Handball

Handball-WM: So groß sind plötzlich die Chancen des DHB-Teams

Fabian Wiede hat gegen Frankreich eine exzellente Partie gemacht.
© getty

Deutschland hat sich im vierten WM-Spiel in einem Thriller ein 25:25 gegen Frankreich erkämpft. Weil Brasilien Schützenhilfe leistete, ist die Ausgangslage nur 24 Stunden nach der Enttäuschung gegen Russland plötzlich ausgezeichnet.

"Deutschland"-Rufe durchbrachen die kurze Stille. Die gesenkten Köpfe der Spieler gingen wieder nach oben. Aus dem Frust über das bittere Ausgleichstor in letzter Sekunde durch Timothey N'Guessan wurde ganz allmählich Stolz.

Das DHB-Team hatte sich in den knapp eineinhalb Stunden zuvor eine heroische Schlacht mit Frankreich geliefert. Es war ein Duell mit dem amtierenden Champion auf Augenhöhe, das 13.500 Zuschauer in der ausverkauften und kochenden Berliner Mercedes-Benz Arena von den Sitzen riss.

Entsprechend breit war die Brust von Bundestrainer Christian Prokop, als er nach der Partie zur Pressekonferenz erschien. Der 40-Jährige wirkte locker und gelöst, eben wie ein Coach, der seiner Truppe in Sachen Einsatzbereitschaft und Mentalität absolut gar nichts vorzuwerfen hat.

"Das war Wahnsinn. Mannschaft und Publikum haben es geschafft, eine Einheit zu sein. Ich bin sehr stolz darauf, wie meine Mannschaft gekämpft hat. Wir haben als Team zusammengestanden, wiederholt Stresssituationen gemeistert und sind überglücklich, dem Weltmeister einen Punkt abgeknöpft zu haben", sagte Prokop.

Und Fabian Wiede, der vier Treffer erzielte und vom Weltverband IHF als Man of the Match ausgezeichnet wurde, ergänzte: "Wir haben allen gezeigt, dass wir überall mithalten können. Gegen jede Mannschaft, egal, wer da kommt."

Strobels Auftritt selbst für Prokop nicht genau erklärbar

Dass Deutschland gut mithalten konnte, lag in erster Linie an der hervorragenden Abwehrarbeit von Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek, die einen schier unüberwindbaren Mittelblock zementierten. Aber auch der Angriff (insgesamt nur zehn Fehlwürfe) überzeugte größtenteils, neben Uwe Gensheimer auf Linksaußen brillierten Wiede und Martin Strobel (alle drei Spieler 4 Tore) im Rückraum.

Ausgerechnet Strobel, der nach dem Remis gegen Russland in die Kritik geraten war und dem viele nicht zugetraut hatten, gegen Topnationen zu bestehen. Eine genaue Erklärung, warum der Zweitligaspieler ausgerechnet gegen "Les Experts" so auftrumpfte, hatte nicht einmal der Bundestrainer parat.

Strobel habe "gute Entscheidungen getroffen und seine Stärken ins Team einfließen lassen", befand Prokop, der ausdrücklich betonte, auch mit Strobels Spielaufbau mehr als zufrieden gewesen zu sein.

Böhm: "Das war ganz klar mein Fehler"

Dass es letztlich doch nicht ganz zum Sieg reichte, lag an einem Missverständnis zwischen Gensheimer und Fabian Böhm. Letzterer spielte beim letzten deutschen Angriff einen Pass ins Aus und gewährte damit den ohne Superstar Nikola Karabatic angetretenen Franzosen genügend Zeit auf der Uhr, um ein letztes Mal zurückzuschlagen.

"Das war ganz klar mein Fehler", nahm Böhm ohne jede Umschweife den Fauxpas auf seine Kappe. Bitter nur, dass bereits einen Tag zuvor gegen die Russen ein vergleichbarer Fehler von Paul Drux einen Punkt gekostet hatte.

Hat das DHB-Team eventuell ein Problem mit dem Nervenkostüm? Fehlt die Kaltschnäuzigkeit in der Crunchtime? Prokop wollte davon nichts wissen und stellte klar: "Irgendwann werden wir uns belohnen, das ist glasklar. Es geht um Kleinigkeiten."

Wie viele Punkte nimmt das DHB-Team in die Hauptrunde?

So wie es aktuell aussieht, könnte das DHB-Team bei dieser WM dazu noch einige Gelegenheiten haben. Herrschte noch am Montagabend mäßige Laune, weil die große Gefahr bestand, mit lediglich einem Zähler in die Hauptrunde einzuziehen, verbesserte der Dienstag die Ausgangslage für den weiteren Turnierverlauf nämlich gewaltig.

"Die Anspannung war groß nach dem Spiel gegen Russland. Dass Brasilien gewonnen hat, hat uns einen Kick gegeben", räumte Böhm ein. Die Südamerikaner hatten sich im ersten Duell des Tages in Berlin mit 25:23 gegen Russland durchgesetzt.

Das bedeutet nach dem Remis der deutschen Auswahl gegen Frankreich: Setzt sich Brasilien am Donnerstag um 15.30 Uhr gegen das noch punktlose Korea durch, was sehr wahrscheinlich ist, sind sie neben Deutschland und Frankreich als drittes Team sicher für die Hauptrunde qualifiziert.

In diesem Fall würde das DHB-Team mit drei Zählern im Gepäck nach Köln reisen. Eine Ausbeute, die wahrscheinlich jeder DHB-Verantwortliche und jeder Fan vor der WM sofort unterschrieben hätte. Sie lässt für die drei Partien gegen Kroatien und Spanien sowie Mazedonien oder Island alle Möglichkeiten für den Einzug ins Halbfinale offen.

Sollte Brasilien aber patzen, könnte es anders kommen. Siegen die Südamerikaner nicht, wäre Russland bei einem Sieg gegen Frankreich weiter und Deutschland hätte nur zwei Punkte. Sollten Brasilien und Russland verlieren und gleichzeitig Serbien die DHB-Auswahl schlagen, wären die Serben weiter. Das Prokop-Team stünde in diesem Fall mit nur einem Punkt in der Tasche in der Hauptrunde.

Prokop ist zum Feiern zumute

"Es überwiegt natürlich die Freude, dass wir so eine Ausgangssituation geschaffen haben. Ich freue mich, wie der Tag für uns gelaufen ist, wir können jetzt alles aus eigener Hand noch schaffen", stellte Torhüter Andreas Wolff fest.

Dagegen wollte sich Prokop mit derartigen Rechenspielchen vorerst nicht weiter beschäftigen. Dem Bundestrainer war zum Feiern zumute: "Jetzt können wir auf etwas anstoßen. Und dann versuchen wir, am Mittwoch ohne Augenringe durch den Tag zu kommen."

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