Handball-EM: Michael Kraus im Interview

"Wegen uns altern die Menschen"

Von Florian Regelmann
Freitag, 22.01.2010 | 12:08 Uhr
Gegen Polen war Bundestrainer Heiner Brand nicht mir Kraus zufrieden
© Getty
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Will Deutschland besser werden, muss Michael Kraus besser werden. Der deutsche Kapitän ist und bleibt eine der zentralen Schlüsselfiguren. Vor dem Spiel gegen Schweden (Freitag 18.15 Uhr im LIVE-TICKER) erklärt der 26-Jährige im SPOX-Interview, wie er aus seinem Tief herauskommen will.

Was ein Michael Kraus in Topform bewirken kann, hat jeder Handball-Fan bei der WM 2007 im eigenen Land gesehen. Kraus spielte ein fantastisches Turnier, wurde ins All-Star-Team gewählt und hatte einen entscheidenden Anteil am WM-Titel.

Was passiert, wenn Michael Kraus nicht in Topform ist, sieht jeder Handball-Fan aktuell bei der EM in Österreich. Der Kapitän der deutschen Mannschaft war trotz aller Bemühungen praktisch noch kein Faktor im deutschen Angriff. Es ist nicht das erste Mal, dass ein großes Turnier an Kraus vorbeizulaufen droht.

Der Lemgoer kämpft mit Form und Fitness zugleich - sein im Sommer operiertes linkes Knie ist immer noch leicht entzündet und bandagiert. Vielleicht eine Erklärung, aber keine Ausrede.

Einfach nur Mimi sein

Wenn die DHB-Auswahl bei diesem Turnier noch etwas erreichen will, muss sich Kraus steigern. Ohne Wenn und Aber. Dabei sollte er nicht verzweifelt versuchen, ein Stratege zu werden, der er nicht ist. Er sollte einfach nur Mimi Kraus sein. Und das heißt in erster Linie, dass er seine Dynamik ins Spiel bringen und Tore werfen muss.

Gegen Slowenien stellte Bundestrainer Heiner Brand Kraus zeitweise auch auf die linke Rückraumposition neben Spielmacher Michael Haaß - eine Variante, die Zukunft haben könnte. SPOX traf Kraus am Ruhetag der deutschen Mannschaft und sprach mit ihm über seine Suche nach der Form und seine Vorstellung von einem perfekten Freitag.

SPOX: Herr Kraus, Sie haben zwei unglaublich intensive, zum Teil wilde Spiele hinter sich. Jetzt hatten Sie die Gelegenheit mal durchzuschnaufen. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Kraus: Es ist natürlich nicht zufriedenstellend, was wir bisher abgeliefert haben. Wir sind zweimal ganz schlecht ins Spiel gekommen, bevor wir uns in der zweiten Hälfte immer zurück ins Spiel gekämpft haben. Sobald wir sehen, dass wir wieder dran sind, läuft es ja dann auch plötzlich. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir unsere vielen Fehler unbedingt abstellen und gegen Schweden von der ersten Minute an voll da sein müssen.

SPOX: Es gibt immer wieder Phasen, in denen das deutsche Spiel gut aussieht, aber dann gibt es wieder Phasen, wo jeder nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Gerade am Anfang.

Kraus: Fast nur zu Beginn der Spiele, würde ich sagen. Aber sie haben Recht, es gibt immer eine Zeit, in der wir total schlafen und das hat uns schon drei Punkte gekostet. Wir müssen alles daran legen, dass wir konzentrierter ins Spiel gehen.

SPOX: Die unglaublichen Schwankungen machen es sehr schwer, das Team und sein Leistungspotenzial richtig einzuschätzen. Wo liegt die Wahrheit über die Qualität der Truppe?

Kraus: Es ist selbst für uns schwer einzuschätzen, was wir gerade für eine Mannschaft sind. Es herrscht eine Nervosität und Unsicherheit vor, die unser Spiel prägt. Ich hoffe, dass wir aus den letzten 20 Minuten gegen Slowenien Selbstvertrauen ziehen, dann werden wir gegen Schweden bestehen und das Spiel gewinnen.

SPOX: Wie lautet das Motto für das "Endspiel" um die Hauptrunde?

Kraus: 60 Minuten lang so spielen, wie wir es können. Ein anderes Motto gibt es nicht.

SPOX: Selbst, wenn Deutschland weiter kommt, ist das Halbfinale in weiter Ferne. Oder machen Sie sich immer noch Hoffnungen? Wenn man die Ergebnisse aus der Parallelgruppe anschaut, scheint ja einfach alles möglich.

Kraus: Es ist alles möglich, keine Frage. Es gibt noch nicht die Überfliegermannschaft, am ehesten vielleicht die Spanier, die zweimal sehr souverän gewonnen haben. Man muss allerdings auch sehen, dass die Franzosen - Leistungsloch hin oder her - so eine Partie wie gegen Tschechien dann eben mit einem Tor Unterschied gewinnen. Und Frankreich wird sich im Laufe des Turniers sicher noch steigern.

SPOX: Sollte es, so wie es aktuell aussieht, nicht für eine Medaille reichen, werden viele Kritiker sagen, dass das Team einfach nicht gut genug ist, um ganz oben mitzuspielen. Ihre Antwort darauf?

Kraus: Davon halte ich gar nichts. Es ist klar, dass nach solchen Leistungen sofort die Kritiker auf den Plan treten, aber das sehe ich ganz anders. Wir haben eine sehr sehr gute Mannschaft, die das Potenzial hat, mit den besten Teams um die Medaillen mitzuspielen. Wir müssen jetzt eben auch so auftreten.

SPOX: Viele Spiele dieser Güte verkraftet auch der Bundestrainer wohl kaum noch.

Kraus: Ich weiß, dass es für den Trainer schlimm ist, das alles von draußen anzuschauen. Aber nicht nur für ihn, es ist für jeden auf der Bank schlimm, wenn er sieht, wie leichtfertig wir die Bälle durch die Halle feuern. Diese Fehler sind dann immer noch demotivierender, aber trotz alledem haben wir gegen Slowenien eine sehr gute zweite Halbzeit gespielt, auf der wir aufbauen können. Wenn wir die 23 Tore in der ersten Hälfte schon gemacht hätten, würde die Welt anders aussehen. Aber man hat gesehen, dass wir es können. Das lässt hoffen.

SPOX: Was würden Sie denn machen, wenn Sie als TV-Zuschauer die deutschen Spiele verfolgen würden? Sie würden doch ausflippen, oder?

Kraus: Klar würde ich das. Man muss sich fast schon bei den Zuschauern entschuldigen. Wegen uns altern die Menschen in Deutschland, die sind wahrscheinlich alle zehn Jahre älter geworden durch die beiden Spiele. Wir werden versuchen, es gegen Schweden anders zu machen, damit die Zuschauer einen ruhigeren Abend verbringen können.

SPOX: Die Zuschauer hätten auch dann einen ruhigeren Abend, wenn es bei Ihnen besser laufen würde. Wie groß ist der Frust?

Kraus: Ich mache mir natürlich so meine Gedanken, das ist doch klar. Aber frustriert bin ich eigentlich nicht. Es geht immer weiter. Ich kämpfe mit meiner Form und versuche alles, um der Mannschaft zu helfen - wenn das nicht gelingt, ist das kein gutes Gefühl. Aber es gibt Phasen, in denen es einfach nicht so läuft. Wichtig ist, daraus jetzt gestärkt hervorzukommen. Man lernt sehr viel in so einer Phase. Ich werde weiter hart arbeiten und mich aus dem Tief herausziehen.

SPOX: Wie wollen Sie das genau schaffen?

Kraus: Ich bin davon überzeugt, dass ich nur zwei, drei gute Aktionen brauche, dann wird sich das Blatt wenden. Sobald ich ein paar gute Aktionen habe, bin ich im Turnier und dann wird es auch wieder rund laufen.

SPOX: Unabhängig von Ihrer Leistung auf dem Feld hat man das Gefühl, dass Sie das Kapitänsamt unglaublich stolz macht.

Kraus: Der Eindruck stimmt. Es ist für mich eine Riesenehre, Deutschland aufs Spielfeld führen zu dürfen. Es ist auf der anderen Seite aber auch eine Rolle, in die ich erst noch hineinwachsen muss. Ich bin froh, dass ich vom Trainer und der Mannschaft die Zeit dazu bekomme, ich bin ja noch ein relativ junger Kapitän.

SPOX: Letzte Frage: Wie würde denn für Sie der perfekte Freitag aussehen?

Kraus: (lacht) Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Erst gewinnen wir gegen Schweden und dann gewinnt der VfB in Freiburg. So muss es laufen.

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