Das Kleinkind-Syndrom

Von Für SPOX in Innsbruck: Florian Regelmann
Dienstag, 26.01.2010 | 11:28 Uhr
Michael Haaß ist einer der wenigen Lichtblicke des DHB-Teams bei der Handball-EM
© Getty
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Die fehlende Geduld im deutschen Spiel hat bei der EM in Österreich schon zu unzähligen Ballverlusten geführt. Eine weitere Folge: Deutschland spielt praktisch ohne Außen. Co-Trainer Martin Heuberger erklärt bei SPOX die Hilflosigkeit eines Trainers.

"Nicht auf dem Sofa herumhüpfen! Du tust Dir noch weh", ermahnt die Mutter ihren Jungen. Sie ermahnt in einmal. Sie ermahnt ihn zweimal. Der Junge hüpft immer noch. Bis bei ihrem Filius der Groschen gefallen ist, dass er es besser unterlassen sollte, wird er noch geschätzte dreimal vom Sofa krachen und die Mutter wird ihn noch mindestens zehnmal ermahnen.

Aus der Kindererziehung ist dieses Phänomen bestens bekannt. Bis Kinder etwas begreifen, dauert es eben seine Zeit. Nun ist der DHB bei der EM in Innsbruck nicht mit einer Kindertruppe angetreten. Aber in gewisser Weise hat ein zu kindliches Verhalten der jungen deutschen Mannschaft dazu geführt, dass trotz beeindruckenden Kampfgeists der Zug zum Halbfinale nach Wien schon ohne Deutschland abgefahren ist.

"Unser größtes Problem ist, dass wir im Angriff oft nicht die Geduld haben und keine klaren Dinge spielen. Daraus resultieren dann unsere vielen leichten Ballverluste. Wir haben es den Spielern schon mehrmals schwarz auf weiß aufgezeigt, wir können nicht mehr machen, als es ihnen immer wieder zu sagen. Ich hoffe, dass es irgendwann klick macht. Das ist bei uns das Gleiche wie bei einem kleinen Kind. Dem musst du auch alles zehnmal erklären", sagt Co-Trainer Martin Heuberger im Gespräch mit SPOX.

Erschreckend viele technische Fehler

Dass das deutsche Team sehr wohl ein sehr flüssiges Spiel beherrscht, hat es in diesem Turnier über längere Strecken schon gezeigt. Gerade in der ersten Halbzeit gegen die Schweden, die nicht unter dem Verdacht stehen, eine schlechte Abwehr zu haben, sah es ausgesprochen gut aus, was Deutschland auf die Platte zauberte.

Umso unerklärlicher, dass es dann immer wieder Phasen gibt, in denen die Aktionen ohne Tempo viel zu unglaubwürdig gespielt werden und man als Folge immer mehr unter Druck gerät. Die erschreckend hohe Anzahl der technischen Fehler - auch von erfahrenen Spielern -  ist zum einen das Ergebnis des schlechten Verhaltens in Drucksituationen, zum anderen aber auch in mangelnder Technik bei einzelnen Spielern begründet, wie Bundestrainer Heiner Brand freimütig einräumen musste.

Die wenigsten Tore über außen

Die latente Ungeduld hat aber nicht nur die Auswirkung, dass sie Ballverluste produziert, sie beraubt das deutsche Spiel auch noch einer ihrer größten Stärken. Dem Flügelspiel. Keine der zwölf Mannschaften, die in der Hauptrunde stehen, hat so wenige Tore von außen erzielt wie Deutschland (10/5 links/5 rechts).

Zum Vergleich: Der Tscheche Jan Filip (12) hat alleine mehr Tore über die Flügel erzielt als das komplette deutsche Team. Titelverteidiger Dänemark mit Lars Christiansen, Hans Lindberg und Co. steht bei insgesamt 35 Toren von außen. Ein krasser Unterschied.

Kaum Chancen für Jansen und Gensheimer

Nun sind Christiansen, Lindberg oder Filip ohne Zweifel absolute Topspieler, aber sie können nichts, was Torsten Jansen, Uwe Gensheimer, Christian Sprenger und Christian Schöne nicht auch in ähnlichem Maße könnten.

Ein Großteil von Jansens Torausbeute (12/22) generiert sich im bisherigen Turnierverlauf aus Siebenmetern. Die großen Qualitäten Gensheimers, der aufgrund seines unglaublichen Wurfrepertoires das Zeug zum internationalen Star hat, wurden noch überhaupt nicht ausgenutzt. Ein Jammer. Wie es gehen kann, zeigte die zweite Hälfte gegen Frankreich, als Schöne zweimal von der rechten Seite eiskalt abschloss.

Kaum Assists im deutschen Team

"Natürlich wünscht man sich als Außenspieler, dass man mehr Chancen bekommt, aber manchmal ist es auch einfach kein Spiel für die Außen. Wenn in der Mitte so viele Lücken sind, muss der Rückraum dort seine Chance suchen", will Jansen den deutschen Spielmachern gegenüber SPOX keinen Vorwurf machen.

Fakt ist aber, dass die Rückraum-Lastigkeit nicht gut für das deutsche Spiel ist. Wer einen Beweis für das nicht vorhandene Ball-Movement will, muss nur in der Statistik der besten Vorbereiter nach den deutschen Spielern suchen. In den Top 30 wird er mit Holger Glandorf auf Rang 19 nur einen einzigen finden.

Deutschlands etatmäßige Rückraum-Strategen Michael Kraus und Michael Haaß kommen zusammen nicht mal auf die Hälfte der Assists, die beispielsweise Tschechiens Filip Jicha auf dem Konto hat.

Haaß eine der Entdeckungen der EM

"Wir haben einen Rückraum mit sehr viel Schusskraft, den versuchen wir natürlich in erster Linie einzusetzen. Aber es stimmt schon, dass wir es uns ein bisschen zum Vorwurf machen müssen, dass wir gerade in Stresssituationen nicht die nötige Geduld haben, um unsere guten Außen in Position zu bringen. Das unterscheidet uns momentan von den absoluten Spitzenmannschaften", erklärt Haaß bei SPOX das Dilemma.

Trotz der Tatsache, dass es auch dem Göppinger (noch) nicht gelungen ist, sich als DIE Führungsfigur zu positionieren, ist Haaß vor allem dank seiner Abwehrstärke und seiner Toughness eine der Entdeckungen der EM. Haaß hat wie die ganze Mannschaft im Hinblick auf die WM in Schweden 2011 und die Olympischen Spiele ein Jahr später in London großes Potenzial.

Deutschland wird nicht nachlassen

Wenn Deutschland trotz aller Unzulänglichkeiten nur knapp gegen Polen und Frankreich verliert, was soll erst passieren, wenn die sehr lernwillige Mannschaft die nötige Reife erlangt hat? Jeder, der denkt, dass Deutschland angesichts der ergebnistechnischen Trostlosigkeit im letzten Spiel gegen Tschechien nachlassen wird, kennt das Team nicht.

Die DHB-Auswahl wird sich in Innsbruck bis zur letzten Minute zerreißen und die gleiche Leidenschaft an den Tag legen, für die man sie trotz ihrer mitunter haarsträubenden Fehler einfach gern haben muss. So wie man ein kleines Kind liebt, auch wenn es trotz Belehrung fünfmal vom Sofa purzelt...

LIVE-TICKER: Deutschland - Spanien, 18.15 Uhr

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