Victor Dubuisson im Porträt

Der sonderbare D'Artagnan

Von Benedikt Treuer
Dienstag, 28.10.2014 | 11:39 Uhr
Victor Dubuisson trägt seit diesem Jahr den Spitznamen "Cactus Kid"
© getty
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Victor Dubuisson ist der absolute Newcomer im Golfkalender 2014. Binnen kürzester Zeit spielte sich die französische Nachwuchshoffnung mit spektakulären Wunderschlägen in die Herzen der Fans. Was zuerst nach einem Golfmärchen klingt, entpuppt sich durch Dubuissons Persönlichkeit aber als Anhäufung zahlreicher Fragezeichen.

Sein Ball liegt hinter einer Zuschauertribüne im staubigen Ödland, umzingelt von Steinbrocken und mitten in einem vertrockneten Busch. Um sich überhaupt in eine schlagähnliche Position zu bringen, muss Victor Dubuisson einen denkbar ungünstigen, haltlosen Stand in Kauf nehmen. Er ringt nach dem Gleichgewicht. Hadert er gerade mit dieser Situation, so merkt man ihm nichts an. Er verzieht keine Miene, spricht nicht mit seinem Caddy.

Fernsehteams und Zuschauer haben sich um das Grün versammelt, es herrscht absolute Stille. Es muss ein unfassbarer Druck sein, in einem Finale von Weltformat eine solch missliche Lage zu überwinden. Und diese Lage, in der sich Dubuisson am 18. Loch des Golf Club at Dove Mountain befindet, triebe wohl jeden gestandenen Weltklassespieler zur Verzweiflung. Jeden - nur ihn selbst nicht.

Es ist die Finalrunde der diesjährigen WGC-Accenture Match Play Championship. Wahrscheinlich würde jeder andere Spieler, dem sein Ergebnis lieb ist, einen Strafschlag in Kauf nehmen und den Ball beispielsweise innerhalb zweier Schlägerlängen droppen. Das ist im Golfsport so üblich, wenn jemand seinen Ball für unspielbar erklärt. Der Franzose hat jedoch ganz anderes im Kopf. Was genau, weiß niemand - auch das ist bei ihm die Regel.

"Golden Hands", wie ihn der englische Kommentator kurz darauf tauft, schreitet unbeirrt zur Kugel, blickt kurz in Richtung Grün, welches er von dort nicht einmal vollständig einsehen kann, und hackt das kleine weiße Spielgerät aus dem Busch. Ohne jede emotionale Regung läuft er dem Ball hinterher, lässt sich seinen Putter geben und sieht, wie die Kugel knappe zwei Meter neben dem Loch zum Halten kommt. Ein absoluter Zauberschlag des französischen Künstlers. Sein Matchplay-Gegner Jason Day sackt in die Knie, sieht sich ungläubig um und kann nicht mehr aufhören zu lachen. Er glaubt einfach nicht, was Dubuisson an diesem Tag abzieht. Auf gut Deutsch: Er fühlt sich irgendwie verarscht.

Über Nacht zum Star

Am Ende siegte Day trotzdem - im Stechen nach fünf Extralöchern. Die Show hatte ihm Dubuisson aber gestohlen. Die Klicks der YouTube-Videos zu diesem Event übertreffen dank Dubuissons wundersamer Performance jeweils die 100.000-Marke. Auf der Video-Plattform wurde er zum gefeierten Star. Dem Unbekannten brachte der Tag trotz der Niederlage einiges ein: Zum Beispiel etwa 900.000 US-Dollar Preisgeld, zahlreiche Spitznamen, darunter "Cactus Kid" oder "Dubush", und einen mächtigen Sprung in der Weltrangliste. Der 23. Februar, jener Finaltag, ist ein Abbild seines gesamten Golfjahres: Das Interesse an Dubuissons Person ist riesig, nur weiß kaum jemand etwas über ihn.

