Die Invasion des Fehlerteufels

Sonntag, 31.05.2015 | 10:21 Uhr
Hängende Köpfe: Kiel unterlag im Halbfinale Veszprem
© getty
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Nach dem Aus im Champions-League-Halbfinale gegen MKB Veszprem bleibt dem THW Kiel nur der Griff an die eigene Nase. Nicht einmal der Charakter stimmt, findet Andreas Palicka. Gegen KS Kielce (15.15 Uhr im LIVE-TICKER) soll zumindest der dritte Platz errungen werden.

Als Alfred Gislason und Filip Jicha das Podium zur Pressekonferenz bestiegen, wurde ihnen im Vorbeigehen ein Zettel in die Hand gedrückt. Sie setzten sich nebeneinander, starrten auf das Stück Papier - und tatsächlich verdunkelten sich ihre ohnehin schon finsteren Mienen noch ein weiteres Mal.

Was Trainer und Kapitän zu Gesicht bekamen, waren die Statistiken zur 27:31-Niederlage gegen MKB Veszprem. Nun hatten sie es schwarz auf weiß. Die vielen Fahrkarten von Domagoj Duvnjak, Marko Vujin und Jicha selbst.

Die 0 bei den erzielten Tempogegenstoßtoren in der zweiten Halbzeit. Die 18 Buden, die sie sich in der zweiten Hälfte eingefangen hatten. Die sieben einfachen Gegentore vom Kreis, die Veszprem mit zunehmender Spieldauer mit immer weniger Gegenwehr erzielen durfte.

"Wir haben zu viele Fehler gemacht"

Schließlich wurde Gislason aufgefordert, etwas zu den zurückliegenden 60 Minuten zu sagen. Der Isländer legte den Zettel mit den Statistiken zur Seite, atmete einmal tief durch und fasste kurz und knapp zusammen: "Wir haben zu viele Fehler gemacht."

Dabei hatte es so gut angefangen. Mit einem leidenschaftlichen Abwehrverhalten erkämpften sich die Kieler eine Führung. Doch die Schwächephase, die bereits während des ersten Durchgangs einsetzte, weitete sich in der zweiten Halbzeit zu einem richtigen Tief aus. Plötzlich war der Fehlerteufel allgegenwärtig.

Die Deckung stand nicht mehr sattelfest, immer mehr Pässe landeten im Nirgendwo, die Abschlüsse prallten allzu oft am starken gegnerischen Torhüter Mirko Alilovic ab, der 43 Prozent der, allerdings häufig auch schwachen, Würfe auf seinen Kasten entschärfte.

Veszprem einfach besser

"Am Ende war Veszprem einfach besser. Deshalb stehen sie verdient im Finale. Ich bin mit unserer Vorstellung natürlich nicht glücklich. Aber so ist das eben bei einem Final Four. Da muss alles passen, wenn man erfolgreich sein will", sagte Gislason.

Jicha pflichtete seinem Coach bei: "In der zweiten Halbzeit haben wir es hinten nicht mehr so gut gemacht. Unsere Abwehr reichte letztlich nicht aus, um Veszprem zu schlagen. Dabei zeigte Andreas Palicka eine ebenso gute Leistung wie Alilovic."

Jicha kritisiert sich selbst

Während Gislason den Spielern, die einen besonders schwarzen Tag erwischt hatten, keine gesonderten Vorwürfe machen wollte, ging Jicha mit sich selbst hart ins Gericht. Der Grund: Der Tscheche lief wenige Minuten vor dem Ende ganz alleine auf Alilovic zu - und scheiterte.

Kiel wäre noch einmal auf zwei Tore dran gewesen, es wäre die letzte Möglichkeit gewesen. "So etwas darf man sich in einem Champions-League-Halbfinale einfach nicht erlauben", stellte Jicha klar. So müssen die Zebras weiterhin auf den dritten Triumph in der Königsklasse nach 2007, 2010 und 2012 warten.

Palicka zweifelt am Charakter

Ein Grund für die Niederlage erkannte Palicka, der ausgerechnet neben dem im Sommer nach Veszprem wechselnden Aron Palmarsson (9 Tore bei 10 Versuchen) bester Kieler war, in der Einstellung der Mannschaft.

"Der Charakter war nicht gut genug. Wir müssen mehr investieren, wenn wir was holen möchten - das ist nicht gelungen", sagte der Torhüter: "Wir haben nicht das gemacht, was wir uns vorgenommen haben und deshalb stehen wir jetzt als Verlierer hier."

Immerhin: Trotz der Enttäuschung versprachen die Kieler, gegen Kielce alles zu tun, um wenigstens Dritter zu werden.

Veszprem kann Geschichte schreiben

Neben der Einstellung, den eigenen Fehlern und Alilovic brach dem THW auch so mancher Feldspieler der Mannschaft vom Balaton das Genick. Momir Ilic war mit acht Toren bester Werfer, Laszlo Nagy traf sieben Mal und hielt über weite Strecken den Laden in der Abwehr zusammen. Ein herausragender Auftritt der ungarischen Handball-Legende.

"Obwohl wir sehr gut gespielt haben, kam Kiel immer wieder ran", verriet Nagy, bis zum Schluss gezittert zu haben: "Deshalb bin ich wirklich sehr erleichtert, dass es mit dem Einzug ins Endspiel geklappt hat."

Veszprem steht zum zweiten Mal seit 2002 im Finale der Königsklasse. Damals setzte es noch im Modus Hin- und Rückspiel eine Niederlage gegen den SC Magdeburg.

Diesmal soll es anders laufen, auch wenn der Gegner FC Barcelona heißt. Die Katalanen, die mit acht Titeln Rekordsieger in der Champions League sind, setzten sich gegen Kielce durch.

ANALYSE Karabatic ballert Barca ins Finale

Heiß auf den Titel

"Wir sind noch nicht fertig", gab Veszprem-Trainer Antonio Carlos Ortega die Richtung für das Spiel am Sonntag vor. Seine Spieler waren nicht ganz so angriffslustig. Die 60 Minuten gegen Kiel hatten ihre Spuren hinterlassen.

"Es war ein sehr intensives Spiel, es ging rauf und runter. Ich weiß im Moment nicht, wie wir das am Sonntag noch einmal abrufen sollen", meinte Christian Zeitz.

Doch wo sonst sollten ungeahnte Kräfte freigesetzt werden, wenn nicht in einem Endspiel um die Champions League?

Das Final Four im Überblick

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