Nürnberg-Trainer Rene Weiler im Interview

"Idioten werden Idioten bleiben"

Donnerstag, 19.05.2016 | 14:58 Uhr
Mit 38 Punkten in 17 Partien stellt Rene Weilers 1. FC Nürnberg die beste Elf der Zweitliga-Rückrunde
© getty
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SPOX: Sie haben an der Hochschule Winterthur ein Bachelor-Studium in den Bereichen Kommunikation, Journalismus und Medien abgeschlossen, etwas später folgte ein Master in Kommunikation, Management und Leadership. Wie haben Sie das neben dem Trainerberuf hingekriegt?

Weiler: Ich weiß es selbst nicht so genau. Ich habe mich 2009 in Schaffhausen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach mal parallel für den Master angemeldet. Ich benötigte dann auch fünf Jahre dafür, obwohl man das auch in zwei Jahren hätte abschließen können. Es war sehr anspruchsvoll. Ich habe in den Fußballpausen viel nachgeholt und die Masterarbeit dann während meiner Auszeit 2014 geschrieben. Diese Zweifachbelastung hat mich lange begleitet und ich dachte immer wieder: Wann und wie um Himmels Willen mache ich denn mal diese Arbeit noch fertig?

SPOX: Weshalb waren Ihnen die Studienabschlüsse wichtig?

Weiler: Die Medien sind zunächst ja entscheidende Mitspieler in unserem Geschäft. Für mich als Trainer ist zudem die Kommunikation allgemein und nicht nur mit der Mannschaft sehr wichtig. Die Spieler nehmen es ja auch wahr, welche Bilder die Öffentlichkeit von ihnen oder ihrem Verein zeichnet. Daher ist es kein Nachteil, wenn man zumindest in der Theorie weiß, wie gewisse Dinge ablaufen und welche Konsequenzen daraus entstehen können.

SPOX: Wie intensiv verfolgen Sie die Berichterstattung über den Club und sich selbst?

Weiler: Artikel über uns oder mich lese ich prinzipiell nicht, da es mir einfach nichts bringt. Ich weiß ja selbst am besten, was wir warum machen. Die Betrachtungsweise von außen ist mir oft zu einsilbig. Das nervt mich dann auch richtig. Da schaut man sich oft nur ein Resultat an und sagt: Die waren heute aber nicht gut. Vielleicht aber war man sehr gut, nur der Gegner eben noch besser. Es muss ja nicht zwangsläufig mit dem eigenen Spiel zu tun haben, wenn man nicht gewinnt.

SPOX: Man möchte meinen, es sei eine Mär, dass Spieler oder Trainer keine Sportberichterstattung verfolgen.

Weiler: Die Trainer machen sich doch tagein und tagaus etliche Gedanken, was warum wo und wie das Richtige sein soll. Dann kann es doch nicht sein, dass irgendwelche außenstehenden Meinungen die eigene Entscheidungsfindung beeinflussen können. Das heißt aber nicht, dass ich deswegen beratungsresistent bin. Meine Pressesprecherin informiert mich regelmäßig über Strömungen, so dass ich auch Stimmungen oder Ansichten mitbekomme.

SPOX: Die Medienwelt ist hektisch und schnell geworden. Es gibt viel Schwarz und Weiß, die Grautöne dazwischen scheinen nicht zu interessieren.

Weiler: Das sah man ja zuletzt wieder beim FC Bayern. Man muss eigentlich nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob Pep Guardiola in München gescheitert ist. Guardiola wird ohne Frage enttäuscht darüber sein, dass er mit dem Champions-League-Titel das höchste Ziel eines Unternehmens, das sehr viel investiert, nicht erreicht hat. Manchmal wäre mir deshalb lieber, es würde gerade die Online-Medien nicht geben. Ich finde es für uns Menschen viel wohltuender, mit einer Tasse Kaffee inne zu halten und eine Zeitung zu lesen.

SPOX: Weil dann vieles entschleunigt würde?

