Handball

Igor Vori im Interview: "Deutschland spielt mit so viel Aggressivität und Emotionen"

Igor Vori hat seine Spielerkarriere beendet und ist jetzt Teammanager der Kroaten.
© imago

Igor Vori ist eine kroatische Handball-Legende. Als Spieler wurde Vori Weltmeister und Olympiasieger, jetzt hat der 38-Jährige seine Karriere beendet und fungiert bei der WM in Deutschland und Dänemark als Teammanager der Kroaten, die nach starken Leistungen am Sonntag überraschend gegen Brasilien patzten.

SPOX traf Vori vor dem Kracher gegen Deutschland (20.30 Uhr im LIVETICKER) zum Interview und sprach mit ihm über legendäre Duelle mit dem DHB-Team, eine besondere Zeit in Hamburg und das Fußball-Nationalteam als Vorbild.

SPOX: Herr Vori, Sie sind zum ersten Mal bei einem großen Turnier nicht als Spieler, sondern in neuer Rolle als Teammanager dabei. Was sind Ihre Aufgaben?

Igor Vori: Ich kümmere mich um alles. (lacht) Wir haben in Kroatien nach der Heim-EM ein neues Projekt gestartet, darin bin ich als Sportdirektor und Teammanager in alles involviert, da geht es auch unter anderem um die Nachwuchsarbeit. Ich bin sehr zufrieden und glücklich, dass ich nach meiner Zeit als Spieler im Handball bleiben kann und eine Aufgabe gefunden habe, die mir viel Spaß macht. Handball war immer mein Leben und bleibt mein Leben, das ist toll. Ich mache meinen neuen Job mit viel Liebe und Leidenschaft.

SPOX: Vermissen Sie es nicht, als Spieler auf der Platte zu stehen. Kribbelt es, wenn Sie hier bei der WM auf der Bank sitzen?

Vori: Nein, überhaupt nicht. Wissen Sie, ich bin sehr müde. Mein Körper ist alt, er kann nicht mehr. Ich werde in diesem Jahr 39 und trainiere noch ein bisschen für mich, gehe mal in den Kraftraum, aber das reicht dann auch wirklich.

Igor Vori über den Umbruch bei Kroatien

SPOX: Die Heim-EM 2018 war mit Platz 5 eine Enttäuschung, jetzt machte Kroatien in der Vorrunde einen exzellenten Eindruck, nur um am Sonntag gegen Brasilien zu verlieren. Wie stark ist die Mannschaft?

Vori: Die Heim-EM war ein sehr großes Turnier für uns. Der Druck, der von allen Seiten auf uns einprasselte, war Wahnsinn. Und dann verletzt sich Duvnjak im ersten Spiel schwer. Dule ist so ein wichtiger Spieler für uns, sein Ausfall war ein großer Schock. Vor dem entscheidenden Hauptrunden-Spiel gegen Frankreich wussten wir, dass wir bei einer Niederlage raus sind. Dieser Druck, diese Last war in diesem Spiel einfach zu viel für uns. Jetzt sind wir mit einer total neuen Mannschaft bei der WM, wir haben einige neue Spieler im Kader, viele wichtige Spieler sind nicht mehr dabei. Normalerweise braucht ein Umbruch Zeit, aber in der Vorrunde lief es sehr gut für uns. Die Niederlage gegen Brasilien war natürlich eine Enttäuschung. Wir haben generell keinen Druck bei dieser WM, kämpfen bis zum Umfallen und dann schauen wir, was in den nächsten beiden Spielen passiert.

SPOX: Die Stimmung in München war für Kroatien fast wie bei einem Heim-Turnier.

Vori: Nicht nur in München, ich erinnere mich auch an die WM 2007, als wir in Stuttgart und Mannheim gespielt haben, da war es ähnlich. Wir haben ein riesiges Glück, dass so viele Landsleute in Deutschland leben und uns so unterstützen. Das ist ein Privileg für uns. Wenn du in München aus der Kabine kommst und siehst eine volle Halle, in der 7000 oder noch mehr Kroaten Lärm machen und singen, ist das unglaublich.

SPOX: Sie haben den Kapitän und unangefochtenen Leader Domagoj Duvnjak angesprochen. Wie wichtig ist er für das Team?

Vori: Dule ist unser Kopf. Er hat inzwischen so viel Erfahrung gesammelt. Das Turnier 2007 war damals seine erste WM, jetzt sind wir zwölf Jahre später, das ist verrückt. Aber Dule ist immer noch nicht wieder zu hundert Prozent fit. Er hatte so große Verletzungsprobleme, er hatte eine so lange Pause, aber er gibt alles. Für uns Kroaten ist es etwas sehr Spezielles, für die Nationalmannschaft und für unsere Leute zu spielen. Das setzt so viel Adrenalin frei. Für uns ist es eine Herzensgeschichte, wir würden alles machen, um für unser Land zu spielen. Das ist im Handball genau das Gleiche wie im Fußball. Hoffentlich können wir auch so eine erfolgreiche WM spielen und die Menschen begeistern, wie es unsere Fußballer geschafft haben.

Igor Vori: "Diese Niederlage war sehr schmerzhaft"

SPOX: Ist der WM-Titel für diese neues kroatische Team jetzt realistisch? Es sieht danach aus.

Vori: Nein, unser realistisches Ziel ist es, einen wichtigen Schritt in Richtung Olympia-Qualifikation zu machen, also unter die ersten Sieben zu kommen. Das ist ein gutes Ziel angesichts des Wandels in unserem Team. Aber wenn wir die Chance auf mehr bekommen, wollen wir sie natürlich nutzen, das ist auch klar.

SPOX: 2003 sind Sie mit Kroatien in Portugal Weltmeister geworden. 2004 folgte in Athen Olympia-Gold. Beide Male schlug Kroatien im Finale Deutschland. Zwei bittere Niederlagen für den DHB. Stefan Kretzschmar verpasste auch wegen Ihnen einen ganz großen Titel mit der Nationalmannschaft, auch wenn er im Olympia-Finale 9 Tore warf.

Vori: (lacht) Das ist super für ihn mit den 9 Toren, aber Gold hatte am Ende ich um den Hals hängen.

SPOX: Wie haben Sie die großen Duelle mit Deutschland in Erinnerung?

Vori: Ich hatte immer großen Respekt vor dem deutschen Handball. Deutschland hatte große Mannschaften mit großen Spielern. Es war immer eine große Motivation für uns, gegen sie anzutreten und zu versuchen, sie zu schlagen. In Deutschland vor knapp 20.000 Fans gegen Deutschland zu spielen und zu gewinnen, wäre ein unglaubliches Gefühl.

SPOX: Was Deutschland 2007 zuhause gelang, gelang Kroatien 2009 nicht: Weltmeister im eigenen Land zu werden. Kroatien verlor das Finale in der Handball-Hölle von Zagreb gegen Frankreich, Sie sahen am Ende auch noch Rot. Ihre bitterste Erfahrung der Karriere?

Vori: Wir hatten eine große Generation mit Spielern wie Balic, Metlicic oder Dzomba - es war immer unser ganz großer Traum, in Kroatien Weltmeister zu werden. Eine Silbermedaille ist für ein kleines Land wie Kroatien immer ein tolles Resultat, aber diese Niederlage war schon sehr schmerzhaft. So eine Chance kriegst du im Leben nur einmal, wir konnten sie nicht nutzen. Aber das Leben geht weiter. Insgesamt können wir stolz darauf sein, wie oft wir in den letzten zehn Jahren weit gekommen sind.

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