Donnerstag, 17.01.2008

Henning Fritz exklusiv

Das Tier im Tor

München - Astrologie-Kurs erstes Semester: Im Sternzeichen der Jungfrau geborene Sportler sind mit Vorsicht zu genießen.

Henning Fritz
© Getty

Außerhalb des Feldes sehr ruhige, analytische Menschen. Gelassene Typen mit Denker-Snydrom. Aber sobald ein Spiel beginnt, oft überaus emotional, ehrgeizig und zum Tier werdend.

Zu dieser Sorte gehört auch Henning Fritz. Wollen die deutschen Weltmeister auch bei der EM in Norwegen (Der Auftakt gegen Weißrussland JETZT LIVE) den Titel holen, wird Fritz wieder eine tragende Rolle spielen müssen.

Dass er sich dazu trotz Sehnenabriss im kleinen Finger der rechten Hand und Spezialschiene bereit fühlt und wie er sich zur höchsten Form der Konzentration bringt, erklärt Fritz im SPOX-Interview.

SPOX: Ein Jahr nach der WM, sieben Monate vor den Olympischen Spielen, welchen Stellenwert hat die EM in Norwegen?

Henning Fritz: Aus sportlicher Sicht einen sehr hohen Stellenwert. Die besten Teams der Welt bewegen sich in Europa, insofern ist es ein absolutes Highlight. Ich erwarte enge und schwere Spiele. Es geht in einem kurzen Zeitraum nur gegen Spitzenmannschaften. Bei einer EM ist jedes Spiel wie ein Endspiel. Das macht eine EM aus. 

SPOX: Was sind die Schlüssel für ein gutes Abschneiden?

Fritz: Wir müssen uns als Team wieder schnell finden. So wie wir es bei der WM und auch die Jahre davor immer geschafft haben, dann haben wir gute Chancen, weit zu kommen. Ansonsten müssen wir auch wieder die gleiche Spielfreude an den Tag legen. Einfach Spaß an der Sache haben.

SPOX: Als Weltmeister wird man gejagt. Wird es wichtig sein, von Anfang an die richtige Einstellung zu finden?

Fritz: Wir spielen auf neutralem Boden. Den Weltmeister will natürlich jeder schlagen, das macht es schwerer. Aber auf der anderen Seite ist das auch eine Herausforderung, mit dem neuen Druck umzugehen. Wir werden sehen, wie wir uns damit schlagen.

SPOX: Das deutsche Team kann als Weltmeister natürlich mit viel Selbstvertrauen ins Turnier gehen. Auf der anderen Seite ist die Spitze so dicht zusammen, dass man auch gegen einige Teams leicht verlieren kann.

Fritz: Das ist richtig. Wenn man sieht, wie eng die Spiele bei der WM waren, wie sie generell bei Turnieren sind, dann ist klar, dass Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Dass die Abwehr überragend spielt oder der Torwart sehr gut hält. Man muss auch sagen, dass bei der Weltmeisterschaft alle am absoluten Limit gespielt haben. Wenn das jetzt nicht der Fall sein sollte, dann verliert man eben schnell gegen so Top-Teams wie Frankreich oder Spanien. Selbst gegen andere Mannschaften kann man an einem Tag, an dem nicht alles perfekt klappt, verlieren.

SPOX: In wie weit könnte die fehlende Weiterentwicklung nach der WM, da man nie komplett war, ein Problem darstellen?

Fritz: Das kann man so und so drehen und nie vorhersagen. Auch vor der WM hatten wir ja keine optimale Vorbereitung. Wir hatten viele Verletzungen, bescheidene Spiele wie gegen Ägypten, auch die Vorrunde war nicht optimal und am Ende haben wir dann doch gewonnen. Entscheidend ist, wie wir uns präsentieren werden, wenn es darauf ankommt. Man hat bei uns auch gesehen, dass bei Ausfällen ein anderer in die Bresche springen kann. Das macht ein Team aus.

SPOX: Das Auftaktspiel ist gegen Weißrussland. Ein Spiel, das man gewinnen muss.

Fritz: Weißrussland war länger bei keinem großen Turnier dabei. Aber unterschätzen darf man sie natürlich nicht, und so wie ich uns kenne, wird das auch nicht passieren. Wir müssen hundertprozentig konzentriert sein, damit wir gleich einen guten Start ins Turnier erwischen.

