Golf

Das Wunder von Crooked Stick

Von Florian Regelmann
Donnerstag, 11.08.2011 | 11:41 Uhr
John Daly gewann die PGA Championship 1991 mit einem Gesamtscore von 12 unter Par
© Getty

John Daly gewann vor 20 Jahren im Crooked Stick Golf Club auf wundersame Weise die PGA Championship. Was ist danach alles in Dalys von Skandalen gepflastertem Leben passiert? Eine Siegesfeier bei McDonald's war dabei, legendäre Internet-Videos mit nacktem Oberkörper - und aktuell gibt es wieder einen klitzekleinen Funken Hoffnung für den Golfer John Daly.

Du brauchst eine Geschichte, um zu erklären, warum Golf der unfassbarste Sport der Welt ist? Nichts leichter als das! Mache eine Zeitreise und führe Dir den PGA-Championship-Triumph eines gewissen Herrn Daly aus dem Jahr 1991 zu Gemüte.

Wir sind im Crooked Stick Golf Club in Carmel, Indiana. Und der eigentliche Schocker ereignet sich schon in den Tagen vor Turnierstart. Die Art und Weise, wie John Daly überhaupt ins Feld rutschte, ist bis heute legendär. Das Stichwort: 9. Ersatzmann. Neun Leute mussten absagen, bis Daly irgendwann endlich nachrücken konnte.

Und das ging so. Mark James blieb lieber in Europa, weil er sich darauf konzentrieren wollte, sich für das europäische Ryder-Cup-Team zu qualifizieren. Nummer eins. Check. Lee Trevino sagte ab. Mentale und physische Erschöpfung. Nummer zwei. Check. Brad Faxon war als Sieger der Buick Open schon im Feld und machte den nächsten Platz frei. Nummer drei. Check. Gibby Gilbert hatte Ohrenschmerzen. Nummer vier. Check.

Niemand kannte Daly

Paul Azinger fiel nach einer Schulter-Operation aus. Nummer fünf. Check. Und Bill Sander, Mark Lye und Brad Bryant verzichteten allesamt auf ihre Plätze. Weil der Rücken schmerzte, es dringende familiäre Angelegenheiten zu erledigen gab oder jemand (Lye) einfach keinen Bock hatte, an der PGA Championship teilzunehmen, ohne vorher eine Proberunde gespielt zu haben. Nummer sechs, sieben und acht. Check. Check. Check.

Jetzt fehlte nur noch ein Mann, der absagen musste, um Daly ins Feld zu lassen. Mittwochnachmittag war es dann soweit - Nick Price blieb bei seiner hochschwangeren Frau und machte den Weg für Daly frei. Für einen völlig unbekannten 25-jährigen Rookie, der bis dahin bei 23 Starts elf Mal den Cut verpasst hatte. Sprich: Er hatte so gut wie nichts gerissen.

"Ich hatte noch nie von ihm gehört. Ich musste im Player-Guide nachsehen, damit ich weiß, wie der Junge überhaupt aussieht, falls ich ihn finden muss", erzählt Ken Anderson, der bei der PGA für das Management der Nachrücker zuständig war.

Daly setzte sich also in sein Auto und machte sich von seinem Zuhause in Memphis auf den Weg nach Indiana. Als er rechtzeitig zu seiner Tee-Time ankam, hatte er nur zwei grundlegende Probleme. Erstens: Er stand ohne Caddie da. Und zweitens: Er hatte den Platz noch nie gesehen und kannte sich nullkommanull aus.

Daly mit Blindenhund unterwegs

Das Caddie-Problem ließ sich recht schnell lösen. Daly schnappte sich einfach Jeff "Squeaky" Medlin, einen ehemaligen Maurer, der eigentlich hätte für Price arbeiten sollen und nach dessen Absage ja Zeit hatte. Und mit der Hilfe von Medlin gelang es Daly auch, seine nicht vorhandenen Platz-Kenntnisse zu kaschieren.

"An jedem Loch ging das gleiche Spiel los: 'Wo soll ich den Ball hier hinschlagen, Squeaky?' John war wie ein Blinder mit einem Blindenhund", erinnert sich Billy Andrade, der an den ersten beiden Tagen zusammen mit Daly unterwegs war.

