Golf

"Ich bekam einen schönen Anschiss"

Martin Kaymer hat in seiner Karriere schon 10 Titel eingefahren
© getty

Was war das Verrückteste, was Martin Kaymer je gemacht hat? Wie beurteilt er seine Saison? Was will er in Zukunft ganz anders machen? Warum erlebte er zuletzt einen seiner schönsten Golftage aller Zeiten? Und wie lernt er von Rafael Nadal und Co.? Deutschlands Golf-Superstar spricht im SPOX-Interview über sein Jahr 2013.

SPOX: Herr Kaymer, bevor wir zum Sportlichen kommen, muss ich Ihnen eine andere Frage stellen. Haben Sie zufällig John Dalys letztes "Highlight" gesehen? Ohne Worte...

Martin Kaymer: (lacht) Das ist ja wieder was aus der Kategorie: 'Das können nur die Amis!'

SPOX: Was war denn das Verrückteste, was Sie in Ihrem Leben bislang gemacht haben?

Kaymer: Da muss ich jetzt nachdenken. (überlegt) Eine Story fällt mir dabei besonders ein, das war bei den Deutschen Meisterschaften, ich war ein 16- oder 17-jähriger Amateur zu der Zeit. Wir waren auf dem Zimmer und es gab da so ein riesiges Fenster. Unten hatte es noch vier kleinere Fenster... Und ich hatte dann die glorreiche Idee, den Ball da durchschlagen zu wollen. Na ja, ich habe den Ball etwas dünn getroffen. Durch ist der Ball zwar, aber das Fenster war danach kaputt. Das war relativ peinlich. Ich bin dann gleich zu meinem Bruder gelaufen und habe ihm erzählt, dass etwas schief gelaufen ist. Er sagte nur: 'Das habe ich gehört.' Danach bekam ich einen schönen Anschiss.

SPOX: Sie sprechen Ihren Bruder Philip an. Sie hatten jetzt bei der Dunhill Links Championship eine ganz besondere Familien-Woche. Sie haben mit Ihrem Bruder zusammen gespielt und Ihr Vater Horst war als Caddie dabei. Was waren die schönsten Momente?

Kaymer: Der Samstag war der Hammer. Es war einer der drei schönsten Tage, die ich bis jetzt auf dem Golfplatz verbracht habe. Du hast die Familie dabei, spielst in St. Andrews, dazu habe ich ja an dem Tag noch viele Birdies gemacht - es hat einfach alles zusammengepasst. Als wir dann am Nachmittag die 18. Bahn hochgelaufen sind, war das ein ganz besonderer Moment. Es war so schön. Generell war es toll, meinen Vater und Bruder an der Seite zu haben. In Stresssituationen redest du dann einfach irgendeinen Blödsinn untereinander, da ist man gleich viel entspannter. Es war eine der schönsten Wochen, die ich je auf dem Golfplatz erlebt habe.

SPOX: Mit einem Top-10-Resultat war es auch sportlich eine gute Woche für Sie. Wie würden Sie generell Ihre Saison einordnen?

Kaymer: Ich höre von vielen Seiten, dass es eine durchschnittliche Saison gewesen sei für mich. Ich würde sie aber nicht als durchschnittlich bezeichnen. Meine Saison war nicht gut, wenn ich meine eigenen Erwartungen als Maßstab heranziehe. Ich habe zwar nur wenige Cuts verpasst, aber im Endeffekt habe ich 2013 noch kein Turnier gewonnen. Meine eigene Erwartungshaltung geht dahin, dass ich Turniere gewinne. Ich will mich vor allem in Situationen spielen, dass ich am Sonntag Chancen auf den Sieg habe. Das war in dieser Saison einfach zu selten der Fall. Ich habe jetzt in Schottland super Golf gespielt, mein Spiel fühlt sich wieder richtig gut an. Aber ganz klar, meine Erwartungen waren höher für dieses Jahr, zum Glück ist die Saison ja noch nicht vorbei!

SPOX: Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Sie in diesem Jahr zwischenzeitlich zu ehrgeizig waren und sich ein bisschen selbst im Weg standen.

Kaymer: Ich habe Anfang und Mitte des Jahres wirklich viel trainiert. Ich dachte, dass sich das doch auszahlen muss und die Ergebnisse doch jetzt endlich kommen müssen. Es war aber nicht so. Siege kann man nicht erzwingen. Das funktioniert im Golf nicht, der Schuss ging nach hinten los. Du musst geduldig bleiben und warten, warten, warten. Mehr als trainieren und alles versuchen kann ich ja nicht. Es nervt zwar, weil ich natürlich gerade in einer Phase, in der es nicht so lief, zeigen wollte, dass ich noch gewinnen kann. Ich habe mir zu viel Druck gemacht. Aber jetzt bin ich wieder viel relaxter geworden, das war ganz wichtig. Ich habe richtig Freude am Spielen.

SPOX: Wenn man auf die Statistiken schaut, fällt auf, dass diese Saison nicht wirklich viele Putts für Sie gefallen sind. Lagen die Probleme wirklich zu großen Teilen auf den Grüns?

