Donnerstag, 13.12.2012

Martin Kaymer im Interview

"Ich habe den Putt 50 oder 60 Mal gesehen"

Martin Kaymer hat ein bewegtes Jahr hinter sich. Beim Ryder Cup wurde er zu Europas Helden, davor gab es auch ein paar Tiefen. Im SPOX-Interview blickt der 27-Jährige auf seine Saison 2012 zurück und spricht über den Putt seines Lebens. Weitere Themen: Die Ausladung bei "Wetten, dass ..?" und ein Gemälde-Streit.

Für immer unvergessen: Martin Kaymer... to retain the Cup!
© Getty
Für immer unvergessen: Martin Kaymer... to retain the Cup!

SPOX: In Ihrem letzten Turnier des Jahres hat es bei der Nedbank Golf Challenge doch noch mit einem Sieg geklappt. Wie wichtig war es, 2012 nicht ohne Sieg beenden zu müssen?

Martin Kaymer: Es war extrem wichtig. Ich hatte seit 2008 jedes Jahr mindestens zwei Turniere gewonnen und jetzt sind mir ein bisschen die Events ausgegangen. Ich habe seit einiger Zeit sehr gut gespielt, aber es hat sich nie wirklich in den Ergebnissen widergespiegelt. Es wäre schade gewesen, wenn ich 2012 ohne Turniersieg geblieben wäre. Klar kann man mal ein Jahr auch ohne Sieg sein, aber für mich wäre es schwierig gewesen, damit umzugehen. Deshalb war der Sieg jetzt wirklich wichtig, auch im Hinblick auf die nächste Saison. Und auch wenn nur zwölf Spieler mitgespielt haben, war es ein stark besetztes Feld. Zudem gab es viele Weltranglistenpunkte. Entscheidend war aber, wieder in den Winner's Circle reinzukommen.

SPOX: Wie fällt Ihr generelles Fazit der Saison 2012 aus? Es gab unglaubliche Höhen, aber auch Tiefen...

Kaymer: Ich glaube, dass es für viele Menschen, ob Fans oder Medien, bei mir in diesem Jahr mehr Tiefen als Höhen gab. Das gilt aber nicht für mich persönlich. Ich habe mich golferisch so enorm weiterentwickelt. Wenn ich die Verbesserungen, die ich angegangen bin, mit dem kombinieren kann, was ich ohnehin schon beherrsche, wenn das alles zusammenläuft und feingeschliffen ist, dann kann da etwas richtig Gutes draus werden. Ich muss nur Step by Step weitermachen, dann wird das auch funktionieren. Ich habe in dieser Saison viel über mich gelernt, nicht nur als Golfer, sondern auch als Mensch. Dass du dran bleiben musst, dass du an dich glauben musst. Dass ich solche Phasen, in denen es mal Gegenwind gibt, durchstehen kann. Das ist gut zu wissen.

SPOX: Was haben Sie sich gedacht, wenn Sie die Kritik in diesem Jahr gelesen haben?

Kaymer: Viele Leute haben sich meinetwegen unnötigen Stress gemacht. Ich habe mich gefragt: Warum machen sich Leute so viele Gedanken über mich und grübeln, obwohl ich entspannt bin? Viele haben es natürlich nicht verstanden, warum ich als Nummer eins etwas an meinem Schwung verändern wollte und ich verstehe sie. Als Fan willst du den Sportler erfolgreich sehen, du willst unterhalten werden, darum geht es ja. Aber es geht eben nicht immer alles so einfach und schnell.

SPOX: Vor allem die verpassten Cuts bei der Open Championship und bei der PGA Championship waren Tiefpunkte. Was war die schwierigste Phase?

Kaymer: Mental war es zwischen der US Open und der Open Championship am schwierigsten. Bei der US Open hat mich einzig und allein mein kurzes Spiel gerettet, aber ich habe nicht gut gespielt. Es gab keine Phase, in der ich an meinem Weg gezweifelt habe. Ich wusste, ich tue das Richtige. Aber wenn du den Erfolg nicht siehst, ist es zwischendurch schon auch schwierig und kraftraubend. Ich habe dann noch einmal extrem hart mit Günter (Kessler, Kaymers Coach, Anm. d. Red.) gearbeitet, um wenigstens mal wieder ein kleines Erfolgserlebnis zu bekommen. In Holland ist dann der Knoten geplatzt. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Läuft es wirklich so gut? Oder ist das nur ein guter Tag? Von da an lief es besser. Am Anfang war es noch etwas holprig, aber ich habe mit der Zeit wieder mehr Selbstvertrauen bekommen und konnte wieder nach vorne spielen.

SPOX: Kann man sagen, dass Sie jetzt ein besserer Spieler sind als bei Ihrem PGA-Championship-Triumph 2010?

Kaymer: Ich bin definitiv ein viel kompletterer Spieler. 2010 war ein wahnsinniges Jahr, da lief alles wie am Schnürchen, ich konnte blind spielen, das hat mich damals selbst auch manchmal überrascht. Jetzt verstehe ich mein eigenes Spiel viel besser und kann alles viel besser einschätzen und kontrollieren. Deshalb bin ich schon wieder so heiß auf die neue Saison. Natürlich freue ich mich nach einer langen und aufregenden Saison über die Pause und werde die Schläger jetzt mal zehn bis zwölf Tage in die Ecke stellen, dann geht es aber schon wieder weiter. Ich muss jetzt dranbleiben und mein Spiel weiter festigen. Es bringt mir derzeit irre viel Spaß, weil ich sehe, wie es in die richtige Richtung geht.

SPOX: Wie groß war der Faktor Caddie? Sie sind in diesem Jahr wieder zu Craig Connelly zurückgewechselt und haben die Zusammenarbeit mit Christian Donald beendet.

