Bitter: "WM-Titel ist unrealistisch"

Von Interview: Florian Regelmann
Freitag, 28.11.2008 | 10:45 Uhr
Johannes Bitter gehört zu den besten Torhütern der Welt
© Imago
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Deutschlands Weltklasse-Torwart Johannes Bitter spricht bei SPOX über die Probleme beim HSV und die Zukunft der Nationalmannschaft. Außerdem erklärt er den Typus Torhüter und verrät, dass er mit Werder leidet.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft im Januar zur WM nach Kroatien reist, hat sich durch den eingeleiteten Umbruch vieles geändert, eines bleibt aber gleich: Mit Johannes Bitter steht ein Torwart der Extraklasse im Kasten.

Bei SPOX erklärt der 26-Jährige, warum die DHB-Auswahl bei der WM nicht zu den Favoriten gezählt werden sollte.

SPOX: Herr Bitter, wie lebt es sich in Hamburg eigentlich so als Werder-Fan?

Johannes Bitter: Das ist absolut kein Problem. Mein Herz schlägt zwar für Werder und ich leide zur Zeit auch mit, aber mit der Stadt Hamburg kann ich mich auch absolut identifizieren. Der FC. St. Pauli ist hier mein Favorit.

SPOX: Ähnlich wie Werder hat auch der HSV Hamburg Probleme. Siege gegen Flensburg oder in Lemgo, Niederlagen in Dormagen und Balingen. Warum bekommt der HSV keine Konstanz rein?

Bitter: Wir haben im bisherigen Saisonverlauf sicherlich nicht das gezeigt, was wir können. In Balingen hat uns der Biss gefehlt, wir hatten einen Durchhänger. Jetzt müssen wir uns klar vor Augen führen, wo der Erfolg herkommt. Jedes Spiel ist gleich wichtig, und da dürfen wir keinerlei Abstriche machen.

SPOX: HSV-Boss Andreas Rudolph war zuletzt mächtig sauer und drohte sogar mit Rückzug. Können Sie ihn verstehen?

Bitter: Klar kann ich ihn verstehen, er investiert sehr viel Herz und Geld in unseren Verein, von daher ist seine Kritik nachvollziehbar. Als Mannschaft sind wir von der aktuellen Situation aber selber am meisten betroffen und sauer. Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen.

SPOX: Da, wo der HSV hin will, kann er gar nicht mehr hin. Der Titel ist bereits weg.

Bitter: Es ist natürlich nicht leicht und sehr schade, bereits jetzt zugeben zu müssen, dass wir uns mit der Meisterschaft nicht mehr beschäftigen müssen. Wir dürfen aber auch nicht aufstecken und für unseren realistischen Ziele, die Qualifikation für die Champions League, hart rackern. Das internationale Geschäft ist für uns zum Überleben wichtig.

SPOX: Hoffnung macht vor allem das Comeback von Pascal Hens.

Bitter: Es ist super, dass er wieder dabei ist. Wir freuen uns sehr, er hat dem Team gefehlt. Natürlich muss er nach seiner Verletzung noch viel aufholen, aber es hat sich schon wieder gezeigt, dass bereits seine Präsenz die Gegner beeindruckt. Mit seinen richtigen Entscheidungen im Spiel wird er uns weiterhelfen können.

SPOX: Mit der Nationalmannschaft läuft es besser als beim HSV. Der Umbruch scheint zu gelingen, das hat der Sieg in Slowenien schon gezeigt, oder?

Bitter: Unser Sieg in Slowenien war natürlich grandios. Die Mannschaft macht einen sehr guten Eindruck, auch wenn einzelne Spieler vielleicht nicht so bekannt sind. Sie sind noch jung, aber wir haben auch weiterhin Leute drin, die mit ihrer Erfahrung vorneweg gehen und ihnen helfen können. Die Mischung ist gut und mir ist nicht bange, dass sie positiv für das Team ist. Wir verfolgen unsere Ziele weiter mit Dampf und Ehrgeiz.

SPOX: Ist bei der WM in Kroatien die Titelverteidigung möglich?

Bitter: Im Augenblick ist der WM-Titel unrealistisch, diesen Druck lassen wir uns aber auch nicht aufbürden. Angesichts der überragenden Leistungen in der Weltspitze sind sicherlich andere Mannschaften eher Favorit, allen voran natürlich Kroatien als Gastgeber. Wir werden unser Ziel verfolgen, jedes Spiel, in das wir gehen, gewinnen zu wollen und damit so weit wie möglich im Turnier zu kommen.

SPOX: Glauben Sie grundsätzlich, dass der Umbruch richtig war?

Bitter: Ich denke, dass man weniger von einem Umbruch sprechen kann, da wir bei einigen Spielern noch gar nicht wissen, ob sie nicht wieder zurückkommen oder wie lange sie pausieren werden. Der Zeitpunkt, nun junge und neue Spieler in die Nationalmannschaft zu integrieren, war richtig, aber das Team braucht für die anstehenden Ziele auch Spieler mit Erfahrung in ihren Reihen.

Wie geht es beim DHB-Team weiter? Auch unterwegs immer top-informiert sein!

SPOX: Ihr Torwartkollege Henning Fritz ist zum Beispiel nicht mehr dabei, ist das nicht irgendwie komisch?

Bitter: Klar ist das komisch, wir haben in den letzten Jahren ein nahezu perfektes Team gebildet. Aber auch bei Henning weiß keiner, ob er nicht noch einmal zurückkommen wird. Ich würde mich auf jeden Fall darüber freuen, doch auch so haben wir gutes Personal und kriegen das hin.

SPOX: Sie waren es eigentlich schon, aber jetzt sind Sie für jeden ersichtlich der deutsche Torwart. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Bitter: Ich verspüre da gar keinen Druck. Ich versuche immer, der Verantwortung, die von mir eingefordert wird, mit meinen Leistungen gerecht zu werden. Ich bin meinem Ziel relativ nahe, aber wie jeder andere habe auch ich keine Garantie, immer zu spielen. Ich muss weiterhin meine Leistung in der Bundesliga bringen, dann wird der Bundestrainer entscheiden.

SPOX: Warum wird man eigentlich Torwart?

Bitter: Das kann man nur verstehen, wenn man in der letzten Sekunde den entscheidenden Ball hält. Die Motivation ist die besondere Position, der besondere Stellenwert im Team, aber auch der Spaß, den die Rolle bringt.

SPOX: Wie muss man sein als Typ, um Torwart zu werden?

Bitter: Der Typus Torhüter lässt sich nicht einfach einordnen. Man muss sicherlich ein Stehaufmännchen sein, weil man während eines Spiels 20 bis 30 persönliche Niederlagen hinnehmen und im entscheidenden Moment dennoch voll da sein muss.

SPOX: Im Gegensatz zu anderen Goalies im Fußball oder Eishockey hat man diese vielen Negativ-Erlebnisse im Spiel, ist das der besondere Reiz?

Bitter: In Handball kann und muss der Keeper nicht jeden Ball halten, das wäre utopisch. Doch die besonderen Situationen, wenn ich einen Ball abwehre, sind schon toll - wenn es der entscheidende ist, umso mehr.

SPOX: Was ist die unangenehmste Situation für einen Keeper?

Bitter (lacht): Na ja, wenn der Schütze bedrängt wird und keine Kontrolle mehr über seinen Wurf hat, ist das schon ziemlich blöde für den Torwart.

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