Bis heute ist es noch niemandem gelungen, eine authentische und verlässliche Einschätzung seines Charakters vorzunehmen. Das liegt daran, dass die Persönlichkeit Dubuisson völlig unschlüssig ist. Auf der einen Seite wirkt er irgendwie schrill. Nach den "Wunderschlägen" von Dove Mountain ließ er auf seinem Schlägerkopf einen bunten Kaktus eingravieren. Auf Facebook postet Dubush gelegentlich Bilder, die den Model-Fotos von Herrenausstattern gleichen. Irgendwie nicht das, was man gemeinhin als introvertiert bezeichnen würde.

Demgegenüber steht aber der komplett verschlossene Dubuisson, der keinen Einblick in sein Privatleben und seine Gefühle erlaubt. Da gab es diese eine Pressekonferenz kurz nach seinem Match-Play-Kracher. Für Dubush war es die erste große vor laufenden Kameras. Reden hören hatte ihn zuvor kaum einer. Lediglich Gerüchte machten die Runde. Gerüchte, wonach er im jungen Kindesalter die Schule geschmissen habe, um sich auf seine Golfkarriere zu konzentrieren. Ein Reporter sprach ihn darauf an. "Ich war zehn oder zwölf, irgendwie sowas", antwortete Dubuisson. Der Journalist hakte nach. Was denn seine Eltern dazu sagten. "Meine Eltern... Nun ja, ich war eher alleine." In dem Alter? "Keine persönlichen Fragen mehr, bitte. Ich mag nicht daran denken." Anstatt Fragen zu beantworten, warf der Newcomer viele weitere auf.

Entsprechend sind auch die Aussagen, die über ihn getätigt werden, viel- und doch nichtssagend. Im Mediacenter tummelte sich an diesem Tag die versammelte Golfelite, unter anderem Dubuissons Landsmann Thomas Levet, der seinen heutigen Kollegen erstmals traf, als dieser 14 war. "Ich kenne seine Familiengeschichte und es war keine einfache Kindheit. Wir sollten es dabei belassen. Lasst uns nicht über schlimme Dinge sprechen", äußerte sich Levet zurückhaltend.

Klassischer Einzelgänger

Dubuisson ist kein Socializer, vorzugsweise meidet er den Kontakt mit anderen Leuten. Zu Foto-Shootings mit Sponsoren erschien er mitunter nicht. Im Januar war er zu einer Übungsrunde mit Levet verabredet und vergaß es einfach. Nachdem er aufgrund seiner Wunderschläge zum Youtube-Star aufstieg, wechselte er seine Handynummer, um ungewünschte Anrufe zu meiden. Nicht einmal seine engsten Golfkollegen kannten die neue Durchwahl.

Den Vorsatz, sich lieber um seine eigenen Belange zu kümmern als um die anderer, hat Dubuisson auch im Sport verankert. In seiner Jugend versuchte er sich im Fußball, stellte jedoch schnell fest, dass ihm Tennis und Golf bei weitem besser gefielen: "Du bist auf dich alleine gestellt und triffst deine eigenen Entscheidungen. Ich glaube nicht, dass ich in einem kollektiven Sport spielen könnte." Er ist der klassische Einzelgänger.

In diesem Sommer wurde die Attitüde des Insichgekehrten aber auf die Probe gestellt, als er erstmals für den Ryder Cup nominiert wurde und Paul McGinleys Team Europa angehörte. Wie würde der selbsternannte Eigenbrötler mit dem vorwiegend extravaganten Mannschaftsgefüge klarkommen? "Das wird kein Problem sein", prophezeite Levet im Vorfeld. "Beim Ryder Cup haben wir schon Bernhard Langer die Faust ballen sehen. Wenn sogar er aus seiner Zurückhaltung gebracht werden kann, dann kann es Victor erst recht." Es funktionierte. Man sah Dubush lachen, jubeln und irgendwie hatte man das Gefühl, dass der anfängliche Fremdkörper nach und nach immer mehr genoss, Teil eines glücklichen Gefüges zu sein.

