Dule: Motor, Herz und Hirn

Donnerstag, 19.01.2017 | 21:53 Uhr
Domagoj Duvnjak wechselte 2014 von Hamburg nach Kiel
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Bei der WM in Frankreich kommt es am letzten Vorrundenspieltag zum Showdown um den Gruppensieg zwischen Deutschland und Kroatien (Fr., 17.45 Uhr im LIVETICKER). Die Kroaten befinden sich im Umbruch, die Erwartungshaltung ist dennoch enorm. Viel hängt von Superstar Domagoj Duvnjak ab, der großen Respekt vor dem DHB-Team hat.

Samstag, 14. Januar, Kindarena in Rouen. Es läuft die letzte Spielminute im Gruppenspiel zwischen Kroatien und Ungarn (31:28). Zlatko Horvat bringt das Kempa-Anspiel auf den aus dem Rückraum heranstürmenden Domagoj Duvnjak.

Der 28-Jährige fliegt meterweit in den Kreis hinein, fängt den Ball und versenkt diesen mit einem akrobatischen Wurf hinter dem Rücken herum per Aufsetzer. Die Halle tobt, Duvnjak lächelt - es war die bislang spektakulärste Szene bei dieser WM.

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Sie steht sinnbildlich dafür, welche Bedeutung der Rückraumspieler vom THW Kiel für die Kroaten hat. Dule, wie er von allen genannt wird, ist der Motor, das Herz und das Hirn seiner Mannschaft.

Große Show gegen Weißrussland

Den nächsten Beweis dafür trat er nur zwei Tage nach seinem Geniestreich in der Partie gegen Weißrussland an. Eigentlich war geplant, Duvnjak aufgrund seiner leichten Knieprobleme zu schonen.

Doch nun waren 42 Minuten vorüber, die Führung der Kroaten wurde immer kleiner, betrug beim Stande von 21:20 nur noch ein Tor. Coach Zeljko Babic drehte sich zu seinem Kapitän um und blickte ihn an, als wolle er sagen: "Sorry, aber ich brauche dich jetzt doch."

Duvnjak nickte, zog sich die Jacke aus und spazierte auf das Feld. Wenige Minuten später hatte er vier Treffer erzielt und einen herrlichen Assist gegeben. Kroatien lag nun mit 27:22 vorne - die Vorentscheidung.

"Duvnjak? Für jede Mannschaft ein Problem"

"Duvnjak ist für uns unglaublich wichtig - aber das dürften sie ja ohnehin schon bemerkt haben", sagte Babic Minuten nach dem 31:25-Sieg gegen Weißrussland den wartenden Journalisten - wer wollte ihm da schon widersprechen?

Dabei agierte der Mann aus dem Städtchen Dakovo, der nicht nur als Spielgestalter, sondern auch in der Abwehr ein enorm wichtiger Faktor ist, in Frankreich noch nicht einmal über eine gesamte Partie hinweg am Limit.

Seine Ausbeute: 14 Tore bei 22 Versuchen, dazu 18 Assists. Man darf damit rechnen, dass Duvnjak im entscheidenden, letzten Vorrundenspiel um den Gruppensieg gegen Deutschland diese Statistik ausbauen wird.

"Duvnjak", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson bei der Pressekonferenz am Donnerstag auf den kroatischen Superstar angesprochen: "Ist für jede Mannschaft der Welt ein ernsthaftes Problem."

Nicht mehr absolute Weltklasse

Natürlich haben die Kroaten neben Duvnjak noch weitere starke Spieler im Kader. Dazu gehören beispielsweise Rechtsaußen Horvat (Zagreb), Linksaußen Manuel Strlek (Kielce), Abwehrkante Jakov Gojun (Berlin) oder Spielmacher Luka Cindric (Skopje), der mit 21 Toren und 21 Assists bislang Kroatiens Topscorer bei diesem Turnier ist.

Insgesamt ist die kroatische Auswahl allerdings nicht mehr ganz das, was sie einmal war - eine der absoluten Topnationen. Zumal mit Melsungens Kreisläufer Marino Maric sich einer der ganz wichtigen Spieler am letzten HBL-Spieltag vor der WM den Fuß brach.

Außerdem schafften es die Torhüter Ivan Stevanovic (Zagreb) und Filip Ivic (Kielce) bislang selten, über ein gesamtes Turnier hinweg konstant Topleistungen zu bringen.

Letzter großer Titel 2004

"Die Spieler von heute haben nicht die Klasse der Spieler von damals", kritisierte Patrik Cavar, einer der Olympiasieger von 1996: "Deshalb muss man sich nicht wundern, dass die großen Erfolge zuletzt ausgeblieben sind."

Die Erwartungshaltung war schon immer riesig im handballverrückten Kroatien. Klar, die letzten großen Titel liegen mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2003 in Portugal und der Goldmedaille bei den Spielen 2004 in Athen schon einige Jahre zurück.

Doch bei den vergangenen 15 Großveranstaltungen gewann das Team vom Balkan je vier Mal Silber und Bronze - und landete dabei immer unter den besten Acht. Bei der EM im vergangenen Jahr reichte es immerhin zu Rang drei. Es gibt nun wahrlich schlechtere Ausbeuten.

Chaos nach Olympia

Trotzdem gab es nach dem zugegebenermaßen enttäuschenden achten Platz bei Olympia in Rio eine riesige Aufregung. Nationaltrainer Babic hatte den Eindruck, dass ihm die ganze Nation misstraut und trat völlig entnervt zurück.

Der Verband, in dem der einstige Superstar Ivano Balic mittlerweile als Team-Koordinator fungiert und großen Einfluss hat, nahm den Rücktritt allerdings nicht an. Es war schließlich Balic selbst, der Babic davon überzeugte, weiterzumachen.

"Wir haben eigentlich eine ganz neue Mannschaft mit vielen jungen Spielern", unterstützt Duvnjak das Handeln: "Da muss man auch ein wenig Geduld mitbringen." Bei den Kroaten ist alles auf 2018 ausgerichtet, wenn die Europameisterschaft im eigenen Land stattfindet.

"Deutschland spielt überragend"

Das heißt aber natürlich nicht, dass sich die Kroaten nicht auch am Freitag gegen das wohl leicht favorisierte Deutschland einen Sieg zutrauen. "Wir sind bereit", sagte Duvnjak: "Wir werden alles versuchen, um Gruppenerster zu werden."

Allerdings hat der Welthandballer von 2013, der noch am Tag vor der Partie mit seinem Kieler Teamkollegen Patrick Wiencek einen Kaffee trinken war, gehörigen Respekt vor dem DHB-Team: "Deutschland spielt überragend. Besonders in der Abwehr. Sie haben zwei überragende Torhüter und sind sehr gefährlich über den Gegenstoß und die zweite Welle. Die Nachnominierung von Holger Glandorf macht es für uns noch komplizierter."

Das DHB-Team ist dennoch gewarnt vor den abwehrstarken Kroaten. Mit elf Niederlagen, zehn Siegen und vier Unentschieden ist die Bilanz negativ.

Die WM 2017 im Überblick

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