Paris bläst zum Angriff in der Champions League

Mit Noka und Neo auf den Thron

Von Michael Berndt
Samstag, 25.07.2015 | 16:22 Uhr
Karabatic ist aktueller Welthandballer, Olympiasieger, Welt- und Europameister
© getty
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Seit Sommer 2012 residiert die Qatar Sport Investment Gruppe als sportiver Sonnenkönig in Paris - und zwar nicht nur im Fußball, sondern auch im Handball. Nachdem Paris Saint-Germain HB bereits die Liga eroberte, jetzt soll endlich die Champions League folgen. Dafür bläst man mit Nikola Karabatic und Trainer Zvonomir Serdarusic zum Großangriff. Die deutsche Konkurrenz hofft derweil auf TV-Unterstützung.

Paris schwebt 2015/2016 über allen. Zumindest auf dem Papier. Mikkel Hansen, Daniel Narcisse, Thierry Omeyer und jetzt auch noch Superstar Nikola Karabatic. Dazu Trainerfuchs Zvonimir Serdarusic: Mit vier Welthandballern im Team startet Saint-Germain den Vollangriff auf den europäischen Thron.

Das ist nicht billig. Möglich macht diesen bisher ungekannten Geldregen die Qatar Sports Investments Group. Seit 2012 versuchen die Scheichs um Nasser Ganim Al-Khelaifi in Paris eine sportliche Gesamtmarke zu kreieren. Wie beim FC Barcelona und dem FC Bayern reicht es nicht, nur in einer Ballsportart erfolgreich zu sein. "Wir wollen im Fußball und Handball investieren und Erfolg haben", so Nasser gegenüber spanischen Medien.

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Angeblich pumpen die Kataris deshalb jährlich rund 15 Millionen Euro in die Mannschaft. Konkurrent THW Kiel stehen im Vergleich nur 9,5 Millionen Euro zur Verfügung. Streckt man dort deshalb bereits vorzeitig die Waffen? "Mit der Verpflichtung von Nikola hat sich Paris mit seinen eigentlich handballfremden finanziellen Möglichkeiten endgültig zum Top-Favoriten der Champions League gemausert", gibt Geschäftsführer Thorsten Storm gegenüber dem SID zu. "So ist das Geschäft, aber auch das muss man sportlich sehen."

Aber der Reihe nach.

2012 - Start des Luxusprojekts

Mit dem Lizenzerwerb von Paris HB - damals eine graue Maus in der schillernden Metropole - begann vor drei Jahren das französische Luxusprojekt. Um einen Kaltstart zu vermeiden, bliesen die neureichen Franzosen von Beginn an transfertechnisch zum Angriff. Mikkel Hansen, damals frischgebackener Europameister aus Dänemark, und die französischen Olympiasieger Luc Abalo, Didier Dinart und Samuel Honrubia verliehen dem Klub ein völliges neues Gesicht.

Mit Erfolg. Bereits am 3. Spieltag zerlegte Paris Serienmeister Montpellier locker mit 38-24. Am Ende der Saison konnte keiner den Hauptstädtern das Wasser reichen, zehn Punkte Vorsprung auf Dunkerque und Montpellier unterstrichen eindrucksvoll die neuen Machtverhältnisse in Frankreich.

Viel Geld - wenig Ertrag

Nach der starken Premieren-Saison folgte allerdings die Ernüchterung. Kostspielige Neuerwerbungen wie Daniel Narcisse vom THW Kiel und Igor Vori vom HSV brachten 2013/2014 nur Platz zwei hinter Dunkerque ein. Erst eine unsaubere Bilanzbuchhaltung von Rekordmeister Montpellier machte die Champions-League-Teilnahme für Paris möglich.

Und auch in Europa lief es schleppend. Zwar überstand Paris souverän die Vorrunde hinter dem FC Barcelona, die direkten Duelle gegen die Katalanen und das Viertelfinal-Aus gegen Veszprem zeigten jedoch klare Grenzen auf. 2014 wurde deshalb erneut nachgebessert. Torwart-Genie Thierry Omeyer und William Accambray aus Montpellier erhöhten die Schlagzahl. Die Folge: Meisterschaft und Pokal fanden wieder ihren "rechtmäßigen" Besitzer. In der Champions League grüßte dagegen das Murmeltier. Zwei Niederlagen gegen Kiel, in der Vorschlussrunde zum Final-Four-Turnier in Köln war erneut gegen spielstarke Ungarn Schicht im Schacht.

Damit bestätigten die Neureichen die Prognose Klaus Elwardts, dem die monetäre Kraftmeierei des PSG zu Beginn kalt ließ. "Es geht nicht nur um das Geld", erklärte der damalige THW-Geschäftsführer gegenüber SPORT1. "Ein Spieler will auch Erfolg haben. Und den sehe ich in Paris in absehbarer Zeit nicht."

Viel Geld, wenig Ertrag also. Diese Erfahrung mussten ja auch die Fußballer-Kollegen machen: Trotz Einkäufen im Wert von 335 Millionen Euro und dem Meister-Triple von 2013 bis 2015, fehlte die sportliche Entwicklung im internationalen Wettbewerb. Anerkannte Topspieler wie Zlatan Ibrahimovic, Edinson Cavani und Thiago Silva scheiterten jeweils im Viertelfinale an Chelsea und Barcelona.

Ein Welthandballer soll es richten

Sieht man die aktuellen Bemühungen der Handballabteilung, soll damit in der kommenden Spielzeit also endgültig Schluss sein. Mit Nikola Karabatic kommt das Beste, was der Sport im einem Jahrzehnt zu bieten hatte. Der Welthandballer kehrt als amtierender Olympiasieger, Europameister und Weltmeister in die Heimat zurück. Für angeblich zwei Millionen Euro kauften die Geschäftsleute vom Persischen Golf den Rückraumspieler des FC Barcelona, Spitzname "Neo", auf seinem laufenden Vertrag heraus. Obgleich man amtierender Champions-League-Sieger ist. Geld spielt eben keine Rolle.

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Da störten auch Flecken in der weißen Weste des Rückraum-Asses nicht. Aus dem Manipulationsskandal im französischen Handball kam Karabatic mit einer Geldstrafe über 10.000 Euro davon - eine Summe, die er mit seinem Pariser Millionen-Deal über vier Jahre problemlos begleichen kann. Das Ziel in der Heimat ist derweil völlig klar: "Ich will mit Paris die Champions League gewinnen", so der Ausnahmehandballer gegenüber L'Equipe.

Karabatic trifft auf alte Bekannte

Damit sich der Rückraumspieler serbischer Abstammung keine Startschwierigkeiten einhandelt, steht mit "Ziehvater" Zvonomir Serdarusic ein alter Bekannter an der Seitenlinie. Zwischen 1993 und 2008 holte "Noka" elf Meisterschaften mit dem THW Kiel. Schon damals dominierte er gemeinsam Karabatic die HBL fast nach Belieben, darunter drei Meisterschaften in Folge (2006-2008) und der Henkelpott 2007.

Ebenfalls vor Ort: sein jüngerer Bruder Luka. Das Duo feierte schon bei Montpellier zahlreiche Titel, 2013 folgte der Ältere dem Jüngeren nach Aix de Provence, bis es von dort nach Spanien ging. Geld und Titelhunger in der Weltelite reichen nicht immer - warum also nicht noch eine Schippe Bruderliebe drauflegen?

Karabatic hat also bekannte und geschätzte Gesichter an seiner Seite. Mit Shooter Hansen und Narcisse, dem Welthandballer von 2012, wird der Ausnahmespieler ohne Frage den besten Rückraum der Welt bilden. Dazu die französischen Nationalmannschaftskollegen, die das Teambuilding auf und neben dem Stade Pierre de Coubertain deutlich erleichtern dürften.

Kiel stopft Löcher

So fällt der Vergleich mit Kiel, immerhin einer Handball-Weltmacht, fast schon einseitig aus. Der Unterschied beider Topklubs zeigt sich vor allem in der Kaderplanung. Während das Karabatic-Paket PSG Millionen kostete, verlor der THW mit Aron Pamarsson einen wichtigen Spielmacher. Ersatzmann Christian Dissinger aus Lübbecke ist hoch veranlagt, muss sich auf europäischem Niveau aber noch beweisen. Und nun sucht natürlich auch der FC Barcelona einen Karabatic-Nachfolger. Der könnte Filip Jicha heißen.

Kiels Trainer Alfred Gislason muss die neue Übermacht neidlos anerkennen: "Der THW ist nicht Favorit für die Champions League. Und auch kein anderer deutscher Klub." Er hat den Schuldigen ausgemacht - die mangelnde mediale und finanzielle Wertschätzung des Handballs in Deutschland. "Solange ARD und ZDF ihr Geld in den Fußball stecken, wird der Handball in Deutschland nicht groß werden", lautet bitteres Gislasons Resümee in der FAZ.

Kein französisches Kanonenfutter

Aber auch für den Handball gilt: Wichtig is aufm Platz. Im September treffen sich beide Kontrahenten in der Champions League zum ersten Duell. Erst dort wird sich zeigen, inwieweit Canellas, Duvnjak und vielleicht auch Jicha mit der französischen Elite-Truppe umgehen können Mit in der Gruppe A befinden sich die SG Flensburg-Handewitt (CL-Sieger 2014) und Angst-Gegner Veszprem.

International werden sich CL-Finalist Veszprem und Titelverteidiger FC Barcelona auch ohne Karabatic zur Wehr setzen. Die deutschen Klubs aus Flensburg und Mannheim stellen ebenfalls kein französisches Kanonenfutter dar.

Ein Final Four 2016 ohne PSG-Beteiligung scheint ausgeschlossen, wenn sogar die Zebras öffentlich mit dem weißen Handtuch wedeln. Aber auch die vergleichsweise klamme Konkurrenz schläft nicht - und Gislason wäre nicht Gislason, wenn er nicht bereits an einem Plan gegen die neuen Sonnenkönige Europas schmieden würde.

Nikola Karabatic im Steckbrief

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