"Er sieht aus wie ein Hollywood-Star"

"Der Mann ist eine Sensation", äußerte sich der amerikanische Ryder-Cup-Kapitän Tom Watson nach der Niederlage gegen die Europäer. Auch wenn er nicht näher darauf einging, dürfte er das aber nicht nur sportlich gemeint haben. "Dieser Junge ist der nächste europäische Superstar. Er ist vielleicht der Beste, mit dem ich seit Rory McIlroy gespielt habe und das sagt einiges", reihte sich auch Mitspieler Graeme McDowell in die Reihe derjenigen ein, die den Dubuisson-Hype ungebremst mit weiteren Lobeshymnen befeuern.

Paul McGinley war hin und weg von seinem Schützling, wenngleich er zugab, dass es ein schwieriges Unterfangen war, Dubuisson in die Mannschaft zu integrieren. Ein Schlüssel zum Erfolg könnte wohl gewesen sein, dass der Team-Captain dem Franzosen empfahl, sich nicht zu verstellen, sondern seine Vive-la-Difference-Mentalität unbeirrt auszuleben: "Victor hat etwas Besonderes an sich. Er hat Flair und Charisma. Ich mag es, dass er anders ist." Scherzend fügte McGinley hinzu: "Er sieht aus wie ein Hollywood-Star. Er würde sich im Showbusiness genauso gut schlagen wie auf dem Golfplatz." Unter seinen Kollegen brachte ihm sein Äußeres gar den Spitznamen D'Artagnan ein.

Erstmalig ins Rampenlicht gerückt war Dubuisson bei seiner Toursieg-Premiere in Istanbul im November letzten Jahres. Dort setzte er sich vor seinem Idol Tiger Woods und der Ryder-Cup-Ikone Ian Poulter durch. Seit 2010 ist er Profi, nachdem er als Nummer eins der Amateurweltrangliste 2009 das Ticket für die European Tour löste. In diesem Jahr spielte er erstmals alle Majors, landete zweimal in der Top Ten. So verbesserte er sich binnen zwei Jahren um über 200 Plätze in der Weltrangliste auf den derzeit 22. Rang. Jedoch hatte ihn vor dem Ryder Cup noch kaum einer auf dem Schirm: "Kennt irgendjemand Victor?", fragte Thomas Bjorn.

Die Rolle des Stars

Wie wenig man tatsächlich über den Golfprofi aus Cannes weiß, wird dadurch klar, dass es selbst über seinen Wohnort nur Spekulationen gibt. Im letzten Jahr soll er unter anderem in Honduras, Andorra und Monte Carlo residiert haben, um die französischen Steuerbestimmungen zu umgehen. Was öffentlich über ihn bekannt ist, würde wohl nicht einmal die Rückseite einer Scorekarte füllen, Dubuisson ist ein Enigma.

Als Außenseiter und Verstoßener hat sich Cactus Kid in die Weltklasse vorgearbeitet. Mittlerweile wird er vielerorts schon als Publikumsliebling gefeiert. Das Star-Potenzial besitzt er allemal. Unschlüssig ist nur, ob er sich in dieser Rolle überhaupt gefällt. Zwanghaft und teilweise aufgesetzt wirken manche seiner Einträge in den großen sozialen Netzwerken. Als versuche er die Welt davon zu überzeugen, dass nichts Außergewöhnliches an ihm ist. "Ich bin ein einfacher Mann", befand Dubuisson kürzlich und versuchte sich an einer Rechtfertigung: "Abseits des Sports bin ich lustig und ein cooler Typ." Überzeugt hat das aber wohl noch nicht jeden. "Er ist ein netter Kerl, aber man weiß einfach nicht, wie man ihn einschätzen soll", grübelte Lee Westwood.

Ganz gleich, was denn nun wirklich auf ihn zutrifft, ist es sein großes Golftalent, an dem man ihn in Zukunft messen wird. Am Wochenende kann er ebendieses wieder unter Beweis stellen. Dann startet die Final Series der European Tour mit dem ersten Turnier auf dem Lake Malaren Golf Club in Shanghai. Wenn er so spektakulär weiterspielt, wie er angefangen hat, bleibt sein mysteriöser Hintergrund sowieso nebensächlich. Als 24-Jähriger hat Golden Hands ohnehin noch genug Zeit, der Welt zu zeigen, wer er ist - oder wer er eben nicht ist.

Das Race to Dubai in der Übersicht

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