SPOX: Danach folgen Ungarn und Spanien... 

Fritz: Auch wenn wir gegen Spanien zuletzt gut aussahen, muss gegen die alles passen, damit wir sie schlagen können. Dafür sind sie individuell zu stark und zählen nicht umsonst wieder zum Favoritenkreis. Bei den Ungarn ist es nicht anders. Die sind qualitativ auch gut, da unterscheiden nur Nuancen. Auch gegen Ungarn müssen wir eigentlich perfekt spielen, wenn wir gewinnen wollen.

SPOX: Wenn man dann schon weiterschaut, könnten in der Zwischenrunde Frankreich und Schweden warten, eine sehr schwierige Konstellation, um ins Halbfinale zu kommen?

Fritz: Ob man nun gegen Frankreich und Schweden kommt, oder Kroatien und Polen, das ist ganz egal. So weit sollten wir gar nicht rechnen. Bei einem Turnier passiert so viel, dass man nicht recht uns links schauen sollte, sondern wirklich von Spiel zu Spiel denken. Damit fährt man am besten.

SPOX: Persönlich gesehen, gehen Sie nach ihrem Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen mit ganz anderen Voraussetzungen in die EM als es bei der WM und ihrer Situation in Kiel der Fall war.

Fritz: Die Voraussetzungen sind natürlich ganz andere. Dadurch, dass ich in Kiel vor der WM wenige Spielanteile hatte, weiß man auch dann nicht so richtig, wo man steht. Bei den Rhein-Neckar Löwen habe ich mich diese Saison mit Slawomir Szmal gut ergänzt und meine Spielanteile gut genutzt. Deswegen sollte ich das nötige Selbstvertrauen haben. 

SPOX: Gerade als Torwart liegt es oft nur an wenigen Zentimetern, ob man der Held ist oder nicht. Haben Sie Angst, dass Sie mal ein Turnier erwischen könnten, in dem es einfach nicht läuft?

Fritz: Mit dem Risiko lebt ein Torwart tagtäglich. Ich muss versuchen, die Tage, die wir bis zur EM haben, auch mit Andreas Thiel zu nutzen, um mich fit zu machen und mir das nötige Selbstvertrauen zu holen. Dann hat man vielleicht den Zentimeter mehr, den man in einer anderen Situation nicht hat. Das sind genau die Kleinigkeiten, die es ausmachen. Dass man immer das Risiko hat, dass es mal nicht so läuft, ist klar. Aber Angst habe ich keine. Wenn ich die hätte, dürfte ich mich nicht ins Tor stellen.

SPOX: Sie sind unglaublich ruhig außerhalb des Sports, aber unglaublich emotional auf dem Feld. Woher kommt das?

Fritz: Ich bin jemand, der seine besten Leistungen abrufen kann, wenn ich mich sehr stark motiviere. Jeder geht damit anders um und zeigt es anders. Die emotionale Seite spielt da eine große Rolle. Ich versuche damit meine Vorderleute anzustacheln und manchmal wirkt man dann aufgrund der Mimik und Gestik etwas aggressiver. Das ist aber eine Frage der Konzentration. Wenn das Spiel läuft, dann ist man wie in einem Film, man ist auf das wesentliche konzentriert. Um in diese Verfassung zu kommen, bedarf es dieser großen Konzentration. Die entlädt sich dann bei mir in einer gewissen Aggressivität. Eigentlich ist es aber nur eine hohe Form der Konzentration.

SPOX: Gehört die Psychologie zu den großen Reizen des Torwartspiels?

Fritz: Man nimmt sich das gar nicht so vor, dass man jetzt diesen oder jenen Schützen verunsichern will. Das ist alles automatisiert bei mir und geschieht dann aus dem Moment heraus. Wenn es klappt, ist es schon ein erhabendes Gefühl, aber es gibt auch genug Situationen, in denen es nicht so ist. Bei der Nationalmannschaft hat es in den letzten Turnieren immer ganz gut funktioniert und deshalb bin ich auch ganz optimistisch für diese EM.    

Interview: Florian Regelmann

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