Weiler: Ja, aber es würde dann auch einfach weniger dummes Geschwätz geben. Der Zeit- und Konkurrenzdruck der Online-Medien hat auch viele Nachteile und gesuchte Schlagzeilen zur Folge. Das bekommen die Spieler ja natürlich alles mit. Ich musste meiner Mannschaft sagen, sie solle aufhören zu glauben, den zweiten Platz verpasst zu haben - weil es eben zuvor in den Medien so aufgebauscht wurde. Da steht dann nicht: 'Nürnberg verliert nach spannendem Spiel in Braunschweig'. Sondern, da man die Konkurrenz mit pompösen Schlagzeilen ausstechen muss: 'Ganz bitterer Tag für den Club' oder 'Herber Rückschlag für FCN'. Das ist für unsere tägliche Arbeit nachteilig und längst nicht mehr gesund.

SPOX: Wie sehen Sie den Umgang mit den sozialen Medien?

Weiler: Das ist natürlich Privatsache, aber ich versuche, die Spieler zu sensibilisieren. Es muss nicht alles mit der Öffentlichkeit geteilt werden.

SPOX: Ihr eigener Vertrag läuft 2017 aus. Möglicherweise trainieren Sie nächste Saison einen Erstligisten. Verlängern Sie in Nürnberg?

Weiler: Im Moment konzentrieren wir uns alle voll und ganz auf die Gegenwart und Zukunft des 1. FC Nürnberg. Hier gibt es noch viel zu tun. Alles andere ist kein Thema. Mir gefällt es in Nürnberg, dennoch gebe ich möglichst nie Bekenntnisse ab.

SPOX: Liegt das auch an der Befürchtung, eines Tages dem hohen Arbeitsaufwand als Trainer Tribut zollen zu müssen?

Weiler: Nein. Wenn die Verschleißerscheinungen zu groß sind, würde ich aufhören. Das wäre es mir nicht wert. Die Frage ist nur, ob man das dann auch noch so sieht, wenn diese Situation einmal eintritt. Ich möchte aber nicht in drei Jahren auf einen 60. Geburtstag eingeladen werden und dann kommen plötzlich alle zu mir und beglückwünschen mich. (lacht)

SPOX: Es wäre für Sie also vorstellbar, dem Fußball vom einen auf den anderen Tag loszusagen?

Weiler: Absolut, dies zu können ist für mich auch von entscheidender Bedeutung. Ich gebe im Geschäft Fußball alles und möchte möglichst viel erreichen. Ich möchte wissen, wo das Maximum liegt. Wenn mir das Geschäft jedoch schadet oder mich nicht mehr reizt, dann habe ich kein großes Problem, nicht mehr diesem Zirkus anzugehören. Ich schätze die vielen Sonnenseiten dieses Berufs, erlebe aber auch die Schattenseiten - und die beeinflussen den gesamten Tagesinhalt massiv. Wenn man als Trainer ein Spiel gewinnt, freut man sich drei Stunden und hat mehrere Nachrichten auf dem Handy. Verlierst du, beschäftigt dich das beinahe drei Tage lang und du hast zudem das Gefühl, alle haben deine Nummer gelöscht.

SPOX: Haben Sie die Ambition, eines Tages einen Champions-League-Verein zu trainieren?

Weiler: Nein. Ziel ist nicht, so hochklassig wie möglich zu trainieren. Das können Sie mir nun glauben oder nicht. Wie gesagt, mich interessiert die Grenze, die ich als Trainer erreichen kann. Das Ende der Fahnenstange stellt für mich aber nicht zwangsläufig die Champions League dar. Ich träume nicht von dieser Hymne. Für mich ist es essentiell, bei meiner Arbeit Befriedigung zu bekommen und Erfolge zu erzielen - das kann aber auch die Weiterentwicklung einzelner Spieler oder des gesamten Vereins sein.

Seite 1: Weiler über Favre, sein Ende in der Schweiz und die Grenze des Trainerberufs

Seite 2: Weiler über seinen Blick auf die Medienwelt und (Zukunfts-)Ambitionen

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