bis zum 11. März 

"Von Ambitionen geblendet und gebrochen", lautete die Schlagzeile der "New York Times", und die "USA Today" schrieb: "Vor sieben Jahren war Marion Jones die meist gefeierte Athletin der Welt. Heute ist sie eine verurteilte Verbrecherin." Mitleid für den einstigen Sprintstar gab es auch von ehemaligen Athleten nicht.

"Marions Erfolge sind für alle Zeiten zerstört", betonte der zweimalige 400-Meter-Hürden- Olympiasieger Edwin Moses (USA). Jones ist der erste Sportstar, der im Zusammenhang mit einem Dopingvergehen ins Gefängnis muss. "Ich habe Fehler gemacht und gelogen. Ich hoffe, dass die Leute aus meinen Fehlern lernen", meinte Jones.

Die 32-Jährige muss ihre Haftstrafe bis zum 11. März antreten, kündigte aber an, ihren Gefängnisaufenthalt schon früher beginnen zu wollen. Jones hofft, in eine Vollzugsanstalt in der Nähe ihres Wohnortes Austin/Texas zu kommen. Richter Kenneth Karas hat mit seinem Urteil ein weltweites Zeichen gesetzt. Er begründete seinen Rechtsspruch damit, dass "eine generelle Abschreckung und mehr Respekt gegenüber dem Gesetz nötig war. Athleten haben in der Gesellschaft einen erhöhten Status. Sie unterhalten, inspirieren und - das ist die wohl wichtigste Aufgabe - sie sind Vorbilder", so Karas.

Folgen für Bonds? 

"Dieser Fall zeigt, was für weitreichende und ernstzunehmende Konsequenzen Betrug haben kann", sagte der Generaldirektor des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), Jim Scherr. Auf Jones könnten weitere US-Asse folgen. In San Francisco läuft zurzeit ein Meineidprozess gegen Baseball-Star Barry Bonds, und auch Trevor Graham, Ex-Coach von Jones und 100-Meter-Olympiasieger Justin Gatlin droht eine Inhaftierung, weil er bisher gegenüber Behören jegliche Mitwisserschaft abgestritten hat.

Jones hatte vor ihrer Verurteilung gebeten, nicht von ihren Söhnen getrennt zu werden. Der Älteste ist viereinhalb Jahre alt, der Jüngste wurde im Juli geboren und wird von ihr noch gestillt. "Ich bitte sie, so gnädig zu sein, wie ein Mensch nur gnädig sein kann", flehte Jones.

Karas räumte zwar ein, dass die Kinder Opfer seien, betonte jedoch, dass Kriminelle "die Konsequenzen ihres Handelns für andere realisieren müssen. Wir wären heute nicht hier, wenn Frau Jones die Wahrheit gesagt hätte." Die US-Amerikanerin hatte am 5. Oktober 2007 vor einem Gericht zugegeben, gegenüber Untersuchungsbehörden gelogen zu haben und widersprach ihren Aussagen, die sie bei einer Anhörung im November 2003 gemacht hatte.

Unbegreiflicher Schaden 

Damals wurde sie im Zuge des Balco-Skandals befragt und bestritt jeglichen Dopingmissbrauch vehement. Vor drei Monaten räumte sie dann ein, von September 2000 bis Juli 2001 mit dem Designer-Steroid THG gedopt zu haben. Im Anschluss an ihr Geständnis erklärte sie unter Tränen ihren Rücktritt vom Leistungssport.

Zum Verhängnis wurde ihr auch ihre Lüge im Zusammenhang mit ihrer Rolle in einem Scheck- Betrug, in dem unter anderem ihr ehemaliger Trainer Steve Riddick, ihr ehemaliger Freund Tim Montgomery verwickelt waren. Riddick wurde ebenfalls wegen Bankbetrugs und Geldwäsche in Millionenhöhe zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

"Der Schaden, den sie dem Sport zugefügt hat, ist unbegreiflich", sagte Moses über Jones, "aber privat gibt einem das Leben immer wieder die Chance zur Wiederauferstehung." Die gestürzte Diva wird sich nach ihrer Freilassung mit einem überarbeiteten Marketing-Konzept selbst neu erfinden müssen. Denkbar wäre eine Rolle als reumütige Sünderin, die in Vorträgen und einer Sprecherrolle dem Gemeinwohl dienen will.


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