Gefühlsecht wie Sex ohne Kondom

Mittwoch, 31.08.2016 | 12:00 Uhr
Kevin Großkreutz hat ein ereignisreiches Jahr hinter sich
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Vor einem Jahr wurde Kevin Großkreutz vor seinem Wechsel zu Galatasaray Opfer einer Transferpanne, die seine Karriere für sechs Monate auf Eis legte - zumindest sportlich. Aus den Schlagzeilen geriet er nie. Im Gegenteil: Der Weltmeister hat ein bewegtes Jahr hinter sich.

Unterhaltung gesucht? Kein Problem: Um Kevin Großkreutz wird es wird niemals ruhig.

Am Dienstagmorgen fütterte der Weltmeister wieder einmal die Newsticker. Wegen eines Streits mit Co-Trainer Remy Reijnierse wurde Großkreutz beim Training des VfB Stuttgart vorzeitig in die Kabine geschickt. Wutentbrannt vom Feld stapfen und Wegtreten einer Wasserflasche inklusive.

Trotzdem ist der Zwischenfall angesichts der letzten zwölf Monate des 28-Jährigen nur eine Randnotiz. Das Jahr Großkreutz war voller Geschichten.

Kevin Großkreutz: Opfer einer Panne

Genau ein Jahr ist es her, dass der Allrounder Opfer einer Transferpanne wurde. Nach Differenzen mit Borussia Dortmunds neuem Trainer Thomas Tuchel und fehlender sportlicher Perspektive hatte sich der BVB mit Galatasaray auf einen Wechsel verständigt. Nur hatte Gala die zur Anmeldung des Transfers nötigen Dokumente 48 Sekunden zu spät im elektronischen Transfersystem der FIFA eingegeben. Die Folge: Der Weltverband versagte Großkreutz die Spielberechtigung für die Hinrunde der Saison 2015/2016.

Trotzdem stand das BVB-Urgestein zu seinem Wort und wechselte an den Bosporus: "Ich habe sofort gesagt, dass ich hier bleibe. Ich will die Zeit nutzen, die Menschen und die Mannschaft kennenzulernen und zu helfen, auch wenn ich nicht spielen kann", sagte Großkreutz Anfang November im SPOX-Interview. Ein halbes Jahr im Training seine Fähigkeit unter Beweis stellen, dann voll durchstarten. Das war der Plan.

Umgesetzt wurde er nie. Die Verbindung zu Gala stand durch die Panne von Beginn an unter keinem guten Stern. Der Nationalspieler fühlte sich von Beginn an unwohl: "Großkreutz wollte einen Tag nach seinem Transfer schon wieder zurück nach Dortmund. Er könne ohne seine Familie nicht leben, teilte er uns mit", sagte der ehemalige Gala-Trainer Hamza Hamzaoglu beim türkischen TV-Sender NTV Spor.

In seiner pflichtspielfreien Zeit startete Großkreutz eine Social-Media-Großoffensive, die bis zum heutigen Tag anhält. Auf seinem Instagram-Account sorgt er seitdem regelmäßig für Irritationen. Es begann, als er zwei Tage vor dem Istanbuler Derby gegen Fenerbahce mitteilte, in die Heimat zum BVB zu fliegen. Das Desinteresse am wichtigsten Spiel des Jahres seines Verein brachte ihn im Ranking der Lieblingsspieler nicht unbedingt nach oben. Dass Großkreutz den Verein im Winter verlassen wollte, stand aber ohnehin schon fest.

Sportlicher Cut

Der erhoffte Cut: Großkreutz verließ die türkische SüperLig nach einem halben Jahr und wechselte zum VfB Stuttgart, er spielte die ersten neun Spiele der Rückrunde durch, mit seiner kämpferischen Art wurde er auf Anhieb zum Publikumsliebling. Großkreutz bekundete offen, sich wohl zu fühlen. Endlich wieder in Deutschland und dann auch noch bei einem Traditionsverein.

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Das Märchen nahm jedoch einen bittersüßen Verlauf. Großkreutz zog sich im März einen Muskelbündelriss zu und fiel beinahe den gesamten Rest der Rückrunde aus. In der Endphase der Saison verloren die Schwaben sieben von acht Spielen, am Ende stand der Abstieg in Liga zwei.

