SPOX-Legendenwoche, Teil 1: Andreas Thiel im Interview

"Mensch, du Arschloch! Komm, Prost!"

Montag, 20.07.2015 | 12:59 Uhr
Andreas Thiel absolvierte 257 Länderspiele für Deutschland
© imago
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SPOX: Lassen Sie uns über den Traum eines jeden Sportlers sprechen: Olympische Spiele. Sie durften gleich mehrere erleben. Gehören auch die Teilnahmen an Spielen zu den Highlights Ihrer Laufbahn?

Thiel: Natürlich. Da denke ich zunächst an Olympia 1984 in Los Angeles, als wir unerwartet Silber holten. Gut, es waren Boykottspiele. Aber wir waren wirklich stark. Es waren die ursprünglichsten Spiele, die ich erleben durfte. Wir waren im Studentenwohnheim untergebracht, mit riesigen Waschräumen und den damals typischen amerikanischen Toiletten. Man konnte unten die Füße sehen und oben den Kopf. Das war alles schön bis wunderschön.

SPOX: Acht Jahre später waren Sie mit dem DHB-Team in Barcelona dabei.

Thiel: Das war auch gut, hatte aber viel mit dem Flair der Stadt zu tun.

SPOX: Nur sportlich lief es nicht.

Thiel: Das ist bei Olympia auch gar nicht so einfach, als Trainer sind sie da gefordert. Bei einer WM ist es leicht, die Disziplin in der Truppe zu halten. Spiel, Hotel, Spiel, Hotel. Bei Spielen sieht es anders aus, die Ablenkung ist groß. Da müssen sie Struktur reinbringen. Das ist uns 84 gelungen, 92 nicht. Die Hockeyspieler haben das geschafft und holten Gold. Die waren total auf den Wettkampf fokussiert, durften abends nicht wie wir flanieren und Späßchen machen. Das Olympische Dorf war wie ein riesiger Appartementblock-Bereich. Wir waren mit den Basketballern in einem Haus, saßen in der Badehose auf dem Dach, haben Bier getrunken und geredet. Das war wunderbar. Das hatte was von: Es trifft sich die Jugend der Welt. War aber mit ein Grund für das schlechte Abschneiden.

SPOX: Wie war es 1996?

Thiel: Atlanta ist aus meiner persönlichen Sicht im Vergleich zu Los Angeles und Barcelona schon deutlich abgefallen. Das waren Coca-Cola-Spiele. Viel Kommerz, das hatte relativ wenig mit Olympischen Spielen zu tun, wie sie mir gefallen.

SPOX: Demnach dürfte es heute ganz anders sein, obwohl noch immer vom besonderen Flair im Olympischen Dorf gesprochen wird. Glauben Sie, dieses Gerede ist nur ein Relikt aus Erzählungen der Vergangenheit?

Thiel: Es fing schon 1992 an, dass Leute nicht im Olympischen Dorf wohnten, weil sie sich auf den Wettkampf konzentrieren wollten. Für den Rest der Normalos war das einfach nur: Mensch, geil. Super. Das gilt wahrscheinlich noch heute. Ich glaube schon, dass es noch besondere Momente gibt. Ich kenne Geschichten aus Zeiten, in denen ich längst nicht mehr dabei war, die darauf schließen lassen. 2004 aus Athen hörte ich beispielsweise von Handballern und hübschen jungen Damen aus anderen Sportarten. Das soll auch nett gewesen sein. Aber das sind natürlich alles nur unbestätigte Gerüchte (lacht).

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SPOX: Sie nennen sich selbst einen konservativen Traditionalisten, wenn es um Handball geht. Wie ist das gemeint?

Thiel: Eines vorneweg: Ich bin ein alter Mann und alles hat seine Zeit. Das weiß ich. Es ist halt heute so, wie es ist. Aber das muss mir deshalb ja nicht gefallen. Ich versuche es mal mit der Geschichte von der Halle in Dutenhofen zu erklären. Da wurden nach dem Spiel die Bierbänke in die Halle geschoben und das war dann der VIP-Raum. Es gab Bratwurst und Handkäs. Und die Stimmung war nach dem Motto: Ja Mensch, du Arschloch. Komm, Prost. Wissen Sie, was ich meine?

SPOX: Ich denke schon.

Thiel: Das fehlt mir heute. Diese ganze Eventkultur, die wir heute haben, ist nicht mein Ding. Aber sie muss sein. Warum? Weil die Personalkosten so hoch sind und alles refinanziert werden muss. Die Wurzeln und den Kern unseres Spiels darf man aber nicht vergessen. Wir sind immer noch stark auf dem Land. Wir sind stark in der Provinz, in der Kleinstadt. Der Playboy schrieb einmal, Kretzsche hätte den Handball vom Dorftrottel-Image befreit. Mag sein. Aber ich finde, wir sollten das offensiver vertreten. Dann sind wir eben die Dorftrottel, meine Güte. Das sind wir doch auch: In Württemberg, in Niedersachsen, in Ostwestfalen.

SPOX: Ich denke da beispielsweise sofort an Balingen.

Thiel: Genau, so etwas meine ich. Das ist doch toll. Dieser Verein von der Schwäbischen Alb spielt mit diesem kleinen Etat seit Jahren in der Bundesliga. Das ist eigentlich mehr Wert als noch ein Champions-League-Titel vom THW.

SPOX: Haben Sie also auf so etwas wie das CL-Final-Four in Köln keinen Bock?

Thiel: Das Spiel ist geil. Sich ein Handballspiel auf so einem Level anzuschauen, ist klasse. Das ganze Brimborium drum herum brauche ich nicht. Aber die Fans, die die Karten kaufen, wollen das größtenteils. Es ist okay. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir im Bereich der HBL die Wurzeln ein bisschen zu wenig beachten.

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