VfB Stuttgart: Carlos Mane im Porträt

Mane: Für diesen Posten überqualifiziert

Freitag, 14.10.2016 | 17:00 Uhr
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Im Sommer schleckten sich mehrere Klubs aus England die Finger nach Carlos Mane. Doch der Portugiese entschied sich bewusst gegen einen Wechsel auf die Insel und schloss sich dem VfB Stuttgart an. Auf den ersten Blick eine kuriose Entscheidung, denn der 22-Jährige aus dem Problembezirk von Lissabon scheint mit seinen Fähigkeiten für die 2. Liga überqualifiziert.

Eigentlich war es nur ein einziger Pass. Eine perfekt getimte Vorlage über gut 50 Meter. Flach, mit mächtig Dampf, wunderschön in den Lauf von Carlos Mane. Eine Spieleröffnung Hummels'schen Ausmaßes, die sich ins Gedächtnis zahlreicher VfB-Fans fräste. Seit Jahren bekommen sie im Schwabenland fußballerisch meist Magerkost serviert: hoch, weit und scheinbar planlos. Und nun dieser Ball.

Obwohl es nur eine Szene von wenigen Sekunden war, hatte dieser Strahl von Innenverteidiger Benjamin Pavard eine Symbolwirkung. Der Ausgangspunkt eines Neuanfangs nach dem Neuanfang, der dazu führte, dass zahlreiche Anhänger plötzlich wieder euphorisch waren und "ausgerechnet" murmelnd aus dem Stadion liefen. Denn es passte einfach alles ins Bild.

Wegen zahlreicher Transferscharmützel hatten sich Stuttgarts Sportvorstand Jan Schindelmeiser und Ex-Trainer Jos Luhukay in die Haare bekommen. Der eine wollte Spieler, die er nicht bekam, der andere holte neue, mit denen der Trainer nicht plante.

Carlos Mane und Benjamin Pavard gehörten zur zweiten Kategorie. Ohne das grüne Licht des Trainers lockte sie Schindelmeiser nach Stuttgart und setzte sie dem Coach vor die Nase. Sie seien noch nicht reif und brächten den VfB in der derzeitigen Situation nicht weiter, meinte Luhukay immer wieder achselzuckend.

Traumeinstand unter Wolf

Der neue Coach Hannes Wolf sah das anders und verhalf Beiden direkt im zweiten Spiel unter seiner Leitung zum Startelfdebüt. Nur vier Minuten nach dem Anpfiff und einen Traumpass später schimmerte auf der Anzeigetafel bereits ein 2:0. Carlos Mane hatte doppelt getroffen und damit den schnellsten Doppelpack eines Debütanten in der 1. und 2. Bundesliga geschnürt. Ausgerechnet Pavard. Ausgerechnet Mane.

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Mitten in die schwäbische Welle der Euphorie war es jedoch Schindelmeiser, der bewusst mit beiden Füßen auf die Bremse trat: "Benjamin und Carlos sind ins kalte Wasser geworfen worden - und sind geschwommen. Mehr aber auch nicht."

Dabei hatte er eigentlich allen Grund, sich mit Wucht auf die Schultern zu klopfen. Ohne den Erfolg des Transfers verfrüht an einem einzigen Spiel festzumachen, scheint es bereits jetzt die größte Leistung des neuen Sportvorstandes, dass speziell Mane überhaupt das Trikot mit dem roten Brustring trägt. Zwar bekam Schindelmeiser von allen Seiten lasterweise Lob für die mutige Trainerentscheidung. Doch den Jugendtrainer Wolf von einem Engagement beim VfB zu überzeugen war im Vergleich zur Mane-Verpflichtung wohl ein Kinderspiel.

Angebote aus England

Denn der 22-Jährige gehört zu den begabtesten Kickern in Portugal und hatte Angebote aus ganz Europa. Erst im Januar stand der HSV in ernsthaften Verhandlungen, nun klingelten offenbar mehrere Teams aus England beim Berater durch. Mane lehnte allerdings dankend ab. Er sah die Gefahr, "dort als einer von vielen unterzugehen", verriet Schindelmeiser rückblickend.

Sein Klub Sporting hatte im Sommer ordentlich investiert und ihm mit Lazar Markovic und Joel Campbell ordentliche Brocken vor die Nase gesetzt. Trainer Jorge Jesus legte ihm deshalb nahe, sich für den Übergang einen Klub im Ausland zu suchen, um Spielpraxis zu sammeln. Die Schwaben griffen zu und lotsten den hochtalentierten U21-Nationalspieler in die 2. Liga.

"Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, so schnell wie möglich in die 1. Liga aufzusteigen und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass uns das gelingt", erklärte der Portugiese seinen Wechsel nach Stuttgart. Mane, der bei Sporting weiterhin einen Vertrag bis 2020 besitzt, wird zunächst für zwei Jahre ausgeliehen. Sollten die Schwaben den Aufstieg im kommenden Jahr nicht schaffen, ist er jedoch bereits nach einer Saison wieder weg.

Zwar besitzt der VfB eine Kaufoption, die wird der Verein allerdings nicht stemmen können. 15 Millionen Euro müssten die Schwaben in Portugal auf den Tisch legen. Allein an dieser Zahl ist zu sehen, in welches Regalfach der VfB bei der Verpflichtung gegriffen hat.

Enorme Schnelligkeit

Seine wohl größte Stärke konnte Mane gegen Fürth bereits unter Beweis stellen. Mit etwas über 33 km/h brannte er gleich beim Debüt den schnellsten Sprint aller Spieler in den Rasen. Eine Fähigkeit, die seinen Spielstil enorm prägt. Er gilt als pfeilschneller und beweglicher Flügelspieler, der auf beiden Seiten spielen kann.

Immer wieder sucht Mane das Eins-gegen-eins und stößt zur Grundlinie durch, flankt aus dem Halbfeld oder sucht selbst den Abschluss. "Carlos Mane ist torgefährlich und gleichzeitig ein guter Vorbereiter. Mit ihm sind wir in der Offensive schwerer ausrechenbar. Insbesondere von seiner Schnelligkeit kann unser Spiel sehr profitieren. Geschwindigkeit ist das, was uns zuletzt gefehlt hat", analysiert Schindelmeiser.

Carlos Manes Gala-Auftritt gegen Greuther Fürth

Schwierige Kindheit

Auf den ersten Blick scheint die Karriere des Portugiesen zunächst wie auf Schienen verlaufen zu sein. Mit jungen Jahren schloss er sich Sporting an und wühlte sich durch sämtliche Jugendmannschaften bis hoch zu den Profis.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Weit bevor ihn Sporting unter seine Fittiche nahm, lebte Mane in Lissabon im Problembezirk Quinta do Mocho auf der Straße. Erst die Hilfsorganisation "Project Hope" gab ihm schließlich ein Zuhause. "In meiner damals komplizierten Nachbarschaft sprach mich ein Mann an. Er sagte mir, dass er mir helfen möchte", erinnert sich Mane gegenüber der Bild.

Der Hilfsverband setzte die Leitplanken im zuvor chaotischen Leben des Kindes neu und sorgte für Ordnung. Vormittags ging der junge Carlos zur Schule, den Nachmittag verbrachte er im Haus der Organisation. Dort bekam er warme Mahlzeiten und wurde bei den Hausaufgaben unterstützt. Eine prägende Zeit für den Portugiesen, der wohl auch durch die schwierige Kindheit inzwischen ein Familienmensch geworden ist. Erst seit wenigen Monaten ist er glücklicher Vater einer kleinen Tochter. Sie wird mitsamt der Mutter in wenigen Wochen ins Schwabenland ziehen.

"Dann erfüllte sich mein Traum"

Auch sportlich veränderte die Zeit in der Organisation Manes Leben. Jeden Nachmittag kickte er mit Gleichaltrigen und machte auf sich aufmerksam. "Dann erfüllte sich mein Traum. Ich durfte für meinen Lieblingsklub Sporting in der Jugend spielen, wechselte mit 14 Jahren zudem ins Internat des Vereins", so Mane, der fortan an der Seite zahlreicher Talente seinen Weg ging. Neben der Ausbildung beim Klub hakte er der Reihe nach sämtliche U-Nationalmannschaften ab und debütierte im Jahr 2013 letztlich mit 18 Jahren in der ersten portugiesischen Liga. Seitdem bestritt er 60 Partien und traf neun Mal. Auch bei Olympia in Rio gehörte er zum engen Kreis der Startelfkandidaten.

Umso überraschender kam im Sommer die Meldung, dass sich Mane für den VfB Stuttgart und somit für die 2. Liga entschieden hatte. Wirklich einschätzen konnten viele Fans im Schwabenland den Transfer zu dieser Zeit noch nicht. Da ihn Ex-Coach Luhukay auf der Bank ließ, wurde der Glanz des Diamanten zudem etwas getrübt. Erst nach dem Pavard-Zuckerpass und seinem Doppelpack scheinen sie zu erkennen, welch großes Talent derzeit in Stuttgart spielt. Dass Trainer Wolf nach dem Spiel erklärte, der Ball von Pavard wäre "sicher für Kevin Großkreutz und nicht für Carlos" gedacht, tut nichts zur Sache. Denn der Funke ist längst übergesprungen.

Mane ist mit seinen Fähigkeiten und seiner enormen Schnelligkeit eigentlich zu gut für die 2. Liga. Bei einem Vorstellungsgespräch in einem mittelständischen Unternehmen wäre er wohl mit den Worten "für diesen Posten überqualifiziert" nach Hause geschickt worden. Doch er wird gemeinsam mit seinen Beratern einen Zukunftsplan ausgetüftelt haben und wissen, auf was er sich eingelassen hat. Auch wenn sein Twitter-Profil zunächst etwas anderes vermutet ließ. Dort gab er nach seinem Wechsel mit breiter Brust an, dass er ab sofort für einen neuen Klub spielen wird: den "Stuttgart FC".

Carlos Mane im Steckbrief

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