VfB-Abstieg kein Grund für Abschied

Drei Jahre nach dem Champions-League-Finale in Wembley, zwei Jahre nach dem Weltmeistertitel im Maracana stand der Abstieg mit dem VfB. Also weiterziehen? Nicht mit Großkreutz!

Als einer der Ersten bekannte er sich zu seinem Klub: "Ich schwöre auf alles, was mir heilig ist: Ich werde im nächsten Jahr in der 2. Liga mehr Emotionen zeigen, als der FC Bayern bei der Meisterschaft! Vielleicht ist der Neuanfang jetzt ganz gut, auch wenn es erstmal weh tut! Aber eins weiß ich, wir werden zurückkommen - dafür habe ich zuviel Stolz, Herz und Ehre!"

Kein Wunder, dass Großkreutz bei den VfB-Supportern einen Stein im Brett hat. Auf sozialer Ebene verdient er sich Anerkennung. Wie schon in der Vergangenheit beim BVB setzt sich Großkreutz auch in Stuttgart für die Juniorenabteilung ein. So reist er regelmäßig zu Spielen, unterstützt die U-Teams.

Launische Kommentare auf Instagram und Twitter

Doch Großkreutz wäre nicht Großkreutz, wenn der Social-Media-Zug nicht weiter auf Volldampf unterwegs wäre. Links und rechts fliegen Giftpfeile in alle Richtungen, seit März befeuert "fischkreutz" neben Instagram auch Twitter.

Immer wieder äußert er sich zum Geschehen beim BVB. Ein Beispiel? Den Abschied von Jakub Blaszczykowski kommentierte er süffisant: "Dankbarkeit gibt es nur noch von den Fans."

Schon länger ist Verhältnis mit der Beletage seines Herzensvereins belastet. "So langsam braucht man sich auch nicht mehr über andere Vereine beschweren! Es wird genau dieselbe SCHEISSE gemacht! Preise, Tradition usw.", hatte er die Führungsriege der Borussia von Istanbul aus kritisiert. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke konnte das nicht auf sich sitzen lassen: "Ich würde Kevin empfehlen, sich mal um seine Probleme zu kümmern, da hat er mit Sicherheit genug zu tun."

Ein Spezialgebiet des Fußball-Romantikers Großkreutz ist mittlerweile, gegen ungeliebte "Retortenklubs" zu schießen. Auf die Aussagen seines ehemaligen Mannschaftskollegen Timo Werner, sein neuer Klub RB Leipzig könne sich im Laufe der Jahre zum Traditionsklub entwickeln, reagierte er: "Wir sind Freunde, aber bevor die Tradition haben, werden die aus GE Meister."

Mit Lukas Rupp wechselte ein anderer Kollege vom VfB zu 1899 Hoffenheim. "Was ich persönlich von solchen Vereinen halte, das weißt du selber. Das erste Topspiel hast du ja gleich am ersten Spieltag - Sex mit Kondom ist genauso gefühlsecht wie dieses Spiel." Hoffenheim musste zum Auftakt gegen Aufsteiger Leipzig ran. Am Deadline Day legte Großkreutz noch einmal nach, als er via Instagram sarkastisch einen Wechsel zu RB Leipzig ankündigte.

Großkreutz: Social Media ohne Kondom

In einer Zeit, in der immer wieder Schreie nach echten Typen laut werden, ist Großkreutz eines ganz bestimmt: gefühlsecht. Das metaphorische Kondom lässt der Weltmeister bei seinen Aussagen weg.

Sportlich ist es nach einem ereignisreichen Jahr allerdings einmal mehr schwierig. Die angekündigten Emotionen konnte Großkreutz in der zweiten Liga bislang noch nicht zeigen. Mit muskulären Problemen hat er den Ligastart verpasst. Wann er wieder einsatzbereit ist, ist nicht bekannt.

Doch auch da weiß sich Großkreutz zu behelfen: Dann zeigt er seine Emotionen eben im Training. Die weggetretene Wasserflasche wird es ihm nicht danken.

Kevin Großkreutz im Steckbrief

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