Mit der Hilfe seines Blindenhundes brachte Daly am ersten Tag eine 69er-Runde ins Clubhaus. Es war ein guter Start. Mehr nicht. Die Führung hatten Ian Woosnam und Kenny Knox inne, aber irgendwie entwickelte sich bei Daly schon ein gutes Gefühl.

"Ich war locker drauf, weil ich nach einigen guten Ergebnissen im Juli gerade meine Tour-Karte gesichert hatte", sagt Daly, der vor allem wegen seiner unglaublichen Power seine Mitspieler beeindruckte. Dort, wo andere den Driver aus der Tasche zückten, nahm Daly das Eisen-1. Durch seine immense Länge stellte er auch seinen Caddie vor Probleme. Der hatte keine Ahnung, welchen Schläger er ihm in die Hand drücken sollte, weil er noch nie einen Spieler gesehen hatte, der den Ball so weit schlägt.

Dalys Länge war der große Schlüssel, denn sie ermöglichte es ihm, den Ball einfach über alle Problemfelder wie Wasserhindernisse oder Bunker drüberzuschlagen. Während einige seiner Konkurrenten ein Eisen-2 oder Eisen-3 an machen Stellen benötigten, nahm Daly ein Wedge. Dank seiner Drive-Exhibition und seines exzellenten Puttings (Daly: "Ich habe in der Woche alle Zwei-Meter-Tester gelocht") ging Daly am zweiten Tag nach einer 67 in Führung.

Putts mit gefühlten 160 km/h

"Ich erinnere mich noch, dass er wie ein Kind geputtet hat. Er hat die Putts brutal ins Loch gerammt. Mit gefühlten 160 km/h. Das hat einem gezeigt, wie viel Selbstvertrauen er besaß", erzählt Andrade. Am dritten Tag war es dann für jeden Zuschauer zu greifen, wie die Story dieses John Patrick Daly an Fahrt aufnahm. Dieser Typ, der den Ball so weit drischt. Der eine Zigarette nach der anderen pafft. Der mit den Fans kommuniziert. Es war ein Held geboren.

Noch am Samstagabend besuchte Daly ein NFL-Preseason-Spiel der Indianapolis Colts und wurde gefeiert, als ob er das Turnier schon gewonnen hätte. Sein Vorsprung auf Knox und Craig Stadler betrug vor der Finalrunde drei Schläge. Es war ein Vorsprung, den Daly ziemlich souverän nach Hause bringen sollte. JD konnte sich sogar ein Doppel-Bogey an der 17 leisten, ohne noch einmal in Gefahr zu kommen. Daly gewann am Ende mit drei Schlägen Vorsprung vor Bruce Lietzke, fünf Schlägen vor Jim Gallagher Jr. und sechs Schlägen vor Knox.

Das Bild, wie Daly wedelnd die 18 hochgelaufen kommt, wird Golf-Fans für immer im Gedächtnis bleiben. "Mein Sieg bei der British Open 1995 war großartig, aber es war einfach nicht so rowdymäßig und cool wie bei der PGA. Es war so cool, durch die Massen zu laufen und jeden zu high-fiven. Meine rechte Hand hat so weh getan nach dieser Woche", erklärt Daly.

Wie die Party danach aussah? Daly und ein paar Freunde schmissen sich in eine Limousine und gaben dem Fahrer die Anweisung, die nächstgelegene McDonald's-Filiale anzusteuern. Dort streckte Daly seinen Kopf aus dem Schiebedach und gab die Bestellung auf. Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein.

"Ich bin die ganze Zeit zu McDonald's gegangen. Ich habe damals etwas Whiskey getrunken, aber es war nicht so, wie es jeder über mich denkt. Ich habe mich volllaufen lassen, wenn es mir nicht gut ging. Das machen doch viele Menschen, da bin ich nicht anders. Aber in der Woche des PGA-Sieges habe ich keinen Tropfen getrunken", sagt Daly im Rückblick.

Verhängnisvolles Stechen gegen Tiger

20 Jahre ist sein großer Triumph nun her. Und seitdem war Daly vor allem mit Scheidungen, Sperren und diversen Eskapaden in den Schlagzeilen. Das heißt aber nicht, dass er kein guter Typ ist. Als Daly 1991 die Wanamaker Trophy entgegennahm, dachte er sofort an die zwei kleinen Mädchen, die während einer Regenunterbrechung am ersten Tag ihren Vater durch einen Blitzschlag verloren hatten. Daly wollte sofort helfen und spendete 30.000 Dollar.

