Freitag, 22.01.2010

Handball-EM: Deutschland - Schweden 30:29

Kein Grund zur Euphorie

Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der EM in Österreich mit einem Kraftakt in die Hauptrunde eingezogen. Im letzten Vorrundenspiel besiegte das Team von Bundestrainer Heiner Brand Schweden nach der mit Abstand besten Turnierleistung knapp mit 30:29 (21:18). Bester Werfer der DHB-Auswahl war Holger Glandorf mit acht Toren. Der überragende Kim Andersson erzielte sieben Treffer für Schweden.

Holger Glandorf traf gegen Schweden 8 von 13 Würfen und wurde zum Mann des Spiels gewählt
© Getty
Holger Glandorf traf gegen Schweden 8 von 13 Würfen und wurde zum Mann des Spiels gewählt

Es ist geschafft. Das absolute Desaster - nichts anderes wäre die schlechteste EM aller Zeiten gewesen - ist abgewendet.

Deutschland erkämpfte sich gegen Schweden den Sieg dank einer grandiosen Angriffsleistung in Hälfte eins und dank Torwart Silvio Heinevetter in Halbzeit zwei. Ohne den nach seiner dritten Zeitstrafe vom Feld geflogenen Abwehrchef Oliver Roggisch zitterte sich das Team zum Sieg. Die Erleichterung war nach der dramatischen Schlussphase in der mit 8200 Zuschauern ausverkauften Olympiahalle zu Innsbruck dementsprechend riesengroß.

"Das ging richtig an die Nerven, aber aufgrund der Leistungssteigerung haben wir uns den Sieg verdient. Mit dem gewonnenen Selbstvertrauen wollen wir nun den einen oder anderen namhaften Gegner ärgern. Jetzt haben wir nur noch zu gewinnen", sagte Brand nach dem Erreichen der Hauptrunde.

Die DHB-Auswahl trifft nun in den nächsten drei Spielen auf Frankreich, Spanien und Tschechien. Um noch eine Chance auf den Halbfinaleinzug zu haben, müssten angesichts der Hypothek von 1:3-Punkten alle drei Spiele gewonnen werden. Erster Gegner ist am Sonntag EM-Topfavorit Frankreich (16.30 Uhr).

Der SPOX-Spielfilm

Vor dem Anpfiff: Heiner Brand gibt Michael Kraus eine weitere Chance auf Rückraum Mitte. Dem Kapitän zur Seite stehen Lars Kaufmann und Holger Glandorf. Der in der zweiten Halbzeit gegen Slowenien gute Michael Haaß sitzt zunächst draußen.

Christoph Theuerkauf ist Deutschlands neue Nummer eins am Kreis. Änderung in der Abwehr: Kaufmann steht zusammen mit Oliver Roggisch im Mittelblock.

5.: Den lässt sich der Roggisch nicht nehmen! Klasse Ballgewinn der Deutschen, und beim Tempogegenstoß muss der Abwehrchef natürlich mit. Kaufmann spielt ihn am Kreis frei, und Roggisch netzt souverän ein.

9.: Einen Kaufmann-Treffer kontert Doder, dann Glandorf: Hier geht's rauf und runter. Beide Abwehrreihen präsentieren sich sehr wacklig.

13.: Wunderbar von Andersson: Schöne Wurftäuschung, dann der Bodenpass auf Arrhenius. Klasse Treffer!

19.: Heinevetter ersetzt Bitter. Die Nummer eins hat gerade einen recht harmoseln Distanzwurf durch die Beine bekommen. Schwer zu sagen, da will Brand offenbar für Abwechslung sorgen.

30.: Herrlich! Praktisch mit der Halbzeitsirene macht Kraus noch ein Tor - Nummer 5 -, und macht damit Ekbergs Siebenmeter wett, den Müller gerade verschuldet hatte.

40.: Beide Anderssons, der Goalie und der Rückraumspieler, sind absolut heiß. Der eine ist in dieser Phase nicht zu überwinden, der andere nicht aufzuhalten. 23:22, alles wieder offen. Und Schweden kann jetzt auch noch ausgleichen.

42.: Kaufmann macht kein gutes Spiel. Völlig überhasteter Abschluss, und das in Unterzahl. Aber Heinevetter mit der nächsten Glanzparade.

52.: Roggisch bekommt die dritte Zeitstrafe, das bedeutet Rot für den Abwehrchef! Auweia, jetzt muss sich das deutsche Team zusammenreißen.

56.: Klasse von Jansen! Der Linksaußen schnappt den Schweden die Kugel weg und ist auf und davon. Diesmal macht er es besser und bringt Deutschland mit zwei Toren in Front.

59.: Heinevetter ist unfassbar! Gegen Slowenien noch mit schwacher Quote, heute hält er wie ein Wahnsinniger.

Deutschland - Schweden: Das Spiel im Re-Live zum Nachlesen

Benotet werden alle Spieler mit fünf oder mehr Minuten Einsatzzeit
Benotet werden alle Spieler mit fünf oder mehr Minuten Einsatzzeit

Der Star des Spiels: Silvio Heinevetter. Der Backup von Johannes Bitter bewies eindrucksvoll, dass er ein Money-Keeper ist. Aufgrund seiner zuletzt geringen Spielanteile in der Bundesliga und seiner unglücklichen Partie gegen Slowenien konnte das Selbstvertrauen nicht besonders groß sein, aber als Bitter in der ersten Hälfte nicht viele Bälle zu fassen bekam, musste er ran.

Heinevetter gab der Mannschaft mit vielen Paraden sofort einen Schub und lieferte sich in der zweiten Hälfte ein herausragendes Torwart-Duell mit Mattias Andersson. Als die Schweden drauf und dran waren, das Spiel zu drehen, hielt Heinevetter den Sieg mit entscheidenden Saves fest.

Die Gurke des Spiels: Jonas Källman. Der Schwede, der beim Champions-League-Sieger Ciudad Real unter Vertrag steht, gehört ohne Zweifel zu den besten Linksaußen der Welt. Gegen Deutschland war Källman aber praktisch kein Faktor.

Obwohl er 60 Minuten durchspielte, erzielte er nun einen einzigen Treffer. Kim Andersson brillierte mit sieben Toren und jeder Menge famoser Pässe, er hätte als Unterstützung Källman gebraucht.

Die Lehren des Spiels: Unterschiedlicher hätten die beiden Halbzeiten nicht verlaufen können. In den ersten 30 Minuten waren beide Teams im Angriff nicht zu stoppen - 70 Prozent aller deutschen Würfe fanden den Weg ins Tor. Rechnet man die zweite Halbzeit gegen Slowenien und die erste Halbzeit gegen Schweden zusammen, warf Deutschland in 60 Minuten unglaubliche 44 Tore.

Dass es so nicht weitergehen konnte, war klar. Es spricht für das Brand-Team, dass es die Abwehrschlacht in der zweiten Hälfte überstand und sich verdient zum Sieg fightete.

Besonders positiv: Holger Glandorf und Michael Kraus spielten zum ersten Mal im Turnier wie Holger Glandorf und Michael Kraus. Christoph Theuerkauf warf zwar weniger Tore als gegen Slowenien, ackerte aber am Kreis wie ein Irrsinniger. Bezeichnend sein Tor, als er knapp über dem Boden mit einem Hechtsprung den Ball ins Tor boxte.

Kraus und Haaß gemeinsam: eine Variante mit Zukunft?

Einziger größerer Schwachpunkt war Lars Kaufmann. Dass der Scharfschütze wilde Würfe nimmt und einige Fahrkarten produziert, muss einkalkuliert werden, aber diesmal war es definitiv des Guten zu viel.

Sollte Kraus, der sich in der zweiten Hälfte eine Oberschenkelzerrung zuzog, fit sein, könnte die Variante mit Kraus auf halblinks und Michael Haaß in der Mitte im weiteren Verlauf des Turniers immer wichtiger werden.

Trotz der Freude über den Hauptrunden-Einzug sollte man die Kirche im Dorf lassen. Die nächsten Gegner heißen unter anderem Spanien und Frankreich. Um noch Chancen auf den Halbfinalenzug zu haben, müssten beide geschlagen werden. Nicht völlig ausgeschlossen, aber wenn man ehrlich ist, könnte es auch eine ziemlich trostlose Hauptrunde werden.

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