Hoffnung, Angst und Treueschwur

Von Michael Berndt
Freitag, 15.05.2015 | 15:08 Uhr
Der TBV Lemgo und Florian Kehrmann kämpfen um den Klassenerhalt
© getty
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Dem TBV Lemgo droht nach über 30 Jahren in der HBL der Abstieg. Dank Florian Kehrmann dürfen die Ostwestfalen zwar wieder vom Klassenerhalt träumen, doch das Restprogramm hat es in sich. Bei SPOX spricht die Klub-Legende über die Lage beim Traditionsverein und den Plan B. Zudem verrät der Weltmeister von 2007, warum er trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt.

23. August 2014. 4.022 Zuschauer in der Lipperlandhalle standen Kopf, die TBV-Spieler wurden überschwänglich gefeiert: Lemgo hatte soeben den THW Kiel mit 27:21 geschlagen, bereits nach dem 1. Spieltag durfte mit Fug und Recht von einem Traumstart gesprochen werden.

Wer in der Lage ist, den Rekordmeister zu schlagen, der dürfte mit Abstieg nicht viel am Hut haben, so die allgemeine Stimmungslage. Doch es kam anders - ganz anders. In den folgenden 16 Spielen setzte es 14 Niederlagen bei nur zwei Siegen.

Im Dezember, nach einer 24:25-Pleite bei der TSG Friesenheim und angesichts von sieben Punkten Rückstand auf das rettende Ufer, zogen die Verantwortlichen der Ostwestfalen die Reißleine: Trainer Niels Pfannenschmidt musste gehen. Klub-Legende Florian Kehrmann, bis dato Co-Trainer, übernahm.

"Der Verein befand sich in einer Notsituation, als ich gefragt wurde. Da habe ich natürlich gerne übernommen. Ich kenne den Klub und die Situation ganz genau", sagt Kehrmann im Gespräch mit SPOX.

Kehrmann schafft die Wende

Und plötzlich lief es beim TBV. Angeführt von Leistungsträgern wie Keeper Niels Dresrüsse und den Offensivkräften Tim Hornke (181 Tore), Rolf Hermann (140) und Finn Lemke (112) verlor man unter Kehrmann keines der folgenden sieben Spiele.

Warum es wieder klappte? "Eigentlich habe ich nur Kleinigkeiten verändert. Es ging darum, den Spielern wieder das nötige Selbstvertrauen zu geben. Das ist gelungen und wir haben wieder bessere Resultate erzielt", erklärt Kehrmann.

Mental machte Lemgo einen großen Schritt. Am Ende von engen Partien stand nun häufig keine Niederlage, sondern Punkte auf der Habenseite. Zudem hatte der TBV weniger verletzungsbedingte Ausfälle zu verkraften.

"Er ist eine Identifikationsfigur"

Während Kehrmann seinen eigenen Anteil am Erfolg nicht zu hoch hängt, weiß TBV-Geschäftsführer Christian Sprdlik ganz genau, was der Verein am Weltmeister von 2007 hat: "Nach 15 Jahren aktiver Handballkarriere beim TBV ist er natürlich eine Identifikationsfigur und ein Aushängeschild. Als Trainer schreibt er jetzt ein neues Kapitel. Er ist mit einer Erfolgsserie gestartet, was nicht nur für uns, sondern auch für ihn wichtig war, um in die neue Aufgabe zu finden."

Die Erfolgsserie im Winter war aber auch bitter notwendig: Lemgo ist zwar wieder dran, dennoch befindet sich die Mannschaft noch immer in akuter Abstiegsgefahr. Als 16. hat der TBV (22:42) einen Zähler Rückstand auf die GWD Minden und damit den ersten Nichtabstiegsplatz. Mit einem Punkt Rückstand lauert Friesenheim.

Ein knüppelhartes Restprogramm

Um die nötigen Punkte für den Ligaverbleib zu sammeln, ist allerdings ein Kraftakt im Saisonendspurt von Nöten. Schließlich hat Lemgo ein knüppelhartes Restprogramm vor der Brust.

Am Samstag geht es zum amtierenden Champions-League-Sieger SG Flensburg-Handewitt. Es folgen die beiden Heimspiele gegen Hannover-Burgdorf und Hamburg, ehe es zum Abschluss zum THW Kiel geht.

Für Kehrmann trotzdem alles kein Grund zur Panik: "Kiel und Hamburg sind schwere Aufgaben. Aber für mich zählt nur Flensburg. Wir haben die Pause genutzt und gehen optimistisch in das Spiel."

Bei Abstieg Plan B

Angesichts der Gesamtsituation wäre es dennoch fahrlässig, sich nicht auch mit dem Thema Abstieg zu beschäftigen. Das ist dem TBV bewusst, der seit 1983 ununterbrochen in der HBL spielt und in dieser Zeit mit Stars wie Welthandballer Daniel Stephan, Volker Zerbe oder Markus Baur zwei Meisterschaften, drei deutsche Pokalsiege und drei Europapokalsiege feierte.

"Ein Abstieg wäre natürlich traurig. Keiner steigt gerne ab", sagt Kehrmann: "Aber ich blicke mit Optimismus in die Zukunft. Selbst wenn wir absteigen sollten, haben wir einen Plan B, um schnell wieder hoch zu kommen. Manchmal gibt es Rückschritte, aber ich sehe darin auch immer eine neue Chance."

Wie der Plan B aussieht, ist unklar. Sicher ist: Das Gesicht der Mannschaft würde sich noch weiter verändern, als es ohnehin schon der Fall ist.

Umbruch im Sommer

Nationalspieler Hendrik Pekeler, der im Sommer zusammen mit Talent Tim Suton zu den Rhein-Neckar Löwen wechselt, Finn Lemke (zum SC Madgeburg) und Jens Bechtloff (zu N-Lübbecke) gehen sicher. Weitere Abgänge würden wohl folgen.

Coach Kehrmann würde dagegen bleiben. "Egal in welcher Liga wir nächstes Jahr spielen, bleibe ich hier Trainer. Ich habe einen Vertrag bis nächste Saison. Dieser gilt für alle Ligen", so Kehrmann.

Sollte der TBV am 5. Juni nach dem Spiel in Kiel über dem Strich stehen: Sie würden Kehrmann wohl auf Händen durch die Stadt tragen.

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