Dennoch sind es natürlich andere Dinge, die man eher mit Big John in Verbindung bringt. Nach seinem PGA-Championship-Erfolg gewann er neben seinem zweiten Major-Titel bei der British Open 1995 in St. Andrews zwar noch einige weitere Turniere. Unter anderem die BMW International Open 2001 in München (mit 27 unter Par!) und das Buick Invitational 2004.

Völlig bergab ging es aber dann spätestens seit einem schicksalhaften Tag 2005, als bei der American Express Championship in einem Stechen gegen Tiger Woods ein Ein-Meter-Putt auslippte. Daly stürmte von der Anlage, verschenkte seinen Putter auf dem Parkplatz an einen Zuschauer und fuhr mit dem Auto nach Las Vegas, wo er prompt 1,65 Millionen Dollar verzockte. Dummerweise hatte er für seinen zweiten Platz nur 750.000 Dollar eingestrichen.

Seit diesem Stechen sind sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen er zwischendurch von der PGA Tour gesperrt wurde. Er von der Polizei in alkoholisiertem Zustand vor einem Hooters Restaurant aufgegriffen wurde. Er mit nacktem Oberkörper ein Interview im "John Daly's Murder Rock Golf and Country Club" gegeben hat, das zur Internet-Sensation wurde. Er von seinem Ex-Coach Butch Harmon attackiert wurde, weil dieser meint, das Wichtigste in Dalys Leben wäre nicht Golf, sondern sich zu besaufen. Er bei der Buick Open 2010 eine 88 notierte.

Erstes Top-10-Resultat seit sechs Jahren

Außerdem fällt er noch durch unglaubliche Hosen auf, hat nach einer Magenband-Operation 20 Kilogramm verloren - und er kommt im Prinzip nur noch in irgendwelche Turniere rein, weil die Sponsoren ihm eine Einladung geben und hoffen, durch seine Präsenz mehr Tickets zu verkaufen. Denn auch wenn er in der Weltrangliste um Platz 600 geführt wird, ist Daly nach Tiger Woods und Phil Mickelson nach wie vor wohl die faszinierendste Figur im Golfsport. Spielt Daly vorne mit, schnellen die Einschaltquoten auch heute noch sofort in die Höhe.

Bei der Canadian Open schaffte Daly vor kurzem seine erste Top-10-Platzierung seit 2005. Dass er bei seinen nächsten beiden Turnieren sofort wieder zweimal den Cut verpasste, ist typisch. Dennoch hat das Aufflackern von Dalys immensem Talent dafür gesorgt, dass man wieder Hoffnung hat, dass er in Zukunft noch einmal für Schlagzeilen auf dem Golfplatz sorgen wird. Man darf nicht vergessen, dass ein Teil von seinen Schwierigkeiten auch auf große Verletzungsprobleme zurückzuführen ist.

Heutzutage ist die Golf-Welt voll von Bombern wie Dustin Johnson, Bubba Watson, Alvaro Quiros oder Gary Woodland, aber Daly war einer der ersten Spieler, die die Fans mit der Kombination aus seiner Länge und seinem Touch um die Grüns herum in den Bann zog.

"In meinem Leben ging es immer auf und ab. Auf und ab. Aber ich kämpfe mich immer wieder zurück. Ich habe einige dumme Sachen in meiner Karriere gemacht, aber ich habe keine Leichen im Keller. Eine Sache, die ich über mein Leben sagen kann, ist, dass ich jeden Morgen aufwache und mir keine Sorgen machen muss, ob jemand irgendetwas über mich herausfindet", beschreibt Daly seine Lage.

45 Jahre ist der Mann, der einmal nach sechs Bällen ins Wasser eine 18 an einem Loch gespielt hat, inzwischen alt. Um 8.50 Uhr Ortszeit schlägt Daly an der Seite von Mark Brooks (1996 Champion) und Jerry Pate am Donnerstag im Atlanta Athletic Club zu seiner ersten Runde bei der PGA Championship 2011 ab. Golf ist der unfassbarste Sport der Welt, aber so unfassbar, dass Daly 20 Jahre nach seinem Triumph von Crooked Stick in dieser Woche vorne mitspielen wird, ist er nicht. Oder etwa doch?

Der Stand in der Weltrangliste

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