Remis in der Schlacht des Jahres

Sonntag, 05.04.2015 | 19:14 Uhr
Kiel und die Löwen schenkten sich keinen Zentimeter
© getty
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Der THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen trennen sich im absoluten Topspiel des 28. Spieltags mit 23:23 (11:10). In der innerhalb von 20 Minuten mit 10.285 Zuschauern ausverkauften Sparkassen-Arena entwickelte sich eine unglaublich hart umkämpfte Partie, die in den letzten Sekunden an Dramatik nicht mehr zu überbieten war. Der Kampf um die deutsche Meisterschaft bleibt damit völlig offen.

Dass es kein gewöhnliches Spiel werden würde, war allen schon vorher klar. Die Rivalität der beiden derzeit eindeutig besten Mannschaften im deutschen Handball, die Tabellenkonstellation, dazu verschiedene Beteiligte, die beim jeweils anderen Verein eine Vergangenheit oder Zukunft haben.

Löwen-Coach und Zaubermaus Nikolaj Jacobsen spielte beispielsweise sechs Jahre beim THW, Kiels Manager Thorsten Storm war bis vor einiger Zeit in Mannheim aktiv. Torhüter Niklas Landin wechselt im Sommer in den Norden. Entsprechend intensiv war die Partie.

Hier geht's zum BOXSCORE

Bester Löwen-Werfer war Gensheimer mit acht Toren gefolgt von Schmid (4), Ekdahl Du Rietz (3), Petersson (2), Myrhol (2), Reinkind (2), Groetzki (1) und Guardiola (1). Auf Seiten der Zebras war Weinhold fünf Mal erfolgreich. Zudem netzten Ekberg (4), Canellas (3), Duynjak (3), Palmarsson (2), Jicha (1), Vujin (1), Lauge Schmidt (1), Sprenger (1), Wiencek (1) und Toft Hansen (1).

Der THW bleibt Spitzenreiter und hat wie die Löwen sieben Minuspunkte aufzuweisen, dafür aber das um 47 Treffer bessere Torverhältnis.

Die Reaktionen:

Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen): "Fakt ist, dass der THW auch noch den Vorteil der Tordifferenz hat, das steht jetzt erst mal."

Andy Schmid (Rhein-Neckar Löwen): "Wir können mit dem Punkt leben, es bleibt halt eng."

Alfred Gislason (Trainer Kiel): "Ich bin sauer, denn wir hätten das Spiel gewinnen müssen. Nach Minuspunkten sind wir gleichauf, daher hat sich jetzt nicht viel geändert."

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Spiel: Die Kieler müssen auf die beiden Linksaußen Klein (Kreuzbandriss) und Dahmke (Fußverletzung) sowie das Torhüter-Duo Palicka (Sehneneinriss) und Sjöstrand (Grippe) verzichten. Für den 42-jährigen Keeper Ege (eigentlich seit 2012 in Rente) und Linksaußen Lundström (seit 2014 Manager beim schwedischen Erstligisten Redbergslids Göteborg) - beide erst seit einigen Tagen zurück bei den Zebras - heißt es damit: Raus aus dem Handball-Ruhestand, rein in den Kader für das Topspiel.

Das Spiel im RE-LIVE

THW-Coach Gislason setzt zunächst auf Sonne-Hansen, Ekberg, Weinhold, Duvnjak, Canellas, Sprenger und Toft Hansen. Bei den Löwen beginnen Landin, Gensheimer, Ekdahl Du Rietz, Schmid, Petersson, Groetzki und Myrhol.

5.: Siebenmeter für die Löwen, erstmals kommt der Oldie Ege in den Kasten. Gensheimer lässt sich nicht beirren und macht das 1:1. Ein extrem intensiver Beginn von beiden Mannschaften, ein Spielfluss kommt so nicht auf.

12.: In der Sparkassen-Arena brennt die Luft. Gislason sieht Gelb, weil er an der Seitenlinie nach einer Schiri-Entscheidung wie das HB-Männchen an die Decke geht. Wenig später kommt der an den Kreis eingelaufene Du Rietz frei zum Wurf - Kiels Nummer 3 im Tor ist zur Stelle und pariert. Stark, Kim Sonne-Hansen. Es steht 3:3.

19.: Wiencek kassiert eine Zeitstrafe, der Meister agiert in Unterzahl. Gensheimer kommt nach tollem Zuspiel von Schmid über Außen durch. Und was macht Sonne-Hansen? Der 22-Jährige bietet dem DHB-Kapitän zunächst das kurze Eck an, macht dann zu und pariert. Im Gegenzug trifft Palmarssson, der THW ist erstmals mit drei Toren in Führung - 7:4.

25.: Was ist das denn??? Schmid zündet aus gut neun Metern eine Fackel aus der Hüfte, der Ball schlägt rechts oben im Kasten der Zebras ein. Der Schweizer macht damit den 5:1-Lauf der Badener perfekt - 9:8 für die Gäste.

30.: Halbzeit in der Sparkassen-Arena. Die zu Beginn aberwitzig hohe Intensität hat ein wenig nachgelassen. Aber wirklich nur ein wenig. Es geht - welch Wunder - mit einem knappen Ergebnis in die Pause. 11:10 für den THW, es riecht schon wieder nach Krimi.

39.: Super Aktion von Du Rietz. Nach einem Zuspiel von Groetzki bahnt sich der Rückraumspieler mit einer Finte den Weg durch die Deckung der Zebras und gleicht aus. 14:14.

46.: Jacobsen nimmt die Auszeit, weil seine Löwen in Schwierigkeiten stecken. Vorne geht bei den Löwen grade nichts mehr rein, zu viele Würfe sitzen nicht. Der THW nutzt das und fährt Tempogegenstöße, Ekberg schließt zwei davon zum 19:16 ab.

55.: Das könnte es gewesen sein. Palmarsson bringt die Löwen-Abwehr in Bewegung, passt dann den Ball zum in der zweiten Halbzeit guten Duvnjak. Der steigt hoch und packt den Hammer zum 22:19 aus. Bärenstarke Aktion des Kroaten!

59.: Gibt es doch gar nicht! Die Löwen waren schon tot und mit vier Toren hinten, doch nach einem Tempogegenstoß gleicht Gensheimer aus. Im Gegenzug bringt Weinhold Kiel wieder in Führung. Hier ist jetzt der Teufel los. Auszeit Jacobsen, noch 69 Sekunden.

60.: Unfassbar dramatische Schlussphase. Weinhold scheitert an Landin, Palmarsson bekommt die zweite Chance. Sein Wurf springt von der Unterkante der Latte auf die Linie, von dort aus weg vom Kasten. Die Löwen haben noch ein paar Sekunden, doch Kneer wirft den Ball einfach weg. 23:23, eine Wahnsinns-Partie.

Der Star des Spiels: Kim Sonne-Hansen. In einem waren sich vor der Partie fast alle einig: Den größten Vorteil würden die Löwen auf der Torhüterposition haben. Der Weltklassekeeper Landin gegen Nobody Sonne-Hansen. Und was war: Ein Klassenunterschied war beim besten Willen nicht zu erkennen. Der Kieler, ohne jegliche Erfahrung in großen Spielen, blieb cool und zeigte eine tolle Leistung. Er hielt über 36 Prozent der auf sein Tor geworfenen Bälle und war damit ein starker Rückhalt für sein Team.

Der Flop des Spiels: Patrick Groetzki. Eigentlich hat diese Partie keinen Flop verdient. Aber Groetzki war nun wirklich kaum ein Faktor. Der Rechtsaußen war über weite Strecken komplett abgemeldet (nur ein Abschluss) und machte nur ein Tor.

Das fiel auf:

  • Gensheimer wurde bei jedem Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen. Der Grund: Die THW-Fans haben seinen Faustschlag gegen Rene Toft Hansen beim Löwen-Sieg im Pokal-Viertelfinale nicht vergessen. Die Pfiffe zeigten in der Anfangsphase teils Wirkung, Gensheimer leistete sich den einen oder anderen Fehler.
  • Man merkte Filip Jicha an, wie heiß er auf dieses Spiel war - womöglich auch wegen des Theaters bei der Pokal-Partie. Das Problem: Der eigentlich so unglaublich erfahrene Tscheche überdrehte ab und zu, ihm gelang nicht so viel. Am Ende stand für ihn nur ein Tor zu Buche. In der Abwehr riss er sich aber wie immer den Hintern auf.
  • Die Löwen agierten in der Deckung extrem offensiv. Canellas, Palmarsson oder Jicha wurden teilweise schon wenige Meter hinter der Mittellinie angegangen. Auch Kiel deckte offensiv, allerdings im Vergleich zum Gegner ein wenig zurückgezogener.
  • Sprenger musste wegen der Verletzungsproblematik als Linkshänder von Beginn an auf Linksaußen ran. Wahlweise übernahm diesen Job auch von Rasmus Lauge.
  • Schon nach 12 Minuten war Du Rietz mit zwei Zeitstrafen belastet. Ausgerechnet der Mann also, der für die Löwen in Angriff und Abwehr so wichtig ist. Der Rückraumspieler behielt aber die Nerven und musste nicht frühzeitig unter die Dusche verschwinden.
  • Die Löwen ließen im zweiten Durchgang ein paar Chancen zu viel liegen, was man sich auf so einem Niveau nicht erlauben darf. Gegen Ende kamen sie dank der Nachlässigkeiten der Kieler und dank Landin zurück in die Partie.

Die aktuelle Tabelle der HBL

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