Handball

Michael Haaß im Interview: "Bei uns herrscht das geordnete Chaos"

Von Für SPOX in Kristianstad: Florian Regelmann
Samstag, 15.01.2011 | 23:30 Uhr
Michael Haaß erzielte beim Sieg gegen Ägypten nur ein Tor, war aber dennoch eminent wichtig
© Getty
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Michael Haaß ist bei der WM in Schweden einer der spannendsten Typen im DHB-Team. Der Göppinger ist so etwas wie der Schattenmann der Nationalmannschaft, in vielerlei Hinsicht ein heimlicher Star. SPOX hat mit "Hassan" gesprochen.

Seine Spielweise ist vielleicht unspektakulär, aber über die Bedeutung von Michael Haaß für die Nationalmannschaft gibt es keine zwei Meinungen. Der Sieg beim Auftaktspiel gegen Ägypten war der beste Beweis für Haaß' Qualität.

Der 27-Jährige stand zu Beginn des Spiels sowohl im Angriff als auch in der Abwehr auf dem Feld. In der Deckung bildete er einen starken Innenblock mit Sebastian Preiß - und vorne leitete er gut Regie, ohne dabei selbst groß als Torschütze in Erscheinung zu treten. Darüber definiert sich Haaß' Spiel schlicht und ergreifend nicht.

Der WM-Spielplan: Alle Spiele, alle Gruppen, alle Topscorer!

Er hat durch seine Verlässlichkeit bei Bundestrainer Heiner Brand einen immer höheren Stellenwert bekommen und ist inzwischen aus der Nationalmannschaft kaum mehr wegzudenken. Im SPOX-Interview spricht Haaß über schmerzvolle Abwehrarbeit und den Zustand seines Hotelzimmers in Kristianstad.

SPOX: Herr Haaß, noch einmal Glückwunsch zum Auftaktsieg gegen Ägypten. Viel besser hätte es nicht laufen können. Wie zufrieden sind Sie?

Michael Haaß: Im Vergleich zu Spanien und Frankreich war Ägypten sicher nicht der Maßstab, aber so ungefährlich waren die Ägypter nicht. Ich glaube, wir haben sie schlechter aussehen lassen, als sie wirklich sind. Es war insgesamt ein Start nach Maß, es lief alles einigermaßen nach Plan. Es war vielleicht nicht die große Handballkunst, aber es war ein guter Start. Und es war vor allem wichtig fürs Selbstvertrauen.

SPOX: Auch für Sie persönlich lief es ausgezeichnet. Sie haben zum Start sowohl im Angriff als auch in der Abwehr das Vertrauen geschenkt bekommen.

Haaß: Es ging darum, dass wir nicht wechseln wollten, um möglichst zu schnellen, einfachen Toren zu kommen. Das ist uns denke ich auch ganz gut gelungen. Und im Mittelblock standen wir auch ganz gut. Es war wohl das beste Spiel, das Basti (Preiß) und ich zusammen gemacht haben. Das hat uns auf jeden Fall jetzt Sicherheit gegeben.

SPOX: Was würden Sie sagen, was einen guten Mittelblock auszeichnet?

Haaß: Meiner Meinung nach gehört da einfach alles dazu. Du musst eine gute Beinarbeit haben, du musst immer hellwach sein, immer mit der nötigen Aggressivität zu Werke gehen und extrem viel investieren. Nur so kann es funktionieren. Ein guter Mittelblock ist eminent wichtig, weil solche großen Turniere immer in der Abwehr entschieden werden.

SPOX: Der etatmäßige Abwehrchef Oliver Roggisch saß das ganze Spiel draußen. Sicher eine etwas komische Situation für ihn.

Haaß: Und bald wird Oli wieder auf der Platte stehen und einen super Job machen. Wenn er jetzt mal draußen sitzt, kann er auch von der Bank aus wertvolle Tipps geben. Er ist ja für seine robuste Spielweise bekannt. Es ist einfach so, dass wir fünf bis sechs Mann haben, die alle gut im Innenblock stehen können. Jeder wird hier gebraucht werden. Wichtig ist, dass wir alle eine gute körperliche Präsenz haben und ein echtes Bollwerk hinstellen können.

SPOX: Sie sind in Abwehr und Angriff gleichermaßen gut einsetzbar. Wie wichtig ist es für Sie, ein kompletter Spieler zu sein?

