Kommentar zum Rücktritt Jos Luhukay beim VfB Stuttgart

VfB: Eine Beleidigung für jedes Kasperletheater

Donnerstag, 15.09.2016 | 19:00 Uhr
Jos Luhukay ist als Trainer des VfB Stuttgart zurückgetreten
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Das Chaos beim VfB Stuttgart nimmt kein Ende. Nach nur vier Spieltagen in der 2. Liga steht der Klub mal wieder ohne Trainer da. Differenzen mit Sportvorstand Jan Schindelmeiser führten zum Rücktritt von Trainer Jos Luhukay. Beiden ist allerdings kein großer Vorwurf zu machen. Die haarsträubenden Fehler wurden bereits im Sommer begangen - mal wieder. Ein SPOX-Kommentar von Frank Oschwald.

Unmittelbar nachdem feststand, dass der VfB Stuttgart den Weg in die 2. Liga antritt, gab es auf Führungsebene die große Kehrwoche. Präsident Bernd Wahler? Zurückgetreten! Sportvorstand Robin Dutt? Gefeuert! Trainer Jürgen Kramny? Vom Hof gejagt! Innerhalb von wenigen Tagen wurde die komplette sportliche Kompetenz rasiert. Alles sollte im Unterhaus besser werden, sogar eine Euphorie keimte im teilweise zu Unrecht als kritisch abgestempelten Publikum auf.

Doch inzwischen stehen die Schwaben schon wieder knietief im Scherbenhaufen des Scherbenhaufens. Nach gerade einmal vier Spieltagen nahm Trainer Jos Luhukay beim VfB seinen Hut, 76 Tage im Stuttgarter-Chaos reichten dem Niederländer. Man könnte jetzt mal wieder die elendige Statistik mit den unzähligen Trainern der letzten fünf Jahre herausholen, doch das wird langsam albern. Vielmehr muss hinterfragt werden, wie zur Hölle das schon wieder passieren konnte.

Wirtschaft plant den Fußball

Die Fehleranalyse beginnt im Sommer. Dort, wo sich die Verantwortung nach dem personellen Kahlschlag im Sommer bündelte, wurden (mal wieder) haarsträubende Fehler gemacht. Der Aufsichtsrat, der von Haus aus eigentlich ein reines Kontrollorgan sein sollte, nahm sich in handwerklich feinster Do-it-Yourself-Manier mal eben dem personellen Engpass an und leimte einen neuen Verein zusammen.

Es ist der blanke Hohn, wenn man sich vor Augen führt, wer dort für den sportlich so wichtigen Wiederaufbau verantwortlich war: Martin Schäfer vom Schrauben-Giganten Würth, Hartmut Jenner von Kärcher und Wilfried Porth von Daimler - allesamt Bosse aus der Wirtschaft mit, ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, eingeschränkter sportlicher Kompetenz. In einer völlig überhasteten Aktion zauberte das Gremium schnell nach dem Abstieg Jos Luhukay aus dem Hut. Bereits da waren die Probleme vorprogrammiert.

Juni 2016: Vorprogrammierte Probleme beim VfB Stuttgart

Nachdem die Schwaben mehrere Jahre planlos durch die Liga irrten und bei jedem kleinen Windstoß die Richtung änderten, hätten sie nach dem Abstieg erneut die Chance gehabt, den Verein auf eine solide Basis zu stellen. In Ruhe hätte ein Philosophie entwickelt werden können, die den Verein unabhängig von einzelnen Personen macht. Ein Sportdirektor bzw. ein Sportvorstand ist dazu elementar. Es ist seine Aufgabe, das Vereinsgerüst zu entwickeln und im Anschluss (!) einen Trainer zu suchen, der genau diese Struktur mit Leben füllt. Nur so kann ein Verein funktionieren.

Brechstange statt Planung

Die hektischen Wirtschaftsbosse drehten den Spieß kurzerhand einfach mal um und versuchten mit der Brechstange, das aufgebrachte Umfeld zu beruhigen. Bei Luhukay konnte das Trio gut abschätzen, was sie bekommen: Einen kauzigen Trainer mit Aufstiegsgarantie. Das sieht auf den ersten Blick ganz gut aus. Dass sich der Niederländer nach dem Aufstieg bei keinem seiner Klubs jedoch langfristig hielt, kehrten sie kurzerhand mal eben unter den Tisch oder nahmen es achselzuckend hin.

Als Stuttgart wenige Wochen nach der Luhukay-Verpflichtung den neuen Sportvorstand Jan Schindelmeiser vorstellte, fragten sich einige, was denn eigentlich passiert, wenn er mit dem Trainer eigentlich gar nicht könne. Die Antwort auf diese Frage gab der VfB in den letzten Wochen selbst. Jeder VfB-Fan muss sich an den Kopf fassen, wenn er hört, dass Schindelmeiser bereits nach den ersten Gesprächen mit Luhukay gespürt habe, "dass es schwierig werden könnte".

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Die Vorstellungen in Sachen Transfers der beiden gingen himmelweit auseinander. Während Luhukay bis zum Amtsantritt von Schindelmeiser scheinbar Narrenfreiheit hatte und sich wie üblich seine alten Weggefährten ins Boot holte, schob ihm der Chef im Anschluss rigoros einen Riegel vor und setzte ihm die Spieler vor die Nase. Bei den drei Neuzugängen Carlos Mane, Benjamin Pavard und Takuma Asano beispielsweise war der Trainer eingeweiht, hatte sie alle jedoch abgelehnt. "Drei Tage vor Ende der Transferperiode hat er gesagt, dass er die Spieler nicht haben will", so Schindelmeiser.

Luhukay und Schindelmeiser baden aus

Luhukay und Schindelmeiser sind bei dem Chaos nur eingeschränkt Vorwürfe zu machen. Denn dass einerseits Luhukay bei den unterschiedlichen Ansichten von Bord geht, ist nur konsequent und richtig. Und dass der Sportvorstand das Personal zur Verfügung stellt und nicht nach der Pfeife des Trainers tanzt, sollte Usus in jedem guten Verein sein. Vielmehr baden die beiden gerade die Fehler aus, die im Sommer gemacht wurden.

Wie bei jeder wichtigen PK in den letzten Jahren fiel auch am Donnerstag das böse Wort N-Wort, bei dem sämtliche VfB-Fans nur noch mit den Augen rollen. "Es ist ein Neuanfang für uns", frohlockte Schindelmeiser. Klar, das war es bei Jos Luhukay, Alexander Zorniger, Armin Veh, Jens Keller und Bruno Labbadia aber auch.

Mit der anstehenden Präsidentenwahl und einem neuen Trainer haben die Stuttgarter nun gefühlt zum 1893. Mal die Chance, den Verein strukturell neu und sinnvoll auszurichten und sich endlich unabhängig von Individuen zu machen. Schindelmeiser wird sich nach dem Rücktritt von Luhukay ins Fäustchen gelacht haben. Denn jetzt kann er einen Trainer nach seinem Gusto holen. Für ihn gilt es jetzt, das Kasperletheater am Neckar zu beenden. Wobei dieser Vergleich für jedes Puppenspiel wohl eher eine Beleidigung ist.

Der VfB Stuttgart im Steckbrief

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