Kniffliger Fall: IOC entscheidet über Marion Jones

SID
Montag, 10.12.2007 | 16:47 Uhr
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Lausanne - Schwieriger Fall, fatale Folgen: Die geständige Dopingsünderin Marion Jones zwingt die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am 12. Dezember zu einem Spagat zwischen Recht und Moral.

Zwar zweifelt kaum noch jemand daran, dass die 32 Jahre alte US-Sprinterin ihre fünf olympischen Medaillen, die sie ohnehin längst zurückgeschickt hat, auch offiziell los wird.

Dennoch droht eine Hängepartie, denn die dreiköpfige Disziplinarkommission unter Leitung von IOC-Vizepräsident Thomas Bach wird der IOC-Regierung in Lausanne wohl vorschlagen, die Frage der "Nachrücker" auf die Medaillenplätze zu vertagen.

Bei dieser Dimension will und muss das IOC auf Nummer sicher gehen: Fast drei Dutzend Athletinnen wären schließlich von Aberkennung beziehungsweise Neuvergabe von Edelmetall betroffen.

"Ein ethisches Problem"

Mitgelaufen, mitgefangen, mitgehangen? Knifflig dürfte vor allem die automatische Medaillen-Aberkennung der Staffel-Mitläuferinnen von Jones werden. Aber auch der "Aufstieg" auf den Olymp der wegen verpasster Dopingtests schon einmal gesperrten griechischen Sprinterin Ekaterina Thanou, die hinter Jones in Sydney Silber über 100 Meter geholt hatte.

In der olympischen Geschichte der Neuzeit ist kein einziger Fall dokumentiert, in dem ein vakanter Medaillenplatz nicht wieder durch einen Nachrücker besetzt wurde. "Eigentlich ist es logisch und konsequent, dass wir sie aufrücken lassen", sagte IOC-Mitglied Denis Oswald, "aber das Gefühl ist ein anderes."

Juristisch sei der Fall "ziemlich klar. Aber das ist mehr ein ethisches Problem", meinte der Schweizer. Bach, Oswald und Stabhochsprung-Weltrekordler Sergej Bubka (Ukraine) bilden die Disziplinarkommission im Fall Jones.

So ist es durchaus möglich, dass die Entscheidung erst im Frühjahr per "Rundruf" unter den Exekutiv-Mitgliedern oder gar erst auf der nächsten Sitzung des IOC-Führungsgremiums im April 2008 in Peking fällt.

Möglichkeit zur Stellungnahme 

Zunächst soll den Mitgliedern der US-Staffeln, die mit Jones in Sydney Gold (4 x 400 Meter) und Bronze (4 x 100 Meter) gewonnen hatten, die Möglichkeit zu einer mündlichen oder schriftlichen Stellungnahme eingeräumt werden.

Außerdem erhofft man sich weitere Erkenntnisse durch Einsicht in die Akten des dubiosen Balco-Labors. Olympia-Medaillen können rückwirkend acht Jahre aberkannt werden.

Jones hatte zudem Gold über 100 und 200 Meter sowie Bronze im Weitsprung geholt. Nach einer Dopingbeichte Anfang Oktober gab sie ihre Medaillen zurück. Vor zwei Wochen kassierte auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF alle WM-Medaillen, strich Jones aus allen Ergebnislisten seit dem 1. Oktober 2000 und forderte alle Prämien zurück.

Olympia-Medaillen kann indes nur das IOC aberkennen. Das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) hat die acht US- Staffelläuferinnen aufgefordert, alle Medaillen zurückzugeben.

Präzedenzfall Jerome Young

Unterdessen sind die IOC-Juristen bemüht, die Hindernisse des Präzedenzfalles Jerome Young aus dem Weg zu räumen. Der inzwischen wegen Dopings lebenslang suspendierte US-Sprinter musste sein Staffel-Gold von Sydney (4 x 400 Meter) zurückgeben, seine Kollegen durften ihre Plaketten indes behalten.

Das hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS im Juli 2005 in einem der umstrittensten Rechtsfälle der Sportgeschichte entschieden. Zwischen den Fällen Jones und Young sieht Bach allerdings "erhebliche Unterschiede".

Young sei nicht wegen Dopings bei den Spielen bestraft worden, "sondern weil er wegen Dopings bei den Spielen in Sydney nicht hätte starten dürfen". Jones sei dagegen gedopt gerannt und im Gegensatz zu ihrem Landsmann Young auch im Finale gestartet.

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