Handball

Handball - Alfred Gislason im Interview: "Ich habe gelernt, die Leute nicht mehr sofort vor die Wand zu klopfen"

Alfred Gislason wechselte 2008 vom VfL Gummersbach zum THW Kiel.

Alfred Gislason ist einer der größten Handball-Trainer aller Zeiten. Nun hat der 59-Jährige noch fünf Spiele vor der Brust, ehe seine elfjährige Ära beim THW Kiel zu Ende geht.

Vor dem EHF-Cup-Final-Four (Fr., ab 18 Uhr LIVE auf DAZN) haben SPOX und DAZN den Isländer in Kiel zum Interview getroffen. Gislason sprach dabei über die verbliebenen Chancen auf zwei weitere Titel, seinen Nachfolger Filip Jicha und seine Zukunftspläne.

Herr Gislason, täuscht der Eindruck oder werden Sie tatsächlich immer lockerer, je näher der Abschied vom THW kommt?

Alfred Gislason: Insgesamt bin ich deutlich lockerer geworden, das ist sicher so. Wenn aber die ganz wichtigen Momente anstehen, so wie jetzt das EHF-Cup-Final-Four, stelle ich fest, dass sich nichts geändert hat. Dann rutsche ich in diesen alten Tunnel und vergesse alles, was außen herum passiert.

Immerhin müssen Ihre Spieler aber längst keine "Beleidigungsstunden" mehr über sich ergehen lassen, oder?

Gislason: Meine Spieler haben früher - das hat schon auf Island angefangen und war auch in meinen ersten Jahren in Deutschland so - meine Sitzungen direkt nach Spielen als "Beleidigungsstunden" bezeichnet, weil ich mit meiner Kritik häufig viel zu weit gegangen bin. Ich habe mein Temperament erst mit der Zeit in den Griff bekommen und irgendwann gelernt, mir Spiele lieber erst nochmal auf Video anzuschauen, und nicht mehr die Leute sofort vor die Wand zu klopfen.

Das Feuer in Ihnen ist aber nach wie vor in jeder Sekunde zu spüren. Wenn man Sie gerade in den jüngsten Partien an der Seitenlinie beobachtet hat, fällt es einem schwer zu glauben, dass Sie es lange ohne Handball aushalten könnten.

Gislason: Es laufen derzeit - auch hier intern beim THW - viele Wetten, dass ich es nicht einmal zwei Monate ohne Handball aushalte. (lacht) Mein Ziel ist aber, es zumindest bis 2020 zu schaffen. Dann kann ich mir sehr gut vorstellen, eine Nationalmannschaft zu übernehmen. Die Bundesliga kommt für mich allerdings nicht mehr in Frage, weil dieser Job unglaublich bindend ist.

Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie nur noch für fünf Spiele Trainer des THW sind oder bleibt für solche Gedanken gar keine Zeit?

Gislason: Ich werde schon die ganze Saison über ständig darauf angesprochen, dass es zu Ende geht, zähle selbst die Spiele aber nicht herunter. Aber klar: Ich war 22 Jahre Bundesliga-Trainer, habe als Coach um die 1.200 Spiele auf dem Buckel. Jetzt daran zu denken, dass es tatsächlich nur noch fünf Spiele sind, fühlt sich schon komisch an. Richtig bewusst wird es mir wahrscheinlich aber erst, wenn es tatsächlich vorbei ist.

Es wurde im Laufe der Jahre viel über Ihre private Seite geschrieben. Sie seien Rosenzüchter oder begeisterter Angler. Was werden Sie in der anstehenden Pause denn nun wirklich machen?

Gislason: Ich war in meinem ganzen Leben nie ein Rosenzüchter. Das hat irgendwann mal jemand geschrieben und das wurde weitertransportiert. Richtig ist, dass ich einen riesigen Garten habe, in dem viele verschiedene Pflanzen wachsen. Und angeln war ich so gut wie nie, seit ich vor 22 Jahren Bundesliga-Trainer geworden bin. Ich lasse es mal auf mich zukommen, was ich machen kann. Sicher ist, dass ich mehr Zeit mit den Enkelkindern verbringen möchte.

Vor einigen Jahren haben Sie erzählt, dass Sie Sehnsucht nach Ihrer Heimat Island hätten. Nun bleiben Sie aber in Deutschland, in Ihrem Haus nahe Magdeburg. Warum soll doch nicht Island der Lebensmittelpunkt sein?

Gislason: Meine Frau und ich sind schon so lange hier, haben ein wunderschönes Haus, zwei meiner drei Kinder leben hier - wir sind in Deutschland einfach längst heimisch geworden. Logischerweise werden wir immer wieder für einen kurzen Besuch nach Island reisen, aber der Lebensmittelpunkt soll Deutschland bleiben.

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