"Ismaik entscheidet nicht, wer kommt und geht"

Freitag, 16.09.2016 | 11:39 Uhr
Vor seiner Tätigkeit bei 1860 München arbeitete Thomas Eichin für Werder Bremen und die Kölner Haie
© getty
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Nach seiner Entlassung bei Werder Bremen heuerte Thomas Eichin als Geschäftsführer Sport bei 1860 München an. Mit den Transfers von Ivica Olic und Stefan Aigner hat er in München-Giesing für neue Euphorie gesorgt. Im Interview mit SPOX spricht Eichin über sympathisches Chaos bei den Löwen und Ablenkungen auf der Geschäftsstelle, über die Machtverteilung mit Ismaik, seine Fähigkeit, besser zu sein, wenn es schlecht läuft, und Skripniks Underachievement.

SPOX: Herr Eichin, was für ein Gefühl herrscht bei einem Sportchef vor, wenn es am letzten Transfertag Mitternacht schlägt?

Thomas Eichin: Das ist völlig unterschiedlich, je nachdem was man noch vorhatte. Diesmal war es nicht so dramatisch, weil wir schon zwei Tage zuvor beschlossen haben, nicht mehr aktiv zu werden. Prinzipiell wird das aber alles arg aufgebauscht. Die treibenden Kräfte dieses Theaters sind die Agenten.

SPOX: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer ersten Transferperiode als Sportchef von 1860 München?

Eichin: Ich bin nicht hundertprozentig zufrieden, weil ich erst im Laufe der Sommerpause dazugestoßen bin, die Mannschaft kennenlernen und jeden einzelnen Spieler beurteilen wollte. Aber die Transfers, von denen wir letztlich überzeugt waren, haben wir alle gemacht.

SPOX: Sie sind offiziell erst seit dem 1. August bei 1860 angestellt, haben zuvor aber bereits im Hintergrund gearbeitet. Was war die Idee dahinter?

Eichin: Aus Erfahrung weiß ich, dass ich, sobald ich auf der Geschäftsstelle anfange, zu 80 Prozent abgelenkt bin, da jeder mit irgendwelchen Wünschen auf mich zukommt. Deshalb habe ich den ganzen Juli ehrenamtlich von Zuhause aus gearbeitet. Mein Büro ist ohnehin mein Smartphone. Dort werden Transfers arrangiert.

SPOX: Mit der Verpflichtung von Stefan Aigner gelang ihnen der Königstransfer. Haben Sie bei der Anfrage ernsthaft geglaubt, dass das klappen könnte?

Eichin: Ich wusste schon, dass er es sich vorstellen konnte, zu Sechzig zurückzukehren - sonst hätte ich auch nicht angefragt.

SPOX: Was bedeutet so eine Identifikationsfigur für einen Verein?

Eichin: Es ist ganz wichtig, Spieler mit einem hohen Identifikationswert in der Mannschaft zu haben. Optimal ist es natürlich, wenn sie - wie im Fall Aigner - auch noch im besten Fußballer-Alter sind.

SPOX: Bei 1860 war Aigner bisher ihre spektakulärste Verpflichtung. Auf welchen Transfer ihrer Karriere sind Sie besonders stolz?

Eichin: Da muss ich drei nennen: Vestergaard, di Santo und Ujah. Sie haben erst sportlich überzeugt und durch ihre Verkäufe dann viel Geld eingebracht.

SPOX: Viel Geld bringen derzeit vor allem die englischen Vereine auf den Markt, nicht zuletzt dank des neuen TV-Vertrags.

Eichin: Was dort passiert, kann ich nicht nachvollziehen. Die Summen, die Durchschnittsspieler in deren zweiter Liga verdienen, sind unglaublich. Da können wir in Deutschland einfach nicht mithalten. Letztendlich haben die Engländer von ihren höheren TV-Geldern aber nichts, weil sie über Preis bezahlen.

SPOX: Was bedeutet all das für die Vereine in Deutschland?

Eichin: Wir bekommen zwar für unsere Spieler mehr Geld, aber das Problem ist, dass wir die abgegebenen Spieler nie mehr zurückbekommen, weil wir ihre Gehälter hier nicht bezahlen können.

SPOX: Zurück zu Ihrer Arbeit bei 1860. Ihr Vorgänger Oliver Kreuzer meinte vor einem halben Jahr im Interview mit SPOX, sein erster Eindruck von 1860 sei "etwas verrückt" gewesen. Was war ihr erster Eindruck?

Eichin: Verrückt würde ich nicht sagen, aber ein sympathisches Chaos gehört hier schon dazu. Das will ich auch aufrechterhalten, obwohl ich eigentlich jemand bin, der immer gerne Ordnung hat und alles strukturiert bearbeiten will. Überrascht hat mich, dass es so viele Sechzig-Fans in München gibt. Der Verein hat eine unglaubliche Popularität und ein brutales Potenzial.

SPOX: Mit Gerhard Poschner und Oliver Kreuzer sind zuletzt zwei prominente Manager daran gescheitert, dieses Potenzial auszuschöpfen. Warum passiert Ihnen das nicht?

Eichin: Ich habe keine Angst vor der Zukunft, sondern eine Aufgabe, die ich erfüllen will. Das ist mir bei meinen bisherigen Engagements immer gelungen.

SPOX: Mussten Sie eigentlich zu Ihrer Tätigkeit bei 1860 überredet werden?

Eichin: Ich wollte mir nach einer intensiven Zeit bei Werder Bremen eigentlich eine Auszeit nehmen und nicht sofort wieder ins Tagesgeschäft einsteigen. Als die Anfrage von Sechzig kam, habe ich aber nach kurzer Bedenkzeit zugesagt, weil ich sicher bin, dass ich mich später geärgert hätte, wenn ich abgesagt hätte.

SPOX: Was ist Ihr langfristiges Ziel mit 1860?

Eichin: Es muss die Vision geben, dass wir irgendwann wieder in der Bundesliga spielen, da gehört der Verein einfach hin. In dieser Saison wollen wir bis zur Winterpause auf einem stabilen Mittelfeldplatz stehen - und dann weiterschauen. Hannover und Stuttgart werden durchmarschieren. Danach kommen einige Verein, die an Platz drei schnuppern können, wir jedoch eher nicht.

SPOX: Laut transfermarkt.de hat 1860 den drittteuersten Kader der Liga. Stapeln Sie nicht etwas tief?

Eichin: Ich glaube nicht, dass das der Realität entspricht. Also nein.

Seite 1: Thomas Eichin über sympathisches Löwen-Chaos und Ablenkungen auf der Geschäftsstelle

Seite 2: Thomas Eichin über die Machtverteilung mit Ismaik und Skripniks Underachievement

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