Kaymer: Es haben viele Kleinigkeiten eine Rolle gespielt. Ich habe die Bälle nicht wirklich nahe an die Fahne geschlagen. Ich habe zwar recht viele Grüns getroffen, aber es waren keine zwingenden Birdie-Chancen. Außerdem habe ich im kurzen Spiel einiges liegengelassen. Seit Anfang des Jahres arbeite ich ja mit Pete Cowen zusammen, um mich im kurzen Spiel zu verbessern, aber auch das ist ein Prozess. Es geht alles in die richtige Richtung und ich mache mir keinen Stress, aber es wäre schon schön, wenn ich im restlichen Verlauf der Saison noch ein paar gute Ergebnisse einfahren könnte. Das Ziel, in jedem Jahr mindestens ein Turnier zu gewinnen, steht weiterhin. Ich hätte auch gegen zwei oder drei Siege nichts einzuwenden. (lacht) Es kommen noch einige große Turniere, ein paar Chancen habe ich also noch.

SPOX: Was haben Sie aus dieser Saison denn am meisten gelernt?

Kaymer: Was das Spielerische auf dem Golfplatz angeht, habe ich auf jeden Fall gelernt, dass ich zurück zu den Basics muss. Es geht nicht darum, etwas Besonderes zu versuchen. Es geht nicht darum, besondere Schläge spielen zu wollen. Es geht auch nicht darum, schönes Golf spielen zu wollen. Es geht um die Frage, wie ich die besten Ergebnisse erziele. Zwischenzeitlich habe ich zu viel probiert, aber daraus habe ich gelernt. In den letzten Wochen war ich mit meinem Schwung ganz zufrieden, ich habe den Ball gut getroffen, auch wenn ich nur den Fade spielen konnte. Das ist aber völlig okay. Ich habe mein Ding runtergespielt und die Bälle so nahe an die Fahnen geschlagen. Es muss nicht immer die superschöne Flugkurve sein. Zurück zu den Basics, das ist so die Message des Jahres für mich.

SPOX: Sie haben außerdem angekündigt, dass Sie nicht mehr so lange am Stück in den USA sein wollen. Auch alleine vom Lifestyle her.

Kaymer: Das stimmt. Ich war gerade am Anfang des Jahres sehr lange in Amerika, zu lange. Ich habe mich nicht so wohl gefühlt. Gerade in den Wochen, in denen ich keine Turniere gespielt habe, war es nicht schön, weit weg von der Familie zu sein. Ich habe ja im Gegensatz zu anderen Spielern noch keine Frau und Kinder und bin dann alleine in den USA herumgesessen. Im nächsten Jahr werde ich auf jeden Fall mehr in Deutschland sein und auch meinen Coach Günter Kessler häufiger sehen.

SPOX: Wie blicken Sie generell auf die kommenden Jahre? Werden Sie einen noch größeren Fokus auf die Majors legen?

Kaymer: Ich will kein One-Hit-Major-Wonder sein, ich will mehr Majors gewinnen, das ist ganz klar. Wenn deine Karriere eines Tages vorbei ist, erinnerst du dich an ein paar besondere Erfolge, aber eine Karriere definiert sich über die Majors und den Ryder Cup. Ich werde deshalb auch meinen Turnierplan ab nächstem Jahr so anpassen, dass ich weit vor einem Major schon mal hinfahren und mir den Platz anschauen werde. Ich will mich auf die entscheidenden Turniere noch besser vorbereiten.

SPOX: Tiger Woods hängt jetzt schon jahrelang bei 14 Major-Titeln fest, insgesamt gab es in den letzten Jahren so viele verschiedene Major-Sieger. Was sagt das über die Situation im Golf aus?

Kaymer: Der Konkurrenzkampf ist extrem groß geworden, das wird durch diese Beispiele sehr gut deutlich. Die Leistungsdichte ist wirklich extrem. Früher waren es vielleicht 10 Spieler, die ein Turnier gewinnen konnten. Heute komme ich zu einem Event und fast jeder Spieler kommt für den Sieg infrage. Das macht es auf der einen Seite so schwer, aber auf der anderen Seite ist es auch eine tolle Herausforderung. Denn umso zufriedener bist du, wenn du dich in solch einem Feld durchsetzen kannst.

SPOX: Sie sind auch als großer Tennis-Fan bekannt, dort ist die Situation ja eine ganz andere. Rafael Nadal, Novak Djokovic, Roger Federer und Andy Murray dominieren die Szene und machen die großen Titel unter sich aus. Was beeindruckt Sie am meisten an diesen Jungs?

Kaymer: Mir imponiert vor allem ihr Commitment und ihre Einstellung. Wie sie die Bälle übers Netz schlagen, mit voller Power, ohne zurückzuhalten, da ist überhaupt keine Angst zu spüren. Sie gehen mit so viel Selbstvertrauen auf den Platz. Genau so sollte es im Golf ja auch sein. Früher als Kind hast du ja auch einfach auf den Ball gedroschen, ohne dir große Gedanken zu machen. Da hat man noch frei gespielt. Und ich habe ja jetzt gar keinen Grund, nicht frei spielen zu können, dennoch ist es nicht immer so einfach umzusetzen. Gerade in diesem Punkt kann ich mir einiges abschauen, deshalb gehe ich auch immer wieder gerne zum Tennis.

Der Stand im Race to Dubai

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung