Ryder Cup, Tag 2: USA-Europa 10:6

Europas Hoffnung lebt

Von Florian Regelmann
Sonntag, 30.09.2012 | 01:49 Uhr
Ian Poulter hat alle drei Matches in dieser Woche gewonnen
© Getty
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Eine erfolgreiche Titelverteidigung ist für das Team Europe nach Tag 2 des Ryder Cups in weite Ferne gerückt. Team USA baute den Vorsprung vor den Singles im Medinah Country Club auf 10:6 aus. Nach zwei dramatischen Siegen am Schluss bleibt aber für Europa noch die Hoffnung auf ein Sensations-Comeback (Tag 3, So., 18 Uhr im LIVE-TICKER). Europäischer Mann des Tages war einmal mehr Ian Poulter. Martin Kaymer musste den ganzen Tag zuschauen. Tiger Woods blieb weiterhin sieglos.

Die Matches des Tages

1. Session: 4 Foursomes: 3:1

Bubba Watson/Webb Simpson vs. Justin Rose/Ian Poulter Europe wins 1 up

Nachdem Watson an Tag 1 den Abschlag in den Jubel hinein "erfunden" hatte, wollte an Tag 2 auch Poulter einen auf Happy Gilmore machen. Poulter stachelte die Fans auf und schlug unter "Ole, ole"-Rufen ab. Danach wiederholte Watson sein Ritual. Es war ein cooler Moment.

Das Match endete dann mit einem eher hässlichen Sieg der Europäer, denen ein Score von Even Par reichte. Watson/Simpson (+2) mussten an der 10 und 12 Bogeys notieren, damit gingen Rose/Poulter 2 auf. Ein Doppel-Bogey der Europäer an der 16 ließ die US-Boys noch mal hoffen. Simpson hatte an der 18 einen 3-Meter-Birdie-Putt, um das Match zu teilen, konnte ihn aber nicht lochen.

Keegan Bradley/Phil Mickelson vs. Lee Westwood/Luke Donald USA wins 7&6

Was soll man zu Bradley und Mickelson noch groß sagen? Birdie 1, Birdie 2 - sie legten sofort wieder einen Traumstart hin und ließen Westwood/Donald nicht den Funken einer Chance. Die beiden Amerikaner gewannen 7 Löcher und lagen nach der 12 bei sechs unter Par.

Westwood/Donald gewannen kein einziges Loch und lagen bei +2. Mickelson hat durch den Sieg erst zum zweiten Mal in einem Ryder Cup 3 Punkte erzielt. Das erste Mal? Als Rookie 1995 in Oak Hill. Damals war Bradley 5 Jahre alt. Mit dem 7&6-Triumph stellten sie außerdem die Bestmarke für den deutlichsten Sieg in einem Team-Event beim Ryder Cup ein.

Jason Dufner/Zach Johnson vs. Nicolas Colsaerts/Sergio Garcia USA wins 2&1

Dufner/Johnson gingen mit einem Birdie an der 2 in Führung und lagen im gesamten Matchverlauf nie in Rückstand. Aber: Colsaerts/Garcia hatten ihre Chancen. Colsaerts stellte mit einem Birdie an der 11 auf All Square, gleich danach gaben die Europäer aber die 12 und 13 mit Bogeys ab.

Ein überragender Chip-in von Garcia an der 16 sorgte noch mal für Hoffnung, aber danach fand Colsaerts mit seinem Tee-Shot an der 17 das Wasser. Game over.

Jim Furyk/Brandt Snedeker vs. Rory McIlroy/Graeme McDowell USA wins 1 up

Es kam zum Rematch von Tag 1. Und diesmal hatte das US-Duo an der 18 das bessere Ende für sich. Furyk sorgte mit einem verwandelten Birdie-Putt an der 1 für die frühe Führung - und diese Führung gaben die Amerikaner nie mehr ab. Was auch daran lag, dass McIlroy/McDowell nur Pars spielten (13 in Folge).

Die Europäer verkürzten mit einem Birdie an der 16 auf 1 down. McIlroy vergab dann aber einen machbaren Birdie-Putt an der 17 - die 18 wurde in Pars geteilt. Zu wenig für Europa.

2. Session: 4 Fourballs: 2:2

Dustin Johnson/Matt Kuchar vs. Paul Lawrie/Nicolas Colsaerts USA wins 1 up

Ein unglaublich enges und dramatisches Match. Und ein Match der verpassten Chancen für die Europäer. Wie fast schon üblich lagen die Amerikaner früh vorne (2 auf nach 5), aber Lawrie/Colsaerts fighteten immer wieder zurück. An der 16 mussten sowohl Kuchar (traf mit seinem 2. Schlag frontal einen Baum) als auch Johnson ein Bogey hinnehmen, das Match stand wieder A/S.

An der 17 lief ein Colsaerts-Putt haarscharf am Loch vorbei, dafür fiel unter einem gewaltigen Jubelsturm der Putt von Johnson. Wohl der beste Putt seines Lebens. Kuchar hatte das US-Team den ganzen Tag getragen, aber am Ende war DJ zur Stelle. Colsaerts hätte das Match an der 18 fast noch geteilt, aber der Belgier hatte Pech. Sein genialer Eisenschlag raste mit Back-Spin aufs Loch zu, erwischte die Kante und rollte 4 Meter an den Grünrand zurück. Einfach nur Pech. Auch der Birdie-Putt ging nicht mehr rein.

Bubba Watson/Webb Simpson vs. Justin Rose/Francesco Molinari USA wins 5&4

Im Fourball sind Watson/Simpson eine Macht. Zweiter 5&4-Sieg innerhalb von zwei Tagen. 28 Löcher: gemeinsam 19 unter Par. Wahnsinn.

Simpson brachte die Birdie-Welle an der 3 ins Rollen, am Ende hatte der US-Open-Champ 7 Birdies auf seinem Konto. Von der 8 bis zu 11 notierte Simpson vier Birdies in Folge. Watson/Simpson lagen für ihre 14 Löcher bei 9 unter Par. Die Europäer lagen bei 4 unter, gewannen aber kein einziges Loch.

Tiger Woods/Steve Stricker vs. Sergio Garcia/Luke Donald Europe wins 1 up

Die USA führen 10:6. Und Woods/Stricker stehen bei 0:3. Irgendwie faszinierend. Nach ihrer Pause in den Foursomes durften die Amerikaner im Fourball wieder ran. Und sie begannen schwach. Woods traf zu Beginn kaum einen Ball, es war kaum zu glauben. Die Europäer gewannen sofort die ersten beiden Löcher und gingen 2 auf.

Garcia begann mit 3 Birdies an den ersten 5 Löchern stark - nach der Front Nine waren die Europäer sogar schon 4 auf. Doch dann lief Woods mit 5 Birdies doch noch heiß! Die Amerikaner gewannen 3 der ersten 4 Löcher auf der Back Nine, schon waren sie wieder dran. Nachdem Donald, der jetzt auf brillante Weise aufdrehte und oft auf sich allein gestellt war, an der 15 wieder auf 2 auf gestellt hatte, antwortete wieder Woods mit dem Birdie an der 16. Als Tiger dann noch an der 17 seinen Abschlag sensationell an den Stock nagelte, schien es so, als könnten die Europäer das Match tatsächlich noch hergeben. Aber sie blieben cool.

Donald packte einen göttlichen Eisenschlag aus, der noch besser war als der von Woods. Die 17 wurde mit Birdies geteilt. An der 18 reichte den Europäern ein Par, da weder Woods noch Stricker ihre Birdie-Putts lochen konnten. Strickers Versuch aus zweieinhalb Metern lippte aus. Ganz bittere Nummer für die Amerikaner, die ein hochklassiges Match (sechs unter zu acht unter) knapp verloren. Danach wurde Woods von Mickelson getröstet und umarmt.

Jason Dufner/Zach Johnson vs. Rory McIlroy/Ian Poulter Europe wins 1 up

Ein Name: Ian Poulter. Der Engländer riss ein Match herum, das für die Europäer lange gar nicht gut lief. Die Amerikaner gewannen sofort die ersten beiden Löcher, nach der 12 lagen Dufner/Johnson immer noch 2 auf. McIlroy/Poulter hatten bis zu diesem Zeitpunkt erst ein Loch gewonnen. Doch dann kam die Wende.

McIlroy, der Poulter wenig unterstützen konnte, lochte einen starken Birdie-Putt an der 13. Nur noch 1 down. Und was sich dann von der 14 bis zur 18 abspielte, war einzig und allein die Ian-Poulter-Show. Birdie 14. Birdie 15. Birdie 16. Birdie 17. Birdie 18. Ein Putt war größer als der andere. Der Druck wurde immer größer und größer. Und Poulter lochte sie ALLE. Atemberaubend. Poulter ist ohne Frage Herz und Seele des europäischen Teams. Aber auch den Amerikanern, die selbst 7 unter schossen, gebührt Respekt für ein großes Match.

Reaktionen:

Jose Maria Olazabal (Captain Europa): "Die letzten beiden Putts waren gewaltig. Das gibt uns eine Chance. Ich glaube, dass das Momentum auf unsere Seite kommen wird. Wir haben eine schwierige Aufgabe vor uns, aber es ist noch nicht vorbei. Das habe ich von Seve gelernt und das werde ich an die Spieler weitergeben."

... über Poulter: "Ich glaube, der Ryder Cup sollte eine Statue für ihn errichten. Das ist Poulter. Deshalb ist er so ein besonderer Spieler für dieses Event. Was er gemacht hat, war herausragend."

Ian Poulter: "Macht ziemlich Spaß, dieser Ryder Cup!"

Tiger Woods: "Ich habe an den letzten beiden Nachmittagen gut gespielt, aber keinen Punkt dafür bekommen. Das ist hart. Am ersten Tag habe ich viele Birdies gespielt, jetzt habe ich 5 Birdies auf der Back Nine notiert - und es hat einfach nicht gereicht. Mein Spiel fühlt sich gut an, aber leider habe ich keinen Punkt geholt. Aber als Team mit 4 Punkten vorne zu sein, ist schön. Wir sind in einer großartigen Ausgangsposition, um den Cup jetzt zu gewinnen."

Martin Kaymer: "Ich bin sehr enttäuscht, akzeptiere aber die Entscheidung unseres Kapitäns."

Die Stars des Tages: Phil Mickelson/Keegan Bradley für die USA. Ian Poulter für Europa. Mickelson und Bradley machten in den Foursomes da weiter, wo sie an Tag 1 aufgehört hatten. 7&6 gegen Westwood/Donald. Also gegen die Nummer vier und drei der Welt. "Rockstar" Bradley hat mit seiner endlosen Energie Mickelson so heiß gemacht, wie der es wohl nie mehr für möglich gehalten hätte. Sie sind die Monster-Paarung des Ryder Cups. Dennoch hielt Davis Love III an seinem Plan fest, dass niemand im Team alle 5 Matches bestreitet, und schonte Mickelson/Bradley in den letzten Fourballs. Aus europäischer Sicht kann man nur sagen: zum Glück!

Was für ein kapitaler Fehler es war, Poulter an Tag 1 in den Fourballs draußen zu lassen, hat man an Tag 2 wieder gesehen. Poulter gewann sein Foursomes-Match mit Rose und er gewann sein Fourball-Match mit McIlroy. Damit bleibt Poulter in dieser Woche ungeschlagen (3-0), insgesamt hat er seinen Ryder-Cup-Record auf 11-3 ausgebaut. Poulter hat über weite Strecken an den ersten beiden Tagen gar nicht sonderlich gutes Golf gespielt, aber wenn es einen Big-Time-Putt zu lochen galt, war er jedes Mal da. Jedes Mal. Wie er das Fourball-Match mit 5 Birdies in Folge am Ende noch drehte, war schon wieder legendär. Genauso wie seine Emotionen bei jedem gelochten Putt. Poulter ist, was den Ryder Cup angeht, definitiv ein ganz ganz Großer.

Die Flops des Tages: Lee Westwood und Rory McIlroy. Europa bekommt viel zu wenig Produktivität von seinen Superstars. Westwood war an den ersten beiden Tagen eine einzige Enttäuschung. Normalerweise ist Westy im Ryder Cup immer voll da, aber dieses Mal ist er überhaupt kein Faktor. Hat er überhaupt einen Putt gelocht? Einen vielleicht... Dass ihn Olazabal nach dem Foursomes-Desaster mit Donald gegen Bradley/Mickelson raus nahm, war ein Muss. Und es kam wahrscheinlich zu spät.

McIlroy ist neben Justin Rose der einzige Spieler, der alle 4 Matches bestritten hat. Und auch von ihm hätte mehr kommen müssen. Hätte er nicht Poulter als Partner gehabt, wäre seine Bilanz in dieser Woche negativ. McIlroy schlug zwar viele starke Drives, aber er patzte mehrfach mit den Eisen und sein Putter war bis auf ganz wenige Ausnahmen eiskalt. Der Nordire war in der letzten Zeit der beste Golfer auf dem Planeten. Er sollte Team Europe tragen. Das ist ihm nicht gelungen. Westwood, McIlroy, auch McDowell - Europas Big Guns sind einfach nicht da.