Kaymer: Das Wichtigste ist, dass ich mit Craig unheimlich viel Spaß auf der Runde habe. Christian ist ein toller Caddie und ein super Typ, ich habe mit ihm beim WGC HSBC Champions einen meiner größten Turniersiege gefeiert, aber vom Charakter her ist er ein vollkommen anderer Typ. Ich habe gemerkt, dass ich jemanden an meiner Seite brauche, der mich auch mal zum Lachen bringt. Manchmal ist man wochenlang zusammen. Da brauchst du jemanden, bei dem man sich auch nach Wochen nicht auf den Zeiger geht. Craig hat zum Jahresende dazu noch extrem hart gearbeitet, weil ich ihm auch gesagt hatte: 'Ich kann 2012 nicht ohne Sieg bleiben. Das geht nicht.' Daher war der Sieg für uns dann schon eine Art Erlösung.

SPOX: Kommen wir zum mit Abstand größten Sport-Moment des Jahres. Zu einem der unfassbarsten Tage in der Sport-Geschichte. Zum Ryder Cup. Welcher Irre schreibt so ein Drehbuch?

Kaymer: Es war perfekt. Was man bei unserem Comeback nicht vergessen darf: Die Amerikaner benötigten vor dem Sonntag immer noch 4,5 Punkte, so gegessen, wie es vielleicht den Anschein hatte, war die Sache also noch nicht. Wir haben total an unseren Sieg geglaubt. Lustig ist, dass ich Wochen später, als ich meinen Putt noch mal gesehen habe, nervöser war als in der Situation selbst. Obwohl ich ja wusste, wie die Sache ausgegangen ist. Ich war ja da. (lacht) Aber das ist eben der Ryder Cup.

SPOX: Wie oft haben Sie den Putt denn inzwischen gesehen?

Kaymer: Ganz ehrlich: Bestimmt 50 oder 60 Mal. Ich habe mir danach alle Berichte im deutschen, europäischen und US-Fernsehen angeschaut und auch einige CDs geschickt bekommen. Ich habe mir die letzten 30 bis 45 Minuten jetzt auch noch mal vor der Finalrunde in Südafrika angeschaut. Als Ansporn. Was kann es eine bessere Motivation geben, als wenn du so ein geiles Erlebnis hattest?!

SPOX: Es lief ja nicht von Beginn weg top für Sie beim Ryder Cup. An Tag 1 verloren Sie Ihr Match und spielten nicht sonderlich gut. An Tag 2 durften Sie dann nur zuschauen. Wie war die Gefühlslage am Samstag?

Kaymer: Bei den Ergebnissen, mit denen ich angereist bin, hätte ich als Captain dem Spieler Martin Kaymer auch nicht so sehr vertraut. Das ist völlig normal und ich kann Jose Maria Olazabal überhaupt keinen Vorwurf machen. Im Ryder Cup muss jedes Match stimmen, da gibt es keine zweite Chance. Natürlich war es trotzdem bitter für mich am Samstag. Ich bin ja nicht zum Zuschauen gekommen. Aber ich bin dann mit den Jungs mitgegangen und habe auch hier wieder versucht, daraus zu lernen. Und es diente als Extra-Motivation für mich, dass ich mir selbst beweise, Teil des Teams und des Erfolgs sein zu können. Es war für mich unglaublich wichtig, am Sonntag top motiviert und vorbereitet an den ersten Abschlag zu gehen und das Match gegen Steve Stricker zu gewinnen.

SPOX: Sie hatten am Samstagabend ein sehr wichtiges Gespräch mit Bernhard Langer. Was hat er Ihnen mitgegeben?

Kaymer: Ich habe mich mit Bernhard hingesetzt und wir haben über Einstellung und Leidenschaft gesprochen. Wenn du in einer Einzelsportart plötzlich in einem Team stehst, ist es schwierig. Manche gehen darin total auf, wie im Fall von Ian Poulter. Und bei manchen dauert es aber etwas länger. Bernhard und ich haben uns anderthalb Stunden unterhalten. Es gab gar nicht einen besonderen Aspekt, den ich aus dem Gespräch mitgenommen habe, es hat mir insgesamt einfach sehr gut getan und mich motiviert.

SPOX: Kurz ein Wort zu Poulter. Bei ihm hat man im Ryder Cup nie das Gefühl, dass er einen wichtigen Putt vorbei schieben könnte. Er lebt für den Ryder Cup. Wie haben Sie seine Intensität erlebt?

Kaymer: Vor zwei Jahren habe ich in Wales schon mal mit ihm gespielt. Bei ihm denkst du, es geht hier um Leben und Tod. Es ist beeindruckend, wie jemand in ein Turnier kommt und so eine Motivation und Leidenschaft entwickelt. Bei anderen Turnieren ist er sicher auch motiviert, aber dieses gewisse Etwas, das dann zu den ganz krassen Schlägen führt, bekommt er nur beim Ryder Cup. Er hat uns am zweiten Tag alleine am Leben gehalten. Dank ihm hatten wir wieder Hoffnung. Wenn du so jemanden im Team hast, der diesen Spirit so an die Mannschaft weitergeben kann... mehr geht einfach nicht. Wir hatten am Samstagnachmittag das Momentum und mussten nur weitermachen. Der Plan, möglichst früh viel "blue" aufs Scoreboard zu bekommen, ist dann perfekt aufgegangen. Olazabal hatte am Abend vorher schon gesagt, dass ihm das Draw, wer gegen wen spielt, sehr gut gefällt. Wenn du so von hinten kommst und gewinnst, macht es den Sieg umso schöner.

Kaymer über 2013, "Wetten, dass ..?" und den Gemälde-Streit

Interview: Florian Regelmann

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