Haaß: Ganz wichtig. Für mich gehört beides zum Handball dazu. Abwehr und Angriff. Ich fände es schade, wenn mir ein Teil des Spiels fehlen würde. Es macht beides Spaß. Jemanden abzuräumen, zu blocken und den gegnerischen Angriff zu stoppen kann genauso viel Spaß bringen wie ein Tor zu werfen.

SPOX: Aber hinten im Mittelblock tut es schon verdammt weh, oder?

Haaß: Man muss schon seinen Körper zeigen, das stimmt. Und wenn es nachher weh tut, weiß man, dass man richtig gearbeitet hat.

SPOX: Verlassen wir die Abwehr und kommen zum Angriff. Mehr Disziplin und Geduld ist das Stichwort.

Haaß: Genau darauf kommt es an. Bei der letzten EM waren wir diesbezüglich nicht gut. Deshalb haben wir uns jetzt vorgenommen: "So nicht noch mal!" Nicht gleich die erste Chance nehmen und aufs Tor werfen, sondern ruhig weiterspielen. Gegen Ägypten sah das schon deutlich besser aus. Es war nicht perfekt, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

SPOX: Sie haben sich mittlerweile richtig fest gespielt im deutschen Team. Sie müssen sehr glücklich sein, wie Ihre Nationalmannschafts-Karriere Fahrt aufgenommen hat.

Haaß: Das bin ich auch. Sie war ja mal kurzzeitig etwas ins Stocken geraten, deshalb freut es mich umso mehr, dass ich mich einigermaßen reingespielt habe. So soll es natürlich jetzt auch weitergehen.

SPOX: Welchen Anteil hat Ihr Vereinstrainer Velimir Petkovic an dem Sprung, den Sie als Spieler noch mal gemacht haben?

Haaß: Einen großen. Er war derjenige, der mir gesagt hat, dass ich auch im Mittelblock decken soll. Das war ein ganz entscheidender Schritt. Petko ist jemand, der mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet, aber gerade auf der Spielmacher-Position kann man sich unter ihm richtig verbessern.

 

SPOX: Was ist wirklich drin bei dieser WM?

Haaß: Ich bin ja kein Freund dieser Floskeln, aber wir haben gar keine andere Chance, als von Spiel zu Spiel zu schauen. Wir haben drei Mannschaften in der Gruppe, die wir schlagen sollten - und gegen Spanien und Frankreich muss man mal abwarten, was passiert. Wir fühlen uns eigentlich ganz gut, insofern geht alles für uns - aber es kann auch schief gehen. Das Wichtigste ist sicher, dass wir uns die Olympia-Chance offen halten und mindestens Siebter werden.

SPOX: Der Bundestrainer hat im ersten Spiel kaum gewechselt, Carsten Lichtlein und Patrick Groetzki hat er erst mal gar nicht nominiert. Sie sind mit Groetzki auf dem Zimmer. Mussten Sie Aufbauarbeit leisten?

Haaß: Jeder ist enttäuscht, wenn er nicht dabei ist, aber Patrick ist noch so jung. Er ist so talentiert, so ein guter Spieler, seine Zeit kommt. Denken wir an Uwe Gensheimer, der hat vor einem Jahr kaum gespielt und ist jetzt die Nummer eins. Patrick weiß, dass er etwas Geduld haben muss. Wir vertragen uns super auf dem Zimmer.

SPOX: Es stand zu lesen, dass Heiner Brand bei der Zimmerauswahl darauf geachtet hat, dass nicht ein ordentlicher mit einem unordentlichen Spieler zusammen kommt. Die logische Frage: Zu welcher Fraktion gehört das Zimmer Groetzki/Haaß?

Haaß: (lacht) Das ist ja interessant, dass der Bundestrainer das gesagt hat. Er hat nämlich die Tage mal bei uns auf dem Zimmer vorbeigeschaut und fand das wohl nicht so wirklich ordentlich. Ist es auch nicht. Bei uns herrscht das geordnete Chaos - so möchte ich es mal nennen.

SPOX: Chaos gab es hier in Schweden auch schon bei der Organisation.

Haaß: Also bei uns läuft alles perfekt. Wir sind freundlich empfangen worden, es ist alles top organisiert bis jetzt. Bei den Journalisten etwa nicht?

SPOX: Nein. Gab ein kleines Strom-Problem, ich will aber nicht weiter darüber sprechen.

Haaß: (lacht) Okay. Nein, also wir haben keinen Grund zu klagen. In Lund war die Halle jetzt nicht ganz voll, aber ich bin überzeugt davon, dass die Begeisterung noch richtig entfacht werden wird. Vor allem, wenn die Schweden erst mal ihre großen Spiele haben.

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