Die Analyse: Realistisch betrachtet ist die Chance auf eine europäische Titelverteidigung nur noch gering. Zum ersten Mal im aktuellen Format (seit 1979) hat Team USA keine der ersten vier Sessions verloren. Es ist außerdem die zweithöchste US-Führung der Geschichte.

Allerdings hat die Vergangenheit gezeigt, dass ein 6:10-Rückstand aufholbar ist. Es sei an 1999 in Brookline erinnert, als Europa vor den Singles 10:6 in Führung lag und Team USA noch ein irres Comeback schaffte (14,5:13,5).

Aber: Erstens hat es solch ein Comeback eben erst einmal gegeben. Zweitens sind die Singles traditionell eher eine Stärke der Amerikaner. Und drittens deutet in dieser Woche wenig bis nichts darauf hin, dass Europa die große Wende noch einleiten wird. Dafür läuft schlicht und ergreifend viel zu wenig zusammen. Europa hat im Prinzip noch nicht einmal wirklich das Momentum auf seine Seite ziehen können.

Die US-Boys erwischten in jeder Vierer-Session den besseren Start. Ständig war sofort viel "red" auf dem Scoreboard zu sehen. Europa musste jedes Mal von Beginn an der Musik hinterherlaufen, das macht es brutal schwer. Der Plan, den 3:5-Rückstand von Tag 1 am Morgen in den Foursomes zu verkürzen, konnte man relativ schnell vergessen. Stattdessen wuchs der Vorsprung der Amerikaner sogar weiter an (8:4).

Zugegeben, Team USA präsentierte sich an den ersten beiden Tagen extrem stark. Aber Team Europe präsentierte sich auf der anderen Seite bis auf wenige Phasen und Ausnahmen auch erschreckend mittelmäßig. Abgesehen von der Nicolas-Colsaerts-Magic an Tag 1 und abgesehen von Ian Poulter lochten die Europäer bislang so gut wie nichts. Vor allem lochten sie keine großen Money-Putts in kritischen Situationen.

Bezeichnend war eine Szene in den Fourballs am Nachmittag, als zunächst am einen Loch Paul Lawrie einen ganz kurzen Putt vorbeischob und am anderen Loch ein Chip von Francesco Molinari schon ins Loch schaute, aber einfach nicht rein fallen wollte. Molinari feuerte seinen Schläger auf den Boden. Es war das Sinnbild für den europäischen Frust. Pech (einige Horseshoes, Colsaerts' Eisenschlag an der 18) kam definitiv auch noch hinzu.

Die klare Führung der USA ist logischerweise absolut verdient. Die Männer von Davis Love III kommen mit der Geschwindigkeit der Grüns viel besser zurecht, sie putten besser und sie haben einfach viel mehr Spieler, deren Form passt. Dazu ist der Love-Plan, das Team in sechs Tag-Teams aufzuteilen und die Pairings die ganze Woche so zu lassen, perfekt aufgegangen.

Aber: Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es für Europa. Es hätte problemlos auch 12:4 für Team USA stehen können. Dass Donald/Garcia und Poulter/McIlroy auf dramatische Weise an der 18 noch gewannen, hat zumindest für ein bisschen Momentum gesorgt und das Feuer im Team neu entfacht. Die letzte Stunde an Tag 2 war Ryder-Cup-Atmosphäre vom Feinsten, ein Weltklasse-Schlag jagte den nächsten. Es war eigentlich schon fast vorbei für Europa, jetzt ist die Hoffnung auf ein Miracle von Medinah zurück. 8:4 müssten die Singles gewonnen werden, um den Cup zu verteidigen. Extrem schwierig, aber eben nicht völlig unmöglich.

Captain Olazabal hat in der Singles-Aufstellung das einzig Richtige gemacht und seine stärksten Spieler an die Spitze der Lineup gestellt. Rose, Poulter, McIlroy, Rose, Lawrie und Colsaerts beginnen - es ist die einzige Chance, um es endlich einmal zu schaffen, früh viel "blue" aufs Scoreboard zu bringen. Genauso klar war aber auch, dass Team USA das auch weiß und deshalb an der Spitze mit Watson, Simpson, Bradley und Mickelson dagegen hält.

Ob Martin Kaymer, der am Samstag wie Peter Hanson komplett zuschauen musste, in seinem Match an vorletzter Stelle gegen Stricker noch zu einer entscheidenden Figur wird? Nicht ausgeschlossen. Gänsehaut ist alleine schon deshalb garantiert, weil die Europäer in Gedenken an Seve Ballesteros in marineblauem Outfit antreten werden. Das Motto: Do it for Seve!

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