Deutschland muss Rumänien sein

Von Florian Regelmann
Donnerstag, 15.01.2009 | 14:48 Uhr
Die DHB-Auswahl zählt in Kroatien nicht zu den Top-Favoriten
© Imago
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Übrigens, es ist mal wieder Handball-WM! Im Vorfeld war die Aufmerksamkeit eher gering, aber nun geht es los. Deutschland tritt in Kroatien zur Titelverteidigung an. Ein fast unmögliches Unterfangen, wie die Geschichte zeigt. Markus Baur erklärt bei SPOX, warum man sich nicht wundern darf, wenn es nur der achte Platz wird.   

Wissen Sie, warum das Jahr 1974 ein ganz außergewöhnliches Jahr war? Nein, nicht wegen der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Und auch nicht wegen Willy Brandts Rücktritt, der Nelkenrevolution in Portugal oder eines gewissen Boxkampfes zwischen Muhammed Ali und George Foreman in Zaire.

Alles große historische Ereignisse, aber etwas wirklich Unglaubliches spielte sich in der damaligen DDR ab. Bei der Handball-Weltmeisterschaft besiegte Rumänien im Finale den Gastgeber mit 14:12 und verteidigte damit den Titel.

1970 war Rumänien in Frankreich im Finale gegen die DDR mit 13:12 nach zweimaliger Verlängerung siegreich geblieben.

Alles ist möglich: Weltspitze eng zusammen

Das ist noch nichts Besonderes, könnte man jetzt sagen. Doch! Denn seitdem gelang es keinem Land mehr, den Titel zweimal in Serie zu holen.

Kein gutes Omen für Deutschland. Nach dem Mega-Highlight mit dem WM-Triumph im eigenen Land vor zwei Jahren gehört man diesmal nicht zu den Top-Favoriten.

Roggisch stellt das deutsche Team vor

"Man muss sich in Deutschland einfach dessen bewusst machen, dass es im Handball in der Weltspitze unglaublich eng zugeht. Es entscheiden Nuancen und die Tagesform. Da kannst du ins Halbfinale kommen, du kannst aber genauso gut um Platz sieben spielen", erklärt Markus Baur im Gespräch mit SPOX.

Der Weltmeister von 2007 und jetzige Erfolgscoach des TBV Lemgo ist in Kroatien in seiner neuen Rolle als TV-Experte dabei.

Weltmeister nur auf dem Papier

Im Vergleich zum Weltmeister-Team fehlt nicht nur Baur. Der 37-Jährige war schon bei den Olympischen Spielen nicht mehr dabei. Seitdem hat Bundestrainer Heiner Brand den personellen Umbruch weiter vorangetrieben.

Gestandene Kräfte, ja spielentscheidende Leute wie Keeper-Held Henning Fritz und Rechtsaußen Florian Kehrmann werden im Aufgebot vermisst. Sie sind nicht offiziell zurückgetreten, legen aber zumindest eine Pause ein.

Brand rückte angesichts der veränderten Mannschaft eine mögliche Titelverteidigung schon fast in den Bereich der Fabel.

"Heiner hat nicht so unrecht, wenn er sagt, dass wir nur noch auf dem Papier Weltmeister sind. Das heißt aber nicht, dass wir nicht für eine Überraschung sorgen können. Frankreich und Kroatien stehen vielleicht eine Stufe über dem Rest, aber wir können jeden schlagen", so Baur.

Schwierige Gruppe

Wer nach der Auslosung auf die Gruppen blickte, war zunächst geneigt zu glauben, dass man Glück gehabt hat.

Deutschland geht Kroatien mit Superstar Ivano Balic und dem fanatischen Publikum im Rücken, Olympiasieger Frankeich mit seinen Super-Individualisten um Nikola Karabatic und auch noch Spanien bis zum Halbfinale aus dem Weg.

Dennoch warnt Baur: "Zum Auftakt haben wir mit Russland gleich einen Kracher. Dann kommt Tunesien, das als Geheimfavorit gilt. Algerien ist mit seiner unorthodoxen Spielweise unangenehm zu spielen, Mazedonien hat in der Qualifikation Island rausgeschmissen und zum Schluss wartet noch Vize-Weltmeister Polen. Die Gruppe ist der Hammer."

Sorgen um Kraus

Vieles steht und fällt mit dem gesundheitlichen Zustand des Rückraums. Pascal Hens ist nach seiner schweren Verletzung von Peking wieder genesen, aber nun macht die Wade von Michael Kraus vor dem Start gegen Russland am Samstag Sorgen.

"Ich bin optimistisch, dass ich bei der WM zum Einsatz komme. Ich weiß aber nicht, wann. Ich gehe davon aus, dass ich gegen Russland nicht spielen kann", meinte der Lemgoer nach der um zwei Stunden verpäteten Landung am Flughafen in Zagreb.

Um es auf den Punkt zu bringen: Für ein oder zwei Spiele kann der junge Martin Strobel vielleicht in die Bresche springen, aber spätestens dann muss Kraus fit werden. Ein Rückraum um Kraus, Hens und Holger Glandorf muss sich vor keinem anderen verstecken.   

Sind diese Drei voll da, wird die Offensive nicht das Problem darstellen. Im 6-6-Angriff nehmen sich die Top-Teams der Welt ohnehin nicht viel.

Abwehr als Schlüssel

"Wir sind überall gut besetzt und haben keine Schwachstelle. Der Schlüssel wird die Abwehrarbeit in Verbindung mit dem Torwart sein", meint Baur.

Wie schlägt sich Deutschland bei der WM? Jetzt auch unterwegs top-informiert sein!

Wenn die Abwehr also steht, könnte etwas gehen. Die richtig große Begeisterung will vor der WM aber irgendwie dennoch nicht aufkommen.

Zu viele Großereignisse im Handball und die letzten Fehlschläge - keine Medaille bei der Europameisterschaft, bei den Olympischen Spielen das Viertelfinale verpasst - haben Spuren hinterlassen.

Millionen an den Bildschirmen

Aber man muss es auch anders sehen. Bei der EM in Dänemark fehlte nur ein Tor im Halbfinale gegen Dänemark, sonst wäre man im Finale gestanden. Und in Peking lag man trotz Verletzungsproblemen bis zum letzten Gruppenspiel auf Viertelfinalkurs, ehe man mit Pech ausschied.

Da alles so eng beisammen ist, kann sich das Blatt nun auch wieder drehen. Gründe, heiß auf die WM zu sein, gibt es genug.

"Das ist eine WM und wir sind Titelverteidiger. Das sagt doch alles. Außerdem werden viele Millionen vor dem Bildschirm sitzen", glaubt Baur.

Wer weiß, vielleicht bekommen die Millionen Fans mit etwas Glück etwas Großes zu sehen. Etwas, das es seit 35 Jahren nicht gegeben hat. Die erfolgreiche Titelverteidigung bei einer Handball-WM.

Der Spielplan der WM in Kroatien

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