SPOX-Legendenwoche, Teil 1: Andreas Thiel im Interview

"Mensch, du Arschloch! Komm, Prost!"

Montag, 20.07.2015 | 12:59 Uhr
Andreas Thiel absolvierte 257 Länderspiele für Deutschland
© imago
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SPOX: Als Traditionalist dürfte Ihnen auch die Vergabe der WM nach Katar nicht gefallen haben, oder?

Thiel: Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Aber die Strukturen der IHF sind denen der FIFA sicherlich nicht unähnlich. Das Prinzip "one country, one vote" werden sie nicht aushebeln können. Man kann sagen: Wir tragen den Handball in alle Welt. Okay. Aber ich finde, dass Handball eine europäische Sportart ist. Deshalb gehört eine WM nach Europa.

SPOX: Waren auch die generellen Zustände in Katar für Sie ein Problem?

Thiel: Natürlich finde ich das scheiße, was da passiert. Natürlich verstößt das gegen grundlegende Menschenrechte. So viel kann ich sagen. Aber ich traue mir nicht zu, das im Detail zu bewerten, weil ich politisch nicht ausgebildet bin.

SPOX: Die WM in Katar ist nur ein Beispiel dafür, dass sich die Zeiten im Handball grundlegend verändert haben. Wären Sie denn heute noch gerne Profi?

Thiel: Was die Kohle anbetrifft, uneingeschränkt ja. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass Geld ein Teil meiner Motivation war. Das ist leicht verdientes Geld für eine Tätigkeit, die einem Spaß macht. So muss man das sehen. Wenn heute einer sagt: "Ich muss den nächsten Schritt in meiner Karriere gehen, ich will eine neue Sprache lernen." Also ich bitte sie, das ist doch gelogen. Es gibt aber auch einen Grund, warum ich heute kein Profi sein wollte.

SPOX: Der da wäre?

Thiel: Die Belastung.

SPOX: Sie haben also Verständnis dafür, dass heute über den vollen Terminkalender gejammert wird?

Thiel: Das kann ich nachvollziehen. Andererseits sehe ich das pragmatisch. Wenn ich diese deutlich erhöhten Gehälter bei Champions-League-Klubs verdiene, ist das eben so. Wer A sagt muss auch B sagen. Dabei muss man sehen: Es wird kaum noch trainiert, die Jungs haben heute eine deutlich verbesserte medizinische Abteilung. Das Problem ist also nicht so sehr die körperliche Belastung, sondern der Kopf. Man kann sich nicht alle drei Tage in gleicher Weise fokussieren, konzentrieren und motivieren. Die Gefahr ist heute relativ groß, eindimensional zu werden. Die haben ja gar keine Zeit mehr für etwas anderes.

SPOX: Was meinen Sie genau?

Thiel: Wir waren in dieser Hinsicht privilegiert. Wir haben Geld bekommen und konnten nebenher ein tolles Studentenleben führen. Ich frage mich heute: Was machen die Jungs, wenn die Laufbahn zu Ende ist? Das Leben muss ja auch danach noch Inhalte haben. Jede Generation, die abtreten muss, treffe ich bei irgendwelchen A-Trainerlehrgängen. Die wollen Trainer werden. Dabei wird übersehen, dass es in unserer Branche oben 18 - in dieser Saison 19 - und unten 20 Teams gibt. Es gibt also nur 38 Fleischtöpfe. Und von diesen 38 sind maximal zehn echte Fleischtöpfe.

SPOX: Bleibt die Möglichkeit, Sportdirektor oder sportlicher Geschäftsführer zu werden.

Thiel: Dass diese Posten bezahlt werden können, ist im Handball nicht unbedingt der Regelfall. Da gibt es oft nur einen Geschäftsführer, der für alles zuständig ist. Und dass man solche Jobs ausüben kann, nur weil man mal einen Ball ins Tor geworfen oder gehalten hat - daran habe ich so meine Zweifel. Ich bin ganz froh, dass es bei mir so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Wenn es auch manchmal mühsam war. Beim ersten Staatsexamen musste ich echt kämpfen, auch wenn ich es im ersten Anlauf bestanden habe.

SPOX: Sie waren berufstätig als Anwalt und gleichzeitig Profi in Dormagen. Klingt nach ziemlichem Stress.

Thiel: Ich fing 1995 in einer großen Kanzlei an. Und über die Anfangszeit sagt man ja, dass der junge Anwalt Sklave ist. Bis ich mich 1998 selbstständig gemacht habe, war das ein relativ anstrengender Ritt. In der Kanzlei bin ich um 18 Uhr raus und ins Training, was eigentlich schon mal gar nicht geht. Normalerweise geht man in Kanzleien dieser Art erst um 20 oder 21 Uhr nach Hause. Ich hatte Glück, dass mit dem Kanzlei-Senior, dem ich zuarbeitete, die Chemie stimmte. Dem kam es nur darauf an, dass die Arbeit effektiv erledigt wurde.

