"Mensch, du Arschloch! Komm, Prost!"

Montag, 20.07.2015 | 12:59 Uhr
Andreas Thiel absolvierte 257 Länderspiele für Deutschland
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Andreas Thiel, Michael Groß, Frank Busemann, Walter Röhrl und Henry Maske. Fünf Legenden des deutschen Sports, die den Fans Gänsehaut-Momente schenkten, besondere Typen sind und deshalb allerhand zu erzählen haben. SPOX traf alle fünf zum Interview, den Anfang macht Andreas Thiel. In seiner Kanzlei in Köln sprach der Hexer und frühere Nationaltorhüter über den ausgeprägten Alkoholkonsum im Handball der 80er Jahre, Kippen in der Halbzeit, dubiose Schiris vom Balkan, Handkäs in Dutenhofen und olympische Momente der besonderen Art.

SPOX: Herr Thiel, bringt Ihnen als Anwalt für Familienrecht der Name Hexer eigentlich Vorteile bei Gericht?

Andreas Thiel: Gelegentlich kommt das noch vor. Vor einiger Zeit bei einem Amtsgericht war es so, weil der Familienrichter in einem Sportverein war und mich deshalb kannte. Manchmal entstehen so atmosphärische Vorteile. Insgesamt werde ich aber nicht mehr so häufig als Hexer angesprochen, eigentlich nur in Handballhallen. Ich bin 55, habe vor 15 Jahren aufgehört. Mich kennen noch Leute, die so alt sind wie ich - plusminus zehn Jahre. Die Kids nicht mehr. Alles hat eben seine Zeit und das ist auch okay so.

SPOX: Können Sie sich an die "Geburtsstunde" des Hexers erinnern?

Thiel: Das war in der Saison 1982/83, irgendwann im Winter. Wir haben mit Gummersbach in Großwallstadt gespielt und mit einem Tor gewonnen. Ich hielt in diesem Spiel - glaube ich - fünf Siebenmeter. Da der Ursprungshexer Manfred Hofmann - das war der mit der legendären Siebenmeter-Parade in Karl-Marx-Stadt - aus Großwallstadt kam, hieß es: Der Nachfolger des Hexers sei in Hofmanns Heimat gefunden worden. Seither habe ich diesen Namen durchaus mit Stolz getragen.

Editorial: Die Legendenwoche bei SPOX

SPOX: Hexer ist nicht Ihr einziger Spitzname. Wie kam es denn zu Grummel Griesgram?

Thiel: Den verpasste mir Heiner Brand. Das lag und liegt daran, dass ich nicht immer als Mr. Superfreundlich durch die Welt laufe. Ich schlüpfe durchaus bewusst und kokettierend manchmal in die Rolle des Knurzkopfs. Und das mit Leidenschaft. Grummel Griesgram ist eine Figur aus den Hörspielkassetten von Bibi Blocksberg. Und die hat Heiners Tochter Julia damals gehört.

SPOX: Teilweise gemeinsam mit Brand als Mitspieler und später als Trainer erlebten Sie in Gummersbach die erfolgreichste Zeit Ihrer Karriere. Wie fällt rückblickend Ihr Fazit aus?

Thiel: Absolut positiv. Ich habe von 1979 bis 2000 Leistungssport betrieben. Von 21 Jahren verbrachte ich zwölf in Gummersbach. Das war für mich die prägendste Zeit. Die ersten beiden Jahre waren die, die mich im Handball am meisten, ich sage mal, sozialisiert haben. Es war eine wunderschöne Zeit.

Mimi Kraus im SPOX-Interview: "Ich wäre ein guter Trainer"

SPOX: Ihre Anfangszeit beim VfL war aber nicht vergnügungssteuerpflichtig. Schließlich war Ihr Trainer Petre Ivanescu. Und der galt selbst für die damalige Zeit als besonders harter Hund.

Thiel: Sein Spruch war immer: "Ich habe Gesetze von Leistungssport nicht gemacht." Petre war ein sehr autoritärer Trainer, der es nicht mochte, wenn man ihn hinterfragte. Das durfte man einfach nicht, Kritik hat er nicht zugelassen. Und ich sage Ihnen mal was: Seltsamerweise ist Heiner später als Trainer genauso geworden. Und das, obwohl er Petre damals immer Kontra gegeben hat. Da war häufiger Alarm zwischen Kapitän und Trainer. Im Grunde ist und war Petre aber ein sehr charmanter, verständnis- und liebevoller Mann. Er war zur Härte in der Lage, ohne selbst vom Naturell her Mr. Gnadenlos zu sein.

SPOX: Und der VfL war erfolgreich. Welche Titel sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Thiel: Die deutschen Meisterschaften 1985 und 1991. Beide Male wurden wir am letzten Spieltag Meister, beide Male war es eine Millimeterentscheidung, beide Male waren wir nicht als Favorit in die Saison gestartet und die Titel deshalb überraschend. Und auch - ich weiß, das klingt unbescheiden und das ist es auch - weil ich an diesen Titeln sicherlich einen großen Anteil hatte.

SPOX: Sie haben das alles noch genau im Kopf?

Thiel: 1985 war das letzte Spiel in Düsseldorf. Wir mussten gewinnen und taten das auch, mit 17:16. Ich hielt den letzten Ball, bei 17:17 wären wir nicht Meister gewesen. Und dann war 91 das Duell mit Magdeburg. Das Hinspiel gewannen wir 18:15, das Rückspiel verloren wir 14:16. Ein 17:14 hätte Magdeburg gereicht. Der letzte Ball ging um Millimeter unten am rechten Pfosten vorbei. Besonders waren die Meisterschaften übrigens auch deshalb, weil die Feiern danach wunderbar waren.

SPOX: Es heißt, es sei damals insgesamt noch deutlich lockerer zugegangen. Wurde zu Ihrer Zeit tatsächlich so viel gebechert?

Thiel: Es war sicherlich von Mannschaft zu Mannschaft unterschiedlich. Es gab da immer diesen zutreffenden Spruch: "Beim TuS Hofweier reicht der Kasten Bier für die ganze Saison. In Gummersbach, Großwallstadt und Essen bei der Rückfahrt bis zur Autobahnauffahrt." Dann musste wieder nachgeschossen werden. Heiner hört das heute nicht mehr gerne. Aber wir sind zu unserer Zeit in Gummersbach nach jedem Auswärtsspiel blitzeblau aus dem Bus geklettert. Egal ob wir gewonnen oder verloren hatten - gesoffen wurde immer (lacht).

SPOX: Und nicht nur das. Es gibt Menschen, die behaupten, dass der Hexer sich schon mal eine Zigarette in der Halbzeitpause angesteckt hätte.

Thiel (lacht): Das ist gelogen. Es stimmt zwar, dass ich geraucht habe. Vor dem Spiel, ja. Nach dem Spiel, ja. Aber in der Halbzeit? Das ist doch Legendenbildung.

SPOX: Zigaretten, Alkohol. Wie war es möglich, trotzdem Topleistungen abzuliefern?

Thiel: Das hatte natürlich mit der im Vergleich zu heute deutlich niedrigeren Spielbelastung zu tun. Wir spielten in einer 14er Liga, das waren 26 Meisterschaftsspiele. Im Europapokal stiegen deutsche Mannschaften erst im Achtelfinale ein. Wenn man es also ins Endspiel geschafft hat, kamen noch acht Spiele dazu. Das war es dann. Englische Wochen gab es eigentlich erst ab Februar.

SPOX: Dann war Europapokalzeit. Auch in dieser Hinsicht ging es früher noch etwas wilder zu. Sie haben beispielsweise kuriose Geschichten mit Schiedsrichtern erlebt. Schießen Sie los.

Thiel: Ich muss als Justiziar der HBL vorsichtig sein, mit dem was ich sage. Aber was damals passiert ist, ist passiert. Deshalb kann ich das erzählen. Eines vorneweg: Wie es heute ist, weiß ich nicht, ich bin nicht dabei. Tatsache ist: Es gab irgendwann einmal Schiedsrichter, die in Gummersbach mit einem leeren Lada aus dem Balkan angekommen sind und als die wieder weg fuhren, war der Lada voll.

SPOX: Womit?

Thiel: Mit Reifen vom örtlichen Reifenhändler, mit Medikamenten vom Mannschaftsarzt, mit Büromaterial. Und schlecht gepfiffen haben die nicht. Seltsam, oder? (lacht)

SPOX: Wie war es bei Auswärtsspielen?

Thiel: Im Gegenzug kam es vor, dass uns genau das gleiche passiert ist, in Barcelona beispielsweise. Da wurde man dann eben verpfiffen. Ohne gleich an Manipulation zu denken, würde ich sagen, dass es damals eben Zeiten des Frühkapitalismus waren. Heute ist das sicherlich schwieriger geworden.

SPOX: Wobei es im Handball generell nicht so kompliziert ist, ein Spiel zu verpfeifen, wenn man es denn vorhat.

Thiel: Das ist sogar relativ einfach. Es geht dabei ja nicht um einen Siebenmeter hier oder da, der keiner war. Das Grundlegende bei zwei Mannschaften auf Augenhöhe ist: Wer hat vier oder fünf Mal häufiger Ballbesitz. Das kann man dadurch herstellen, dass man bei einer Mannschaft vier oder fünf Mal einen behinderten Ball aus dem Rückraum, also der mit Körperkontakt geworfen werden muss, laufen lässt und bei der anderen eben nicht. Das taucht am Ende in keiner Statistik auf.

Seite 1: Thiel über feuchtfröhliche Auswärtsfahrten und dubiose Schiris

Seite 2: Thiel über Olympia, Dorftrottel und Traditionen

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