SPOX: Hatten Sie mit dem Verein einen Deal ausgehandelt, um alles unter einen Hut zu bekommen?

Thiel: Ich hatte mir durch ein deutlich reduziertes Gehalt gewisse Privilegien erkauft. Morgens musste ich nicht mehr trainieren, an Spieltagen unter der Woche konnte ich in Eigenregie auf Kosten des Vereins anreisen. Wenn wir beispielsweise mittwochs in Kiel spielten, bin ich mittags um 15 Uhr in Köln in den Flieger gestiegen. Und nachts mit den Jungs zurück. Ich kann mich an das Zweitligajahr mit Dormagen erinnern. 1998/99 war das. Damals war ich bereits selbstständig. Wir mussten im Dezember zwei Mal, einmal im Pokal, einmal in der Liga, unter der Woche in Aue im Erzgebirge ran. Ich war morgens um fünf oder sechs Uhr mit dem Bus zu Hause und war um neun Uhr beim Familiengericht im Sitzungssaal. Das war gelegentlich hart, ist aber Jammern auf hohem Niveau.

SPOX: Warum?

Thiel: Ich kassierte zwei Gehälter. Ein reduziertes Gehalt als Handballer war nämlich immer noch genug. Nach drei Jahren in der Kanzlei hatte ich fast genug Geld beisammen, um mein Reihenhaus zu bezahlen. Ich konnte jeden Monat ein Gehalt wegpacken. Generell darf man nicht vergessen, dass Leistungssport ein Privileg ist.

SPOX: Wie sehr hat sich das Spiel an sich verändert?

Thiel: Erheblich. Tempo, Athletik. Handball ist sicherlich viel, viel besser geworden. Viel schneller, viel mehr Tore. Es ist aus meiner Sicht der geilste Mannschaftssport, den es gibt. Duellsituationen Torwart gegen Spieler, eine echte Vollkontaktsportart. Wenn da die Ochsen am Kreis gegeneinander knallen - geil. Das sind deutliche Unterscheide zu unserer Zeit. Aber ich denke, dass diejenigen, die damals gut waren, heute wahrscheinlich auch gut wären. Talent spielt immer noch eine Rolle, die wären anders trainiert worden. Und man hätte nicht so viel gesoffen wie wir damals. (lacht)

SPOX: Lassen Sie uns über den DHB sprechen. Sie selbst haben als Spieler nie einen großen Titel mit der Nationalmannschaft gewonnen. In gewisser Weise waren Sie aber 2007 am Wintermärchen beteiligt.

Thiel: Aber nur in ganz gewisser Weise. Ich war zwar in der Vorbereitung als Torwarttrainer dabei, aber einen großen Anteil nehme ich für mich ganz sicher nicht in Anspruch.

SPOX: Einverstanden. Wie sehen Sie die Nationalmannschaft heute aufgestellt?

Thiel: Das war ein viel versprechender Anfang unter Dagur Sigurdsson. Aber auf Dauer zählen natürlich nur Medaillen. Bei der EM in Polen wäre es schön, wenn wir mal wieder am Halbfinale riechen könnten - und zwar so richtig.

SPOX: Sie sind heute Abteilungsleiter der Handballabteilung von Bayer Leverkusen und Torwarttrainer der Frauenmannschaft. Stimmt es, dass Sie nur Abteilungsleiter wurden, weil Sie auf einer Weihnachtsfeier vor ein paar Jahren zu viele Kaltgetränke zu sich genommen hatten?

Thiel: Ja, ich war voll. Dann sagten die Mädels: Mach du das doch. Und ich sagte Ja. Dann stand ich im Wort. Und das Wort zählt. Ich war nämlich nicht unzurechnungsfähig, konnte noch sprechen. Und das macht mir übrigens auch Spaß.

SPOX: Abschließende Frage. Welcher Torhüter hätte heute den Namen Hexer verdient?

Thiel: Ganz klar Thierry Omeyer. Er ist der kompletteste Torhüter des letzten Jahrzehnts. Er ist von der technischen Ausbildung her die ideale Mischung zwischen der jugoslawischen und der skandinavischen Schule. Er ist ein Mann, der sich nach 45 Minuten durchschnittlichen Haltens für die letzten fünf Bälle motivieren kann und die dann auch hält. Eine ganz entscheidende Fähigkeit. Er hat die absolute Gewinnermentalität.

Seite 1: Thiel über feuchtfröhliche Auswärtsfahrten